Nr. 13/2021 vom 01.04.2021

Satire kann unsere Gefühle verletzen

Wo hört der Humor auf, wo fängt die Zensur an? Das Comicfestival Fumetto versammelte internationale KarikaturistInnen zu einem Symposium über Satire und Meinungsfreiheit.

Von Silvia Henke (Text) und Ruedi Widmer (Illustration)

Satire beruht auf der Freiheit des Denkens und kann deshalb mit wenigen Mitteln den Common Sense aufbrechen. Das liegt im Wesen der Gattung seit Aristophanes. Die Spitze, die Pointe, der Biss – das gehört zur Satire. Wie delikat, gefährlich oder sogar tödlich die Ausübung satirischer Freiheit sein kann, wissen wir im Westen spätestens seit 2015, seit den Anschlägen auf das Magazin «Charlie Hebdo».

Just dieses wagte sich vor zwei Wochen nochmals weit vor auf dem Minenfeld der Identitätspolitik – mit einem Cover, das eine sadistische Queen zeigt, die auf dem Hals von Herzogin Meghan kniet. Warum Meghan wohl aus dem Buckingham Palace ausgezogen sei, so die Frage dazu. Die Antwort von Meghan, unter dem Schuh der Queen hervorgepresst: «Weil ich nicht mehr atmen konnte!»

Meghan Markle als George Floyd? Der Protest war zu erwarten: Das Magazin nehme den Fall Floyd und das Thema Rassismus nicht ernst, das Cover verspotte das Leiden Schwarzer Menschen, so die Kritik, die in den sozialen Medien geteilt wurde. Die dunkelhäutige Belgierin Assita Kanko hingegen, liberale Abgeordnete im Europaparlament, verteidigt das Cover auf Twitter: Satire sei «manchmal geschmackvoll, manchmal geschmacklos», als Zeichen für eine gut funktionierende Demokratie sollte sie daher niemals verboten werden. Niemals?

Das führt direkt zum wunden Punkt, nämlich zur Frage, wie «frei» Satire heute in freien Demokratien sein kann. Dabei geht es leider kaum mehr um die ästhetische Qualität eines Witzes – bei dem Cover mit der Queen könnte man sich ja fragen, ob die Analogie «gut» ist, das heisst, ob sie nicht zu sehr herbeigezwungen ist. Aber im Karikaturenstreit geht es wohl immer weniger um Qualität als um die Machtverhältnisse, auf die die Satire trifft. Oder vielmehr: innerhalb derer sie sich entfaltet.

Vor diesem Hintergrund versammelte nun das Comicfestival Fumetto in Luzern international renommierte KarikaturistInnen zu einem Symposium über Satire und Meinungsfreiheit. Fast flehentlich rief Mitveranstalter Pierre Thomé dabei den Humor an, als Voraussetzung dafür, Satire zu verstehen. Wir brauchen Humor, sagte er und zitierte Chris Marker: «Humor ist die Höflichkeit der Verzweiflung.» Der Schweizer Karikaturist Patrick Chappatte wiederum hielt in seinem Statement fest: «Satire kann Ihre Gefühle verletzen.» Hier hakte Moderatorin Marcy Goldberg ein: Ob eine Karikatur lustig oder diskriminierend sei, hänge doch immer vom politischen Kontext ab. Eine Karikatur, so Goldberg, sollte immer «nach oben kicken», nie nach unten. Und hier wird es nun delikat, denn wer hat die Macht im öffentlichen Diskurs, seit dieser nicht mehr nur von Institutionen bestimmt wird, sondern sich auch auf sozialen Medien durchaus wirkmächtig artikuliert? Wer ist oben, wer ist unten – und weiss man das immer?

Klappe halten?

Zwei Haltungen liessen sich hier ausmachen, ohne dass diese auf dem Symposium wirklich aufeinandertrafen. Da sind einmal jene Karikaturisten, die die Freiheit der Karikatur prinzipiell verteidigen – gegen Zensur, Vorsicht und die neuen Formen des Beleidigtseins «von unten». Zu ihnen gehören Ilan Manouach und Xavier Löwenthal, die hierzu die spezifisch belgische Toleranz im Geiste Alexis de Tocquevilles herausstreichen. Belgien aber ist nicht überall. Patrick Chappatte berichtet, wie die «New York Times» 2019 die politische Karikatur als Rubrik in Gänze eingestellt hat – Auslöser war ein vermeintlich antisemitischer Cartoon von António Moreira Antunes, der den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu als Blindenhund des damaligen US-Präsidenten Donald Trump mit Davidstern zeigte.

Eine Karikatur seines französischen Kollegen Xavier Gorce wiederum wurde jüngst als «transphob» empfunden, obschon dieser Menschen als Pinguine zeichnet; und weil sich die Redaktion von «Le Monde» dafür öffentlich entschuldigte, beendete der Zeichner prompt seine Zusammenarbeit mit der Zeitung.

Zu solchen Vorgängen hat der britische Cartoonist Martin Rowson sehr dezidierte Ansichten: Die Regel, sagt er, könne nicht sein, dass sich niemand mehr aufrege. Die Leute sollten endlich wieder erwachsen werden und lernen, dass sie nicht in einer Blase lebten: «Shut up and grow up!», ist seine Antwort auf die neuen «Beleidigten». Widerspruch regte sich darauf im Chat zum Symposium: Meinungsfreiheit existiere nie in einem Vakuum; wenn politische Cartoons Minderheiten verletzten, dann dienten sie der Repression. Gegenfrage: Ist nicht das Internet repressiver als die politischen Mächte? Diese Kontroverse war sicher der heisseste Punkt auf dem Symposium.

Selbstzensur kann heilsam sein

Die andere, viel dialogischere Haltung war auf einem anderen Panel zu beobachten, beim türkischen Zeichner und Herausgeber Baris Uygur und der kolumbianisch- ecuadorianischen Karikaturistin Power Paola. Beide erinnerten daran, wie fragil Meinungsfreiheit in nichtdemokratischen Ländern ist – und dass weltweit neunzig Prozent der KarikaturistInnen eine direkte politische Zensur fürchten müssen, sei das durch die Polizei, das Militär oder eine Miliz. Auch Uygur kennt die Zensur und fürchtet jeden Tag um die Auslieferung seines Satiremagazins – das vielleicht bald nur noch online erscheinen kann.

Und Power Paola erzählt von neuen Strategien des Überlebens in chaotischen Regimes, nämlich durch kollektives Zeichnen, auch auf Wänden im öffentlichen Raum, wo Zeichnungen sich übereinanderlegen und einander auch widersprechen können – eine neue Form von echtem zeichnerischem Dialog, die das Problem von Toleranz und Zensur elegant und humorvoll durch eigene künstlerische Strategien löst.

Ein kleiner Höhepunkt war Uygurs fast beiläufig vorgetragene Bemerkung, dass auch Karikaturisten durch Kritik lernen. Selbstzensur könne auch heilsam sein, so meinte er im Rückblick auf den Sexismus in der männlich dominierten Karikatur. Interessant ist, dass diese Bemerkung von einem Künstler kam, der hart mit Zensur konfrontiert ist.

Denn tatsächlich gibt es keine absolute Meinungsfreiheit. Selbstzensur ist ja auch eine Form von Intelligenz, um das Spiel der Meinungen und Kräfte neu auszubalancieren. So viel kann, nein, muss man der Karikatur zutrauen.

Silvia Henke ist Kulturwissenschaftlerin und Professorin für Kulturtheorie an der Hochschule Luzern Design & Kunst.

Die «Murals» von Power Paola findet man im Netz unter www.thelovelymural.co.

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