Nr. 42/2020 vom 15.10.2020

Auf ein Tänzchen im Blaulicht

In der hart von der Pandemie getroffenen Lombardei finden die Menschen zurück zu ein bisschen Normalität. Doch die Trauer und die Wut bleiben. Und die Frage, wer die Schuld an diesem Desaster trägt.

Von Ayse TurcanMail an AutorIn (Text) und Marco Casino (Fotos), Bergamo

Im Frühling starben hier fast sechsmal so viele Menschen wie gewöhnlich: Blick von Bergamos Altstadtviertel Città Alta.

Samstagabend in Cassano d’Adda. Die Kleinstadt liegt im Herzen der Lombardei, genau auf halber Strecke zwischen Bergamo und Mailand. Heute findet ein Strassenmusikfestival statt. Im Zentrum des Städtchens steht ein grosses offenes Festzelt, der Duft von Steinpilzen hängt in der kalten Luft. Die CassanerInnen sitzen an Plastiktischen, die Schutzmasken abgelegt, essen Polenta und trinken Rotwein dazu. Auf der Piazza unweit des Zeltes fordern Carabinieri PassantInnen auf, ihre Masken aufzusetzen. Viel zu tun haben sie nicht, in der Lombardei trugen schon vor dem kürzlich eingeführten Obligatorium auch auf offener Strasse fast alle einen Mundnasenschutz.

Um kurz vor zehn stimmt auf der Piazza eine Brassband Popsongs aus den neunziger Jahren an. In der Nähe ist ein Rettungsfahrzeug parkiert, SanitäterInnen in orangen Signalwesten stehen vor dem offenen Wagen und wippen im Takt. Die Stimmung ist ausgelassen, ein paar Frauen beginnen zu tanzen. «Hey Dottore, mach mal den Alarm an!», ruft plötzlich ein Mann aus dem Publikum. Der «Dottore», die Maske lässig am Kinn, schaltet erst das Blaulicht ein, dann auch noch die Sirene, die für ein paar Sekunden im Rhythmus der Musik schrillt. Das Publikum applaudiert, und die Frauen tanzen noch wilder. Sehen so traumatisierte Menschen aus?

Die Bilder aus der Lombardei, die Ende März in europäischen Medien zirkulierten, haben viele schockiert. Särge, aufgestapelt im Innern von Kirchen. Militärlaster, die die Toten von Bergamo in andere Städte transportierten, weil Krematorien und Bestattungsinstitute mit der Arbeit nicht mehr nachkamen. Wie viele Personen im Norden Italiens an Covid-19 gestorben sind, weiss niemand. Offizielle Schätzungen gehen von mindestens 16 000 aus, doch getestet wurden längst nicht alle der im März oder April in der Lombardei Verschiedenen.

«Ich habe schon ein ziemliches Trauma»: Marco Scarpellini, Pensionsbesitzer.

Fest steht, dass die Sterblichkeit im Vergleich zu den Vorjahren um ein Vielfaches höher war: In der am stärksten betroffenen Provinz Bergamo starben laut einer Studie des italienischen Statistikamts zwischen dem 20. Februar und dem 31. März fast sechsmal so viele Menschen wie gewöhnlich.

Während im Rest Europas die Bilder in Erinnerung bleiben, ist es in Bergamo die Geräuschkulisse, die alle sofort beschreiben, wenn man sie nach den Erlebnissen dieses Frühlings fragt.

Die Pension beim berüchtigten Spital

«Der Soundtrack des Lockdowns waren die Sirenen der Ambulanzen», sagt Marco Scarpellini. Er geht durch die Altstadt von Bergamo, bleibt ab und zu stehen, erzählt hier eine Anekdote, da etwas zur Entstehungsgeschichte einer Kirche. Der Himmel ist klar, und das warme Wetter hat Touristinnen und einheimische Sonntagsspaziergänger in die Città Alta gelockt. Es seien etwa gleich viele Leute wie vor der Pandemie unterwegs, meint Scarpellini. Die meisten tragen eine Schutzmaske, vor einigen Bars und Restaurants halten einem Angestellte ein pistolenförmiges Messgerät an den Kopf, um die Körpertemperatur zu kontrollieren.

Zum ersten Mal seit sechs Monaten führt Scarpellini wieder eine Gruppe durch die Altstadt. Bei der Porta San Giacomo, einem der vier Eingangstore zu den venezianischen Stadtmauern, endet die Tour. Von hier aus hat man an schönen Tagen eine gute Sicht auf den Süden der Provinz. Der Stadtführer zeigt, in welcher Richtung Brescia und Venedig liegen, und deutet auf die Skyline von Mailand, die sich im sanften Grau des Smogs schemenhaft abzeichnet. «Wenn du willst, kann ich dir erzählen, wie das hier war während der Pandemie», sagt Scarpellini. «Ich habe schon ein ziemliches Trauma.»

Drei Tage später steht Marco Scarpellini in seiner Küche in Alzano Lombardo, einer Gemeinde im Val Seriana nördlich von Bergamo. Das Haus liegt nur fünfzig Meter vom örtlichen Spital entfernt, hier hat der gelernte Kommunikationsfachmann vor drei Jahren ein Bed and Breakfast eröffnet. Es sei ein guter Standort gewesen, da nicht nur TouristInnen, sondern auch viele Angehörige von PatientInnen bei ihm übernachteten.

Das Spital ist mittlerweile über die Landesgrenzen hinaus berühmt: weil sich das Virus von hier aus mutmasslich in der ganzen Provinz verbreitete. Und weil das Spital, nachdem die mit Covid-19 infizierten PatientInnen entdeckt und die Einrichtung geschlossen worden war, drei Stunden später auf Anordnung der Regionalregierung wieder öffnen musste. Der Grund: Man habe die Bevölkerung nicht beunruhigen wollen. Inzwischen beschäftigt sich die italienische Justiz mit dem Fall. «Mein Vater war zwar in dieser Zeit krank, aber er blieb zum Glück zu Hause. Der Vater meiner Freundin ist aber gestorben», sagt Scarpellini.

Am 9. März musste er seine Pension auf behördliche Anordnung hin schliessen, Stadtführungen fanden fortan ebenfalls keine mehr statt. Die Angestellten der meisten Fabriken in der Region erschienen bis zum 22. März weiterhin zur Arbeit, weil sich die Regierung weigerte, das Gebiet zur «roten Zone» zu erklären. Ansonsten durfte die Bevölkerung nur noch zum Einkaufen auf die Strasse.

Scarpellini hatte von heute auf morgen keine Einnahmen mehr und konnte die Miete nicht bezahlen. Er fand eine Stelle als Briefträger. «Der schlimmste Job, den ich je hatte.» Unbezahlte Überstunden seien an der Tagesordnung, laut Gewerkschaft könne man da nichts tun. Der Job ist bis Ende Oktober befristet. Danach wolle er so rasch wie möglich weg aus der Lombardei. «Ich bin zwar in dieser Region aufgewachsen, aber die Mentalität passt mir nicht.» Arbeiten und sich nicht beschweren sei die Devise.

Dass viele so rasch wie möglich zur Normalität zurückkehren wollten, merkte auch Gessica Costanzo. Die 35-jährige Journalistin lebt wie Marco Scarpellini in einem Dorf im Val Seriana. Während viele nationale und regionale Medien im März lediglich offizielle Meldungen der Behörden publizierten, war sie eine der wenigen, die nicht nur miterlebten, sondern auch dokumentierten, was sich im Tal abspielte. Die Journalistin avancierte in den nationalen Medien zur Expertin, ihr kleines Onlinemagazin «Valseriana News» hatte im März mehr BesucherInnen als sonst in einem ganzen Jahr.

Selbsthilfe auf Facebook

Heute sitzt Costanzo am Steuer ihres Autos und fährt auf der Autobahn Richtung Süden. Sie und ihr Koautor Davide Sapienza sind unterwegs an eine Lesung des Buches «La valle nel virus». Die kürzlich erschienene Publikation soll ein Beitrag zur Aufarbeitung der Geschehnisse im Val Seriana sein; zu einem grossen Teil besteht sie aus Erlebnisberichten von Angehörigen.

Ungefähr ein Dutzend Personen versammeln sich in der kleinen Buchhandlung Les Mots hinter dem Mailänder Hauptbahnhof. Auch hier tragen selbstverständlich alle Masken, für die Lesung musste man sich vorgängig anmelden. Die Stimmung sei weniger emotional als im Val Seriana, sagen die AutorInnen. Sie werden in den nächsten Wochen in weiteren Städten und Dörfern der Lombardei unterwegs sein. Mit «La valle nel virus» wollen sie nicht nur erinnern, sondern auch zur Aufklärung der Ursachen für das Ausmass der Tragödie beitragen. Ein Kapitel im Buch ist der Organisation Noi denunceremo gewidmet, zu deutsch «Wir klagen an».

«Es wurden auf allen Ebenen Fehler gemacht»: Consuelo Locati, Anwältin.

Am Anfang war da eine Facebook-Gruppe, in der sich Angehörige von Verstorbenen austauschten. Bilder von älteren Menschen, «Papa, wir vermissen dich», «Sechs Monate ohne meinen Bruder», Zeitungsartikel werden unter den mittlerweile fast 70 000 Mitgliedern der Gruppe geteilt. Eine Mischung aus Selbsthilfe und Trauerverarbeitung. Doch die Angehörigen sind nicht nur traurig, sondern auch wütend. Eine von ihnen ist die Anwältin Consuelo Locati.

Locatis Vater wurde mit einem Nierenleiden ins Spital eingeliefert, wo er das Zimmer mit einem Coronapatienten teilte, wie sich später herausstellte. Wieder zu Hause, verschlechterte sich sein Zustand zusehends, er bekam Fieber und Husten. Am 27. März verstarb er schliesslich im Spital Humanitas Gavazzeni in Bergamo. Ein Coronatest wurde erst wenige Tage vor seinem Tod gemacht.

Locati geht davon aus, dass er im Spital angesteckt wurde. Sie sagt: «Es gibt auf allen Ebenen Verantwortliche, die Fehler gemacht haben.» Die Leidensgeschichte ihres Vaters ist beispielhaft für die Region. Die Anwältin will verhindern, dass sich die Tragödie wiederholt. Sie hat mitgeholfen, aus der Facebook-Gruppe eine Organisation mit juristischer Schlagkraft zu machen. «Wir verlangen die Einsetzung einer Untersuchungskommission.» Mit fünf anderen Freiwilligen kümmert sich Locati darum, dass Angehörige ihre Anzeigen einreichen können.

Ein fataler Hashtag

Rund hundert Rechtsbegehren wurden der Staatsanwaltschaft bereits übergeben, am Erscheinungstag dieser WOZ kommen weitere hundert dazu. Die AktivistInnen legen Wert darauf, nicht als politische Bewegung wahrgenommen zu werden. «Aber natürlich hat das, was wir tun, Auswirkungen auf die Politik», stellt Locati fest.

In den Anklageschriften von Noi denunceremo werden nicht nur Fehlentscheide führender PolitikerInnen angeprangert, etwa die von Attilio Fontana (Lega), dem Präsidenten der Lombardei. Auch das lombardische Gesundheitssystem steht in der Kritik. In den letzten zwanzig Jahren ist der Gesundheitssektor immer stärker privatisiert worden. Eingeführt und vorangetrieben wurde das System, das einen Wettbewerb zwischen privaten und öffentlichen Spitälern fördern und dadurch Kosten senken sollte, vom langjährigen lombardischen Präsidenten Roberto Formigoni (Forza Italia).

Der Politiker wurde 2016 zu einer sechsjährigen Haftstrafe wegen Korruption verurteilt. Dank ihm wurden verstärkt Mittel in die privaten Spitäler investiert. Die Folge: eine hohe Spezialisierung, gute Ausrüstung in den Spitälern, wenig Intensiv- und Notfallplätze, viel zu wenig Allgemein- und FamilienärztInnen. Hinzu kommt, dass die LombardInnen, wenn sie ärztliche Behandlung brauchen, ins Spital müssen. Während der Pandemie wurden die Krankenhäuser zu Orten von Massenansteckungen.

Wenn man die BergamaskInnen fragt, weshalb in der Region so viele Menschen an Covid-19 gestorben sind, nennen viele aber nicht das Gesundheitswesen, das bis zum Ausbruch der Krise als das beste in Italien galt. Die Antwort lautet stattdessen oft: «Die Confindustria war schuld.» Am 28. Februar veröffentlichte der Arbeitgeberverband Confindustria Bergamo ein Video unter dem Hashtag #bergamoisrunning. Den internationalen PartnerInnen wird darin versichert, es gebe keinen Grund zur Beunruhigung.

Der Arbeitgeberverband wehrte sich gegen eine Schliessung der Fabriken. Und Fabriken gibt es im Norden viele. Über ein Fünftel des italienischen Bruttoinlandsprodukts wird in der Lombardei erwirtschaftet. Das untere Val Seriana ist das am stärksten industrialisierte Gebiet Italiens.

Für die Gewerkschafterin Eliana Como ist klar, dass es ironischerweise der wirtschaftliche Erfolg der Region ist, der dazu geführt hat, dass sich das Virus hier so stark ausbreiten konnte. «Die Wahrheit ist, dass man bereit war, die Menschen für den Profit zu opfern.» Die ursprünglich aus Rom stammende 46-Jährige ist im Vorstand des grössten italienischen Gewerkschaftsbunds CGIL und vertritt dort die linke Minderheit. Schon Ende Februar begann sie, den fehlenden Schutz der ArbeiterInnen öffentlich zu kritisieren. Zuerst auf den sozialen Medien, nach Ende des Lockdowns auch auf der Strasse. Sie ist wie viele andere der Meinung, dass die Schliessung der Fabriken viel früher hätte erfolgen müssen.

Como hat Protestaktionen organisiert und hatte im Sommer noch Hoffnung, dass sich etwas verändern würde. «Alle waren schockiert und fanden, dass so etwas niemals wieder passieren dürfe.» Mittlerweile hat die Gewerkschafterin resigniert. «Von diesem Drive ist nichts übrig geblieben. Die meisten geben nicht der Lega die Schuld für das Missmanagement der Krise.» Die Angst vor dem Virus sei der Angst vor einer Wirtschaftskrise gewichen. Noi denunceremo ist für Como aktuell die einzige politische Bewegung mit Mobilisierungspotenzial. Sorgen bereitet ihr nicht nur die Tatsache, dass sich politisch nicht viel bewegt hat – sondern auch die seit Anfang Oktober steigenden Infektionszahlen.

ÄrztInnen schlagen wieder Alarm

Fabio Rossi sitzt mit drei Freunden im geheizten Aussenbereich einer Bar in Redona, einem Aussenbezirk von Bergamo. Sie sind gut gelaunt und beraten darüber, wo sie einen anstehenden Geburtstag feiern sollen. «Viele Bars sind offen», sagt Rossi. Aber das Restaurant, wo sie normalerweise feiern würden, hat nie wieder geöffnet. Sie vermissen Partys und Konzerte. Und hoffen, dass es nicht wieder zu einem Lockdown kommt.

Rossi, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, ist Krankenpfleger und arbeitet seit vier Jahren im Privatspital Humanitas Gavazzeni, in dem auch Anwältin Locatis Vater verstorben ist. Sie hätten auf der Intensivstation eigentlich nur eine Handvoll Notfallplätze gehabt, die man isolieren konnte, erzählt er. Innerhalb weniger Tage nach dem Ausbruch der Pandemie sei die ganze Station mit CoronapatientInnen belegt gewesen, die Leute hätten in den Gängen gesessen. Am 12. März sagte ihm dann seine Vorgesetzte, man könne keine weiteren PatientInnen mehr aufnehmen – egal was passiere. «Durch das Fenster sah man in diesem Moment eine Schlange von Krankenwagen in der Einfahrt», erinnert sich Fabio Rossi.

Seither hat sich im lombardischen Gesundheitswesen praktisch nichts verändert. Auf eine zweite Coronawelle sei man nicht vorbereitet, findet nun eine Gruppe von 500 ÄrztInnen und Pflegefachleuten aus Bergamo. Vergangenen Sonntag haben sie Alarm geschlagen: In einem Brief an lokale Behörden und PolitikerInnen bemängeln sie die fehlenden Mittel für notwendige Massnahmen. So gebe es in den Spitälern nicht genug Schutzausrüstung, zu wenig medizinisches Personal und Intensivpflegeplätze. Insbesondere fordern sie eine rasche Reform des Gesundheitswesens, um den Druck auf die Spitäler zu verringern. Der Brief wurde von zahlreichen ÄrztInnen der gesamten Lombardei unterstützt.

Auch im Humanitas Gavazzeni fehlt es an Personal. Fabio Rossi arbeitet immer noch viel und hofft, dass seine Ferienpläne im November nicht platzen. Ob er das Gefühl habe, dass sein Spital auf eine zweite Welle vorbereitet sei? Er zuckt mit den Schultern. Bauarbeiter seien im Eiltempo dabei, einen neuen Flügel anzubauen. Und er müsse jeden Tag an einem Fiebermessgerät vorbei, wenn er das Spital betrete. «Das Lustige ist, dass das Thermometer bei mir immer 34 Grad anzeigt», sagt er und lacht. «Ich müsste eigentlich tot sein.»

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