Nr. 42/2020 vom 15.10.2020

Rattengift zum Abendessen

Vor sechzig Jahren fiel der kamerunische Freiheitskämpfer Félix Roland Moumié in Genf einem Giftanschlag zum Opfer. Der politische Mord ist heute fast vergessen, was auch an den damals nachlässigen Ermittlungen der Schweizer Behörden liegt.

Von Thomas Riegler

Tödliches Thallium im Pernod und im Rotwein: Der kamerunische Oppositionspolitiker Félix Roland Moumié wird 1960 von der Roten Hand umgebracht. FOTO: ALAMY

Dr. Félix Roland Moumié wähnt sich an diesem Abend in Sicherheit: Am 15. Oktober 1960 sitzt er im «Plat d’Argent», einem der besten Restaurants in der Genfer Altstadt, an seiner Seite sein Sekretär und der Journalist William Bechtel. Letztgenannter interessiert sich für Moumiés politische Überzeugungen als Anführer der kamerunischen Oppositionspartei Union des Populations du Cameroun (UPC). Moumié redet so begeistert, dass er vergisst, sein Glas Pernod zu leeren, das als Aperitif gereicht wurde. In ebendiesen Drink hat Bechtel ein Gramm Thallium gemischt – ein langsam, aber tödlich wirkendes Rattengift. Denn was Moumié nicht ahnt: Bechtel ist in Wirklichkeit Geheimagent und hat den Auftrag, ihn zu liquidieren.

Weil Moumié den Pernod nicht anrührt, lenkt Bechtel seinen Gesprächspartner mit Fotos ab und schüttet eine weitere Giftdosis in ein Glas Rotwein. Doch dann passiert das Unvorhergesehene: Moumié trinkt beide Gläser leer. Das ruiniert den perfiden Mordplan. Eigentlich sollte Moumié aufgrund der schleichenden Wirkung von Thallium erst am folgenden Tag auf dem Rückflug nach Guinea erkranken – nun zeigen sich die Vergiftungssymptome schon nach wenigen Stunden.

Genf als Waffendrehscheibe

Am Abend des 16. Oktober wird Moumié ins Genfer Spital eingeliefert. Aber es hilft nichts: Der 34-Jährige verliert Haare und Zähne, kann bald nicht mehr sprechen oder schreiben und fällt schliesslich ins Koma. Nach zweieinhalb Wochen elenden Todeskampfs stirbt Moumié am 3. November 1960. Angeblich soll er nur noch kurz gemurmelt haben: «Die Rote Hand hat mich vergiften lassen.»

Die Rote Hand (Main Rouge) verbreitete seit Anfang der fünfziger Jahre Angst und Schrecken. Angeblich eine Organisation französischer Ultrarechter, verbarg sich dahinter der Auslandsgeheimdienst DGSE (damals SDECE). Unter dem Deckmantel der Roten Hand konnten Frankreichs Spione Attentate auch auf fremdem Territorium begehen. Unter anderem wurde 1952 der Generalsekretär des tunesischen Gewerkschaftsdachverbands, Farhat Hached, erschossen. 1957 tötete eine Autobombe den deutschen Waffenhändler Georg Puchert in Frankfurt am Main. Er hatte die algerische Befreiungsfront FLN beliefert – ebenso wie sein Schweizer Kollege Marcel Léopold, den im selben Jahr ein aus einem Blasrohr abgefeuerter Bolzen tödlich verletzte. Tatort war auch in diesem Fall Genf, wo bis heute die Fäden des internationalen Waffenhandels zusammenlaufen.

Die Auswahl der Ziele der Roten Hand liess keinen Zweifel, wogegen sich dieser Staatsterror richtete: gegen Vorkämpfer und Sympathisanten der Entkolonialisierung. Denn das französische Kolonialreich in Afrika und in Südostasien befand sich seit Ende der vierziger Jahre im Zerfall. Im Unterschied zu anderen Kolonialmächten leistete Frankreich aber lange harten Widerstand, auch weil die Unabhängigkeitsbestrebungen als Teil der kommunistischen Bedrohung im Kalten Krieg wahrgenommen wurden. Gegen diesen Feind schien der Einsatz aller Mittel gerechtfertigt.

Wie war nun Moumié ins Visier der Roten Hand geraten? 1960 hatte die französische Kolonie Kamerun nach einer Volksabstimmung die Unabhängigkeit erhalten. Aber der Einfluss Frankreichs blieb gross. Moumiés UPC hatte seit 1955 einen Partisanenkrieg gegen die französische Präsenz geführt und setzte den Widerstand auch nach der Unabhängigkeit fort. Der im Exil in Guinea lebende Moumié holte sich dafür Unterstützung von anderen Unabhängigkeitsbewegungen und reiste mehrmals nach Moskau und Peking. Auch für die Schweiz erhielt er ein Visum: Am 17. August 1960 traf Moumié von Kairo aus kommend erstmals in Genf ein. Im Verlauf der darauffolgenden Wochen kam er noch weitere Male, um sich mit osteuropäischen Diplomaten zu treffen – aber auch, um für 80 000 Schweizer Franken Pistolen und Munition zu kaufen.

«Ich weiss, wie man tötet»

Auch wenn der Mordplan Bechtels nicht wie geplant aufgegangen war, blieb das Verbrechen zunächst unentdeckt. Obwohl der studierte Mediziner Moumié selbst erklärt hatte, mit Thallium vergiftet worden zu sein, wurde dies «anfänglich nicht recht ernst genommen», wie später übergeordnete Stellen beanstandeten. Erst nachdem chemische Analysen vorlagen, befasste sich am 27. Oktober 1960 ein Untersuchungsrichter mit dem Fall. Die polizeilichen Ermittlungen begannen weitere vier Tage später. Davor hatte Moumiés nachgereiste Witwe Martha schon grosse Probleme gehabt, die Überführung ihres toten Gatten zu organisieren. Als man diesbezüglich den Chef der Bundespolizei, André Amstein, informierte, meinte dieser gemäss im Schweizer Bundesarchiv einsehbaren Dokumenten zum Fall, «dass es vom innenpolitischen Standpunkt nur zu begrüssen wäre, wenn die Leiche und mit ihr ein ganzer Rattenschwanz von Negern aus der Schweiz weggeschafft werden könnten».

Jedenfalls wurden die vorhandenen Spuren nicht mit Vehemenz verfolgt. In einer Notiz für den Chef der Abteilung für Politische Angelegenheiten und Generalsekretär des Eidgenössischen Politischen Departements, Robert Kohli, vom 3. November 1960 wird beklagt: «Die Angelegenheit war den Genfer Behörden schon seit etwa 2 Wochen bekannt. Sie haben auch gewisse Ermittlungen angestellt, aber es leider unterlassen, die Bundesanwaltschaft zu verständigen, die ihrerseits zur Abklärung nicht unwesentlich hätte beitragen können. So hat sich herausgestellt, dass am Essen, an dem Moumié vergiftet worden sei, offenbar ein Schweizerbürger namens Bächtel (sic!) anwesend gewesen sei. Dieser steht seit einem halben Jahr unter der Kontrolle der Bundesanwaltschaft, die in ihm, ganz unabhängig von der Moumié-Affäre, einen Agenten der Franzosen vermutet. Sollte sich dies bestätigen, so würde der ‹französische Hintergrund› (Main Rouge) der Vergiftungsaffäre ein neues Licht erhalten.» Gegen Jahresende wurde ein vernichtendes Urteil über die erste Ermittlungsphase gefällt: «Die Untersuchung ist von den Genfer Behörden in sehr amateurhafter Weise geführt worden. Es seien unbegreifliche Fehler vorgekommen.»

Wie sich herausstellte, war Moumiés Mörder Bechtel schon seit Juli 1960 unter Verdacht gestanden, ein Geheimagent zu sein. Er wohnte seit zwei Jahren in Genf und wies sich Moumié gegenüber als Mitarbeiter einer Presseagentur aus. Tatsächlich versteckte sich hinter dem unscheinbar wirkenden, zum Tatzeitpunkt 66-jährigen Mann ein Elitesoldat, der in beiden Weltkriegen und im Indochinakrieg in der französischen Armee gedient hatte und danach als Reservist für den DGSE tätig war. In einem von der Genfer Polizei gefundenen Tagebuch schrieb Bechtel über sich selbst: «Ich kann einem Mann den Hals brechen, ohne dass er Zeit hat zu schreien. Ich weiss, wie man tötet. Aber ich sehe harmlos aus.»

In Genf hatte Bechtel den Auftrag, Zielpersonen auszukundschaften – und davon gab es in der Schweiz genug, denn das neutrale Land war ein wichtiger Fluchtpunkt für antikoloniale Aktivisten. Darüber tauschte sich der französische Geheimdienst auch mit Schweizer Kollegen aus. Belegt ist, dass die Bundespolizei während des Algerienkriegs Unterstützermilieus ins Visier nahm. Auch dürfte der Selbstmord von Bundesanwalt René Dubois am 23. März 1957 mit der DGSE in Verbindung stehen. Dubois hatte Oberst Marcel Mercier, einer Schlüsselfigur hinter der Roten Hand, Akten der Bundespolizei und des Nachrichtendiensts zugespielt. In diesen Dokumenten ging es um die Tätigkeit algerischer Aktivisten auf Schweizer Boden. Ob der Austausch auch im Fall Moumié eine Rolle spielte, lässt sich nicht rekonstruieren. Zumindest bestätigte der ehemalige DGSE-Leiter Maurice Robert in der TV-Dokumentation «Moumié – Der Tod in Genf» (2004), «mit den Schweizer Diensten kooperiert» zu haben, «wenigstens für eine gewisse Zeit». Die Neutralität der Schweiz sei damals «für Spezialoperationen» nützlich gewesen.

Unsichtbare Tinte

Als Bechtel am Tag nach dem Restaurantbesuch erfuhr, dass Moumié im Krankenhaus aufgenommen worden war, flüchtete er Hals über Kopf und liess in seiner Villa Beweismaterial zurück. Es fanden sich Fotos von Zollgebäuden an der französisch-schweizerischen Grenze sowie von Örtlichkeiten in Bern. Mit unsichtbarer Tinte waren darauf Instruktionen für mögliche Entführungen und Attentate verzeichnet worden. Auf einem Anzug Bechtels wurden Spuren von Thallium entdeckt, ebenso wie Kopien eines Operationsplans gegen Moumié. Dessen Foto und Bilder von politischen Weggefährten waren fein säuberlich in einem Briefmarkenalbum versteckt.

Doch erst 1974 wurde die Sache ernst für Bechtel, als man ihn bei der Einreise nach Belgien verhaftete und auslieferte. Beim Prozess in Genf zwei Jahre später stritt er alles ab. Schliesslich wurde er auf Kaution freigelassen. Das Verfahren selbst wurde ergebnislos eingestellt. Bechtel starb 1987. Der französische Geheimdienst hatte ihn gedeckt, bis in den achtziger Jahren General Paul Grossin Journalisten die Geschichte von den vergifteten Drinks erzählte. Bechtel nannte er nicht beim Namen, bemängelte aber, dass dieser nicht eines der beiden Gläser umgestossen hatte, um auf Nummer sicher zu gehen.

Der Mord an Moumié bleibt bis heute ein ungesühntes Verbrechen, das im Vergleich zu anderen Ereignissen wie der Ermordung des kongolesischen Premierministers Patrice Lumumba 1961 weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Angesichts einer Welle neuer politisch motivierter Giftmorde in Europa, aber auch im Zusammenhang mit Debatten um die blinden Flecken des Kolonialismus ist dieser Fall jedoch so aufwühlend wie aktuell.

Thomas Riegler ist Historiker und Geheimdienstexperte aus Österreich. Letztes Jahr erschien sein neustes Buch, «Österreichs geheime Dienste. Vom Dritten Mann bis zur BVT-Affäre». Für die Rekonstruktion des Giftmords an Félix Roland Moumié wertete Riegler auch neue Dokumente aus dem Schweizer Bundesarchiv aus.

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