Nr. 37/2021 vom 16.09.2021

Heilige Kuh ersetzt Kunstdünger

Von Cathrin Caprez

Ein Forscher für künstliche Intelligenz lässt Mimosen zu Jodelmusik tanzen. Eine Biologin erforscht die Ökologie von Kuhfladen. Und ein Klangkünstler analysiert die Geräusche von Föhren, wenn sie an Trockenheit leiden. Es sind Menschen mit unkonventionellen Fragen an die Natur, die die Biologin und Autorin Florianne Koechlin in ihrem neuen Buch vorstellt. Die Resultate aus verschiedenen Forschungsprojekten sind oft erst vorläufig und auch nicht immer ganz neu. Aber sie haben eines gemeinsam: Sie stellen die Grundsätze der industriellen Landwirtschaft, wie sie heute weltweit betrieben wird, infrage. Einer Landwirtschaft, die auf hohem Einsatz von Kunstdünger, Pestiziden und hybridem, also nicht vermehrbarem Saatgut beruht.

Diese Form der Landwirtschaft erweist sich immer deutlicher als Sackgasse. Das zeigt Koechlin im Kapitel über den indischen Bundesstaat Andhra Pradesh sehr eindrücklich: Konventionell bewirtschaftete Monokulturen – oft gentechnisch veränderte Baumwolle – können sich hier immer weniger LandwirtInnen überhaupt leisten. Zu gross ist die Abhängigkeit von der agrochemischen Industrie und von Landverpächtern, zu hoch das Risiko von Ernteausfällen und Erkrankungen durch giftige Chemikalien. Der Bundesstaat hat sich darum zum Ziel gesetzt, bis 2027 ganz auf Pestizide und Kunstdünger zu verzichten. Doch der Weg dahin erfordert von den Bäuerinnen und Bauern Geduld, Mut und Einfallsreichtum. Und sie brauchen vorübergehend oft auch finanzielle Unterstützung.

Was das Buch aus vielen Perspektiven beleuchtet, kommt in einem Zitat des Landwirtschafts- und Entwicklungsexperten Hans Herren treffend zusammen: «Ein komplexes System funktioniert einfach besser.» Das bedeutet gleichzeitig: Einfache Lösungen auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft gibt es nicht. Dafür aber viele verschiedene Ansätze, wie sie Florianne Koechlin auf ihren «Streifzügen durch wissenschaftliches Unterholz» vorstellt.

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