Nr. 39/2021 vom 30.09.2021

Was für ein Trip!

Werden wir unter dem Einfluss von psychoaktiven Substanzen wie LSD zu besseren Menschen, die den Raubbau am Planeten Erde als Raubbau an sich selbst begreifen? Anzeichen dafür gibt es.

Von Franziska MeisterMail an Autor:in

Illustration: Nando von Arb

«Ich meine, dass es in der Entwicklung der Menschheit nie so notwendig war, diese Substanz, das LSD, zu haben», wird Albert Hofmann im Jahr 2006 zitiert. «Denn es ist ein Werkzeug, uns in das zu verwandeln, was wir sein sollen.»

Worauf der Basler Chemiker anspielte, ist der bewusstseinserweiternde Effekt von LSD, den er 1943 zufällig im Labor entdeckte. Immer mehr Neuropsychologen und Psychopharmakologinnen finden: Wir sollten seine Erkenntnis ernst nehmen – sieht sich die Welt angesichts zunehmender Klimaerhitzung, Umweltzerstörung und einer Pandemie doch tatsächlich existenziellen Bedrohungen gegenüber. Könnte es sein, dass der erste LSD-Trip von 1943 in vierzig Jahren sogar als eines der historisch bedeutsamsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts gelten wird?

Bitte recht hoch dosiert

Die Karriere von LSD begann vielversprechend, zumindest in der Medizin: Es führte die Wissenschaft auf die Spur von neurochemischen Ursachen psychologischer Krankheiten. Denn als psychoaktive Substanz löst LSD eine Bewusstseinsveränderung aus, die mit starken Halluzinationen einhergeht und bis zur gefühlten Auflösung des eigenen Ichs reichen kann – eine Erfahrung, wie man sie aus akuten Psychosen kennt. Ab den frühen fünfziger Jahren begannen Therapeut:innen, Menschen mit Depressionen, Angststörungen oder einer Alkoholsucht mit LSD zu behandeln – befeuert von der Schweizer Firma Sandoz, die es ab 1949 unter dem Namen Delysid gratis an alle verteilte, die damit zu Forschungszwecken experimentieren wollten.

Bis Mitte der sechziger Jahre wurden in Europa und den USA über tausend klinische Studien publiziert und an die 40 000 Personen mit LSD oder dem verwandten Pilzwirkstoff Psilocybin – ebenfalls von Hofmann 1958 synthetisiert – therapiert. Mit durchschlagendem Erfolg, wie eine Metastudie von 1967 zeigt: 70 Prozent aller Angstneurosen und 62 Prozent aller Depressionen sollen damit geheilt worden sein. Und jede:r zweite Alkoholiker:in blieb nach einmaliger hoch dosierter Abgabe über Monate hinweg trocken.

Doch dann kam Timothy Leary und knipste der Forschung das Licht aus. Mit dem Mantra «Turn on, tune in, and drop out» propagierte der US-Psychologe den freien Konsum von LSD, um das Land zu verändern – «one brain at a time»: Vier Millionen sollten reichen, um der ganzen US-Gesellschaft buchstäblich das Hirn wegzublasen. Als immer mehr Jugendliche psychotische Zusammenbrüche erlitten, mutierte die «Wunderdroge» in der Öffentlichkeit rasch zur Teufelsdroge und wurde 1966 verboten.

Dabei ist LSD eigentlich recht harmlos, ebenso wie Psilocybin oder der Pflanzensud Ayahuasca, die ähnlich wirken. Sie «führen nicht zu körperlichen Schäden», wie der Basler Mediziner Matthias Liechti 2019 in einem Bericht zuhanden des Bundesamts für Gesundheit betont. Psychisch belastende Phasen hingegen können auf einem LSD-Trip, der an die zwölf Stunden dauert, schon auftreten. Dass sich daraus eine psychotische Episode entwickelt, lässt sich mit einer sorgfältigen Fachbegleitung und einer angenehm gestalteten Umgebung jedoch vermeiden. Eine Überdosierung ist praktisch ausgeschlossen, und die Stoffe machen auch nicht abhängig; offenbar tritt bei zu häufiger Anwendung einfach kein Effekt mehr ein. Dafür zeigt sich bereits nach einem Trip eine nachhaltige Wirkung – und das offenbar umso stärker, je höher die Dosis ist.

Wenn das Ego offline geht

Albert Hofmann hatte einen ziemlich hoch dosierten Trip: 250 Mikrogramm, rund das Zehnfache jener Dosis, ab der man einen deutlichen Effekt spürt. Wie zahllose Proband:innen nach ihm berichtete er von einem «mystischen Erlebnis», dessen Faszination ihn zeitlebens nicht mehr losliess. Dessen Merkmale sind die gefühlte Auflösung des eigenen Ichs und das Verschmelzen mit Natur und Universum. Oder wie es der Wissenschaftsjournalist Michael Pollan nach einem Selbstversuch in Worte zu fassen versuchte: «Gefühle kommen in der Nacktheit eines Neugeborenen, ungeschützt vor dem hellen Licht der Prüfung und besonders des schonungslosen Grellen der Ironie. Plattitüden, die auf einer Glückwunschkarte wohl nicht unangebracht wären, leuchten mit der Kraft offenbarter Wahrheit.»

Zuerst an den Universitäten Zürich und Basel, seit Mitte der nuller Jahre auch in den USA und am Imperial College in London wagen sich einzelne Forschende wieder an Studien mit Psilocybin und dem grundsätzlich nach wie vor verbotenen LSD. Ihr Erkenntnisinteresse geht dabei weit über deren grosses Behandlungspotenzial für psychische und Suchterkrankungen bis hin zu Essstörungen hinaus. Viele Studien finden mit immer grösseren Zahlen von gesunden Freiwilligen statt. Im Fokus steht dabei die Frage: Was geschieht mit unserem Bewusstsein unter dem Einfluss von psychoaktiven Substanzen? Immerhin berichten zwei Drittel der Proband:innen auch ein Jahr später noch vom Trip als einer der wichtigsten Erfahrungen, die ihr Leben grundlegend verändert habe.

Und was überhaupt ist Bewusstsein: das, was sich in unserem Kopf abspielt? Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio fasst den quasi Normalzustand des Bewusstseins als einen «Geisteszustand, in dem man Kenntnis von der eigenen Existenz und der Existenz einer Umgebung hat». Aber was ist mit dem subjektiven Empfinden, das gerade im Fall einer Bewusstseinserweiterung überhandnimmt? Unter hoch dosiertem LSD oder Psilocybin steigert sich die Sinneswahrnehmung bis zum Moment der gefühlten Selbstauflösung, in dem man plötzlich zu fliegen und in Zeit und Raum zu reisen glaubt. Manche Proband:innen erleben nicht nur ihre eigene Geburt, sondern die Geburt des Universums. Emotional total überwältigend.

Objektiv messen lässt sich eine solch subjektive Erfahrung nicht – aber sie lässt sich sichtbar machen, dank bildgebender Verfahren der Hirnforschung wie der funktionalen Magnetresonanztomografie oder der Magnetenzephalografie. Und die zeigen, dass Hirnareale, die im «Normalzustand» aktiv sind, quasi herunterfahren, während sich Areale, die normalerweise nicht zusammenarbeiten, neu verbinden, das Gehirn also insgesamt vernetzter wird. Quasi «offline» ist vor allem ein komplexes Netzwerk, das als Exekutive im hierarchisch strukturierten Gehirn gilt, eine Art Orchesterdirigent: das sogenannte Default Mode Network. Es gilt als Sitz des Ichs, das unser Denken, insbesondere unser selbstreflexives, steuert.

Ein Plan für Planet B?

Ist diese zentrale Kontrollinstanz erst einmal lahmgelegt, bricht im Gehirn sozusagen Chaos aus – physikalisch gesprochen, herrscht Entropie, maximale Ausweitung, oder eben: ein Zustand der Bewusstseinserweiterung. Die zahlreichen neuen Verbindungen deuten darauf hin, dass sich die Neuroplastizität des Gehirns während eines Trips stark erhöht. Man könnte auch sagen: enorm offen macht für neue, unkonventionelle, kreative Erfahrungen und Ideen. Manche Forscher:innen sprechen in Computeranalogie vom Trip als einem «Rebooting des Systems», das Gehirn wird «neu verdrahtet», es «programmiert sich neu».

Wie die neusten Studien mit jeweils Hunderten von gesunden Freiwilligen zeigen, resultiert aus der Triperfahrung oft eine nachhaltige persönliche Veränderung, die sich vor allem in einer grösseren Verbundenheit mit Natur und Mitmenschen äussert. Auch wenn damit noch kein kausaler Zusammenhang nachgewiesen ist, betonen immer mehr Wissenschaftler:innen das utopische Potenzial von LSD und Psilocybin. Denn wenn umweltzerstörerisches Verhalten nach einer Triperfahrung als selbstzerstörerisches Verhalten wahrgenommen wird, dann ist das auch ökologisch interessant. Immerhin mehren sich von Studie zu Studie die Indizien dafür, dass psychoaktive Substanzen zu einem grösseren Umweltbewusstsein und -verhalten führen und politisch progressive, autoritätskritische Haltungen fördern. Ein Verbot sei «nicht im Interesse unserer Spezies oder der Biosphäre insgesamt», tönt es aus dem Forschungslabor von Robin Carhart-Harris am Imperial College in London.

Stellen wir uns also vor: Was wäre, wenn in vierzig Jahren alle gesunden Erwachsenen die Möglichkeit hätten, in einem medizinisch zertifizierten Zentrum in naturnaher Umgebung und begleitet von Fachpersonen – Set und Setting sind absolut entscheidend – einen LSD- oder Psilocybin-Trip zu erleben?

«Meistens dient das normale Wachbewusstsein den Überlebensinteressen am besten und ist am anpassungsfähigsten», schreibt Michael Pollan. «Doch es gibt Augenblicke im Leben eines Einzelnen oder einer Gemeinschaft, in denen die fantasievollen Neuerungen, die von veränderten Bewusstseinszuständen angeregt werden, genau die Variation bewirken, die ein Leben oder eine Kultur auf eine neue Bahn lenken kann.»

Lesetipp: Michael Pollan: «How To Change Your Mind. The New Science of Psychedelics». Penguin. London 2018. 468 Seiten. 20 Franken. Auf Deutsch erhältlich als «Verändere dein Bewusstsein. Was uns die neue Psychedelik-Forschung über Sucht, Depression, Todesfurcht und Transzendenz lehrt». Aus dem Englischen von Thomas Gunkel. Verlag Antje Kunstmann. München 2019. 450 Seiten. 42 Franken.

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