Nr. 14/2021 vom 08.04.2021

Bitte etwas leiser da vorne!

Wem gehört die grosse Bühne der Empörung? Und wer bekommt trotz aller Bemühungen keinen Zugang? Solmaz Khorsand hat in ihrem Essay «Pathos» einige wertvolle Tipps für die Mehrheitsgesellschaft parat.

Von Anna JikharevaMail an AutorIn

Dass die Wahrnehmung eines Anliegens massgeblich von der Sprechposition abhängt, hat selten so verheerende Folgen wie in der Medizin. Ein Herzinfarkt etwa kündigt sich bei Männern meist durch Schmerzen in der Brust an, bei Frauen sind es eher Übelkeit oder Bauchschmerzen. Weil aber der weibliche Körper als Anomalie betrachtet wird, gelten die Symptome von Frauen als «atypisch». Die Folge: viele unentdeckte Herzinfarkte. Auch Medikamente werden in der Regel an Männern getestet – was dazu führt, dass sie bei Frauen oft gar nicht oder anders wirken. Und klagt dann auch noch eine Woman of Color über Schmerzen, kommen kolonialrassistische Stereotype ins Spiel, weshalb ihr Leiden weniger ernst genommen und schlechter behandelt wird.

Diese Versäumnisse führt Solmaz Khorsand zur Illustration für das Phänomen an, das sie in ihrem Buch «Pathos» analysiert. Die Wiener Reporterin beschreibt darin präzise, wem die Mehrheitsgesellschaft das Zurschaustellen der eigenen Ergriffenheit verzeiht, wer weshalb am lautesten schreien darf und wer trotz aller Bemühung um Aufmerksamkeit ungehört bleibt. Vieles davon mag die geneigte Leserin schon selbst vermutet oder woanders gelesen haben; wertvoll ist dieser Essay nicht zuletzt deshalb, weil er das rhetorische Werkzeug für den Kampf um Teilhabe liefert.

«Macht es einen Unterschied, ob eine Frau ihre Gefühlswelt mit der Welt teilt oder ein Mann? Eine Schwarze oder eine weisse Frau? Eine Schwarze oder weisse Frau, die obdachlos ist, die im Rollstuhl sitzt, die Alleinerzieherin ist?», fragt Khorsand gleich zu Beginn ihres Essays. Die Antwort ist: Ja, natürlich macht es das.

Kein Platz im grossen «Wir»

«Pathos bedeutet Macht», schreibt Khorsand. Millionenfach multipliziert auf Social Media, übertragen auf die politische Agenda oder auf die Titelseiten auflagenstarker Zeitungen, gibt es kein Entrinnen. Je lauter also eine irrlichternde SVP «Diktatur» brüllt, desto mehr Leute betrachten das als legitime Meinung, Fernsehshow zur besten Sendezeit inklusive.

Und wenn stets betont wird, dass man «die Ängste der Leute» ernst nehmen müsse, ist mit den «Leuten» eigentlich immer nur die Mehrheit gemeint. Ernst genommen werden zurzeit aber auch die angeblichen Ängste derer, die so laut wie egoistisch gegen die Coronamassnahmen protestieren, während die Sorgen jener, die leise klagen, kaum Resonanz finden. Wer marginalisiert ist, kennt das nur zu gut. Denn in der aufmerksamkeitsökonomisch aufgeladenen Öffentlichkeit hat es naturgemäss nicht Platz für die Sorgen aller.

Die einen bleiben dabei trotzdem immer Teil des «Wir» – ganz egal, was sie tun. Andere gehören einfach nicht dazu und werden es auch nie, da können sie sich noch so anstrengen. Khorsand zeigt diese Dynamik anhand diverser Beispiele, etwa am Umgang mit den rassistischen Anschlägen im Deutschland der 1990er Jahre. Während sich damals kaum jemand für die Gefühlswelt der Opfer interessierte, wurden die Täter, die Brandsätze in Geflüchtetenunterkünfte geworfen hatten, als desorientierte junge Männer verklärt.

Im Rückgriff auf die Black-Lives-Matter-Proteste letzten Sommer stellt die Journalistin, die für das Onlinemagazin «Republik» schreibt, ernüchtert fest: «Die kollektive Empörung bedarf nicht nur des Extrems – der Ermordung –, sondern auch noch des Beweises dafür.» Wer die Berichterstattung verfolgte, konnte zuweilen den Eindruck gewinnen, in den Redaktionen habe man zuvor noch nie etwas von Rassismus gehört. Ein Stück vom Pathoskuchen bekämen die Marginalisierten erst, wenn sie oft genug getötet worden seien, so Khorsands schonungslose Schlussfolgerung.

Pathos als Korrektiv

Dieses herrschaftspolitische Missverhältnis hatten seit den grossen Demos gegen Rassismus schon diverse Bücher zum Thema. «Pathos» sticht dabei heraus – weil es den eigenen Blick für die Erfahrungen anderer nicht nur empathisch schärft, sondern auch einen Weg weist. Pathos kann die Welt verändern, findet Khorsand – es braucht einfach den richtigen Moment, den auch jene nutzen können, denen die Macht dazu sonst fehlt. Greta Thunberg ist für die Autorin so jemand. Oder auch Emma Gonzalez. Als Überlebende eines Amoklaufs an einer Schule in Florida wurde die junge Frau zum Gesicht einer Bewegung, die sich mit dem Status quo nicht abfinden wollte – und die Politik letztlich dazu brachte, die Waffengesetze zu verschärfen. Weil ein Buch über Pathos wohl nicht ohne Pathos auskommt, wird es an dieser Stelle etwas kitschig. «Protest lebt von Pathos», schreibt Khorsand. Wenn es zum richtigen Zeitpunkt das richtige Publikum erreiche, löse es mehr als bloss Gänsehaut aus.

So ist das Buch denn auch weniger ein Appell, auf Pathos zu verzichten. Vielmehr kann es als Korrektiv dienen. Die Voraussetzung: Jene im Zentrum der Aufmerksamkeit sollten die eigene Ergriffenheit hin und wieder zurückstecken. Entsprechend appelliert Khorsand an jene, denen für gewöhnlich alle Bühnen offenstehen, zuweilen etwas leiser zu sein. Und ihr Pathos dann umso lauter in Stellung zu bringen, wenn es seiner Wucht bedarf.

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