Nr. 01/2021 vom 07.01.2021

Sie gehörten zu den Ersten, die als Lehrer lange Haare tragen durften?

Der Aargauer Komiker Peach Weber (68) über die sozialen Folgen der Pandemie, die Klimajugend, Schulpflege im Kalten Krieg und gesellschaftliche Verantwortung.

Von Benjamin von Wyl (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

«Damals reichten meine Haare bis zu den Schultern, dazu trug ich einen Lammfellmantel»: Peach Weber beim Pétanque in seinem Garten in Hägglingen.

WOZ: Peach Weber, Ihre Tour wurde verschoben, und Sie haben mir geschrieben, dass Sie stattdessen vielleicht mit dem Trottinett an den Nordpol reisen. Nun aber sind Sie zu Hause. Wie geht es Ihnen?
Peach Weber: Ich bin gern zu Hause und als vierfacher Risikopatient momentan sowieso. Aber auch wenn es einem gut geht, kann man sich ja derzeit doch nicht freuen. Wer nicht dumm ist, sieht die Probleme.

Was sehen Sie?
Die existenziellen Probleme vieler. Leute, die teilweise schlecht bezahlt sind und übermenschliche Arbeit leisten: vom Pflegedienst bis zum Pöstler. Bei all dem Gerümpel, den sich viele via Amazon liefern lassen. Im Theater und allgemein in der Kultur geht vieles kaputt. Wer jetzt am Anfang einer Bühnenkarriere steht, ist arm dran. Handkehrum: Wer seit zwanzig Jahren in der Branche tätig ist und nun nach einem Monat schon jammern musste, sollte vielleicht zum Berufsberater.

Bei Ihrem Karrierestart vor 44 Jahren sagten Sie, dass Sie mit Comedy aufhören, sobald Sie weniger verdienen als ein Primarlehrer.
Selbst wenn ich nun mit 68 im AHV-Alter bin, bleibt es so: Was über meinen Lohn hinaus bleibt, ist angesparte Zeit. Kein Golfspiel, keine Kreuzfahrten, kein teures Auto und kein Luxusgerümpel! Das Ersparte gab mir immer Sicherheit. Denn nach zwanzig Jahren als Komiker kannst du dich nicht mehr einfach bei einer Schulpflege vorstellen, um wieder als Primarlehrer zu arbeiten.

Wegen Ihnen oder wegen der Schulpflege?
Stundenpläne einzuhalten, wäre für mich nicht mehr einfach. Wahrscheinlich hätte auch die Schulpflege Mühe mit mir. Aber ich unterrichtete damals in den Siebzigern während acht Jahren und war in der Zeit nicht weniger lustig. Die Schüler wissen, wann es ernst ist – und wann man es locker nehmen kann.

In Ihren Nummern spürt man die Empathie des Primarlehrers.
Primarlehrer ist ein harter Job. Du musst an die Kinder rankommen. Alles Ausrufen und Strafen bringt nichts, wenn sie dich nicht als Menschen akzeptieren.

Sie gehörten zu den allerersten Männern, die als Lehrer lange Haare tragen durften?
Ich durfte nicht, ich hatte einfach welche. Damals reichten sie bis zu den Schultern, dazu trug ich einen Lammfellmantel. Jedes Jahr liess mich die Schulpflege antraben. Der Präsident hätte mich wohl gerne rausgeschmissen, aber die Berichte des Unterrichtsinspektors waren so gut, dass sie keinen Grund vorschieben konnten. Lange Haare reichten als Entlassungsgrund dann doch nicht.

Wenn man sich sonst nichts gegenüber dem Staat zuschulden kommen liess?
«Wenn die Haare wenigstens gepflegt wären», hiess es immer. Als ich jung war, lebte ich mit einem Kollegen in einem alten Bauernhaus in Boswil. Jeden Samstag sassen dreissig Leute in der Stube und tranken, kifften, redeten. Das war eine gute Zeit. Schon damals sagte ich meinen Kollegen: Irgendwann wird ein langhaariger Vater seinem kahl geschorenen Sohn sagen, er solle sich mal die Haare wachsen lassen: «So siehst du aus wie ein Skinhead.»

Der Rahmen des gesellschaftlich Akzeptierten ist heute wohl breiter geworden.
Ja. Aber das hat auch Nachteile für die Jungen. Ihnen fehlt Widerstand. Wenn der Sohn zu Hause sagt, er wolle ein Tattoo, und der Vater daraufhin meint: «Dann mache ich grad auch eins», nervt das. Ich sage schon seit 25 Jahren, dass sich Kinder irgendwann einen Hunderternagel ins Hirn hauen müssen, um etwas zu tun, das ihnen die Eltern nicht nachmachen.

Aber dem Klimastreik gelingt es doch, das für sich auszunutzen: Viele Eltern finden ihn gut und verstärken dessen Wirkung. Trotzdem bleiben die Jugendlichen auch vorwurfsvoll gegenüber dem bisherigen Verhalten ihrer Eltern.
Das ist kein schlechtes Beispiel. Es ist eine Art von Rebellion, und ich kann nicht anders, als den Jungen recht zu geben. Es ist nämlich Unsinn, wenn alte Säcke der Generation der Klimabewegung vorwerfen, dass viele Junge auch fliegen. Das ist so dumm. Sie sind ja in eine Welt mit idiotischen Billigfliegern hineingeboren worden. Amazon gab es auch schon, als sie geboren wurden. Ich mache doch nicht der 14-Jährigen, sondern dem 65-Jährigen einen Vorwurf. Man muss auf den Jungen nicht rumhacken, sondern auf sie hören. Die müssen unsere Fehler ausbaden. Der Mensch ist einfach bequem und glaubt, dass es ums Erdöl und das Klima nicht so schlimm steht. Es ist aber klar: Das wird bald ein massives Problem.

Wie wird es nach der Pandemie mit der Klimapolitik weitergehen?
Wir werden nicht weiter sein als zuvor. Das Thema wird völlig ausgeblendet. Das nun ein Momentchen lang weniger Flugzeuge fliegen, bedeutet nichts. Das wird nach der Pandemie gleich wieder ausgeglichen. Oh, es klingelt. Wer das wohl ist? Sicher ist nur: nicht der Briefträger mit etwas von Amazon.

Vor der Haustür stand eine ältere Frau, die eine Ausgabe von Peach Webers «Zwerg Stolperli»-Kinderbuch kaufen wollte. Ein Beispiel für ultralokalen Handel, wie er anscheinend trotz Internetversand immer noch existiert.

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