Nr. 49/2020 vom 03.12.2020

Wie der Hüne seine Unnahbarkeit verlor

Der Sänger Max Rieger will nicht mehr davon profitieren, für ein Arschloch gehalten zu werden. Auf seinem neuen Soloalbum dichtet er in schlichten, entwaffnenden Zeilen.

Von Steffen Kolberg

«Es fühlt sich plötzlich eklig an, so zu texten»: Max Rieger in seinem Studio in Berlin. Foto: Erik Weiss

Max Rieger sitzt in einem karg eingerichteten Berliner Altbauzimmer und raucht. Entspannt, ja fast schon ausgeglichen wirkt er, während er ausführt, warum er beim neuen Album seines Soloprojekts All diese Gewalt so vieles anders gemacht hat: «Es fühlt sich plötzlich eklig an, so zu texten», sagt Rieger, der auch Sänger der Rockband Die Nerven ist, mit Blick auf sein früheres Werk. Bisher verstand er sich bestens darauf, innere Zustände in grosse Begriffe und vielsagende Andeutungen zu verpacken. Auf seinem letzten Soloalbum, «Welt in Klammern», klang das zum Beispiel so: «Ich kann es spüren, hinter den Dingen, unter der Struktur, dreht sich immer weiter, verweigert seine Form, verneint seine Figur.»

«Ich finde es nicht mehr zeitgemäss, sich abzuheben und elitär zu sein», erklärt Rieger seinen Sinneswandel. «Ich habe gemerkt, wie in rechten Diskursen mit Sprache umgegangen wird, wie sie eine starke Emotionalität bekommt und so zu einer Waffe wird. Deshalb wollte ich in eine andere Richtung gehen.» Und so überrascht das neue All-diese-Gewalt-Album «Andere» mit haufenreimweise angeordneter Schlichtheit und entwaffnenden Zeilen wie: «Tief im Innern bin ich dein, aber ich weiss es darf nicht sein, in meiner Brust da wohnt ein Stein, niemals gedacht jemals so fern von dir zu sein». Weg ist die inszenierte Unnahbarkeit, mit der der hünenhafte Sänger auch mal Zuhörer von der Bühne herab zusammenstauchte oder Interviewpartner ins Leere laufen liess. «Ich profitiere ehrlicherweise davon, dass viele Leute denken, ich sei ein Arschloch. Das ist immer auch eine Art, sich zu schützen, denn ich muss mich nicht selbst preisgeben.»

Rock ins Feuilleton

Schon mit dem Erscheinen ihres Debütalbums «Fluidum» Ende 2012 und einer zeitgleich durchs Netz geisternden Coverversion von Lana Del Reys «Summertime Sadness» standen Rieger und seine Bandkollegen Julian Knoth und Kevin Kuhn mit Die Nerven im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die drei gerade dem Teenageralter entwachsenen Stuttgarter wurden damals mit ihrem schrabbeligen Noise-Punk und den nihilistischen Parolen aus dem Stand zu Erneuerern des deutschen Rockundergrounds erhoben. Der lag gerade brach, und das deutsche Feuilleton erkundete lieber das subversive Potenzial von Gangsterrap.

Mit Erscheinen des Nachfolgers, «Fun», 2014 war das feuilletonistische Interesse gewonnen. Es hiess, die Gruppe sei Teil einer neuen musikalischen Bewegung, ihre Liveenergie sei unübertroffen, Frontmann Rieger habe das Zeug zum Rockstar. Für das Video zu «Angst» liessen Die Nerven die Musiker von Tocotronic die Band imitieren, zwei Jahre später vertonten sie in Berlin das Theaterstück «Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969» nach dem Erfolgsroman von Frank Witzel. 2018 dann erreichte das vierte Nerven-Album, «Fake», Platz dreizehn der deutschen Charts. Sein Entstehungsprozess hätte das Trio fast zerrissen. Dann wurde es still um die Band.

Rieger hat sich seither, wie Knoth und Kuhn auch, seinen anderen Musikprojekten gewidmet, mit Jauche schräge Ambient-Noise-Schlaufen gedreht und als Obstler ein Death-Metal-Album veröffentlicht. Vor allem aber hat er seine Tätigkeit als Produzent weiter ausgebaut. Was mit der Arbeit für befreundete Bands wie Karies begann, hat sich seitdem zu Riegers Brotjob entwickelt: Von Drangsal über Jungstötter zu Ilgen-Nur und Mia Morgan umfassen seine Produktionen inzwischen eine ganze Riege junger, aufstrebender IndiekünstlerInnen, was ihm einen Platz unter den gefragtesten Produzenten im deutschen Pop eingebracht hat. Auf «Andere» kann man den Einfluss dieser Zusammenarbeiten hören: Wo früher düstere Drones und knochentrockene Gitarrenriffs dominierten, ist das neue Album von soundtechnischer Opulenz und schwelgerischen Popgesten durchzogen.

Heilsame Entzauberung

Wenig erstaunlich also, dass Rieger nun sagt: «Meine Welt ist die Studiowelt.» Er erzählt ausführlich von der Jungstötter-Produktion und wie ihn die Anweisung, auf Hall- und Delay-Effekte zu verzichten, in seiner Arbeit weitergebracht habe. Überhaupt, so Rieger, könne er sich nicht vorstellen, mit sechzig noch auf der Bühne zu stehen. 2020 wäre für ihn auch ohne Krise ein konzertfreies Jahr geworden. Noch bevor die Pandemie Europa so richtig erreichte, habe er eine geplante Tour mit All diese Gewalt abgesagt, erzählt er. «Es hat sich nicht richtig angefühlt, auf die Bühne zu gehen mit diesem Album, von dem ich denke, dass es im Idealfall allein zu Hause auf Kopfhörern gehört wird.»

Während sein Idealfall zum Regelfall geworden ist, empfindet Rieger das Covid-Jahr als heilsame Entzauberung der Kulturbranche: «Es gibt sehr wenige Dinge, die man zu teilen hat: Niemand ist auf Tour, es passiert wenig Künstlerisches. Den Zwang, sich trotzdem darzustellen, finde ich mit jedem Monat dieses Jahres alberner. Ich bringe zwar jetzt ein Album raus, habe aber nicht das Gefühl, dafür jeden Tag eine Instagram-Story machen zu müssen.» Ehrlich gesagt habe er seine Instagram-App deinstalliert.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch