Nr. 36/2021 vom 09.09.2021

Von oben bis unten

Von Karin HoffstenMail an Autor:in

Der weibliche Körper unterliegt einem Paradox: Während er als Projektionsfläche für alles dient, was patriarchalen Gesellschaften jemals an Fantasien in den Sinn kam, gilt ein Mädchen, das sich zu sehr dem eigenen Aussehen widmet, bis heute als gefallsüchtig und eitel.

Das muss der Grund sein, weshalb Michèle Roten ihrem neuen Buch «Wie mit (m)einem Körper leben» eine Erklärung voranstellt, warum sie sich so detailliert mit ihrem Köper beschäftigt, obwohl dieser durchschnittlich und normal funktionierend sei: Ihre grösste Sorge sei, als eingebildet, undankbar und oberflächlich abgetan zu werden. Dabei ist die Idee ausgesprochen anregend. Roten nimmt sich der Reihe nach ihre körperlichen Einzelteile von Zehennägeln bis Kopfhaar vor und löst so bei der Leserin automatisch die Frage aus: Wie ist das eigentlich bei mir? Genauso, ähnlich oder ganz anders?

Dass die Kapitel unterschiedlich interessant sind, versteht sich von selbst. Das «Urogenitalsystem» – ein Selbstläufer – reicht von der immer noch existierenden Schwierigkeit, Genitalien angemessen zu benennen, bis zu Wissenswertem über Menstruation, Schwangerschaft und Menopause in Geschichte und Gegenwart. Der Unterschied der Geschlechter fange schon damit an, «dass die Wartung einer Vagina so komplex ist, dass eine lebenslange Begleitung einer Fachperson vonnöten ist, wohingegen Männer vielleicht mit sechzig zum ersten Mal einen Urologen besuchen», bringt Roten es gewohnt unterhaltsam auf den Punkt.

Dass mir manche Passagen wie ethnologische Studien über einen «entfernten Stamm» vorkommen, mag daran liegen, dass uns eine Generation trennt. Als eine, die sich im Leben nicht mal zu Ohrlöchern entschliessen konnte, kenne ich Tattoos und Nasenkorrekturen zwar in der Theorie, würde aber nie zur Tat schreiten.

Ebenfalls im Buch finden sich ein paar extreme Körpererfahrungen anderer Frauen und – eine kleine Enttäuschung – zwanzig Seiten mit schon früher veröffentlichten Texten. Stattdessen hätte dem einen oder anderen Körperteil eine thematische Erweiterung gut getan.

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