Nr. 40/2021 vom 07.10.2021

Es ist die Stigmatisierung, die krank macht

Über Gewichtsdiskriminierung wird trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer Verbreitung wenig berichtet. Wo hat Dickenfeindlichkeit ihren Ursprung, wie funktioniert sie – und wie steht sie in Verbindung mit anderen Diskriminierungsformen?

Von Ayse Turcan

«Ganz einfach definiert, ist Gewicht die relative Masse eines Körpers», ertönt Brandy Butlers Stimme. Während sie über die wissenschaftliche Definition von Masse und deren Verhältnis zur Schwerkraft spricht, sehen wir sie auf einer Waage stehen, sehen, wie sich ihr Körper bewegt, während sie rennt. Die Kamera hält auf den Bauch, der rhythmisch auf und ab hüpft.

Die Szene stammt aus einem Video zu Brandy Butlers Soloperformance «Avoirdupois», die 2020 im Tanzhaus Zürich Premiere feierte. Avoirdupois ist ein Masssystem, das im angelsächsischen Raum noch immer verwendet wird. Das Wort heisst so viel wie «Waren von Gewicht», kann aber frei übersetzt auch «Gewicht haben» bedeuten. Die Sängerin und Künstlerin, die sich selbst als fett bezeichnet, hinterfragt im Stück die Stereotype, die unsere Gesellschaft dicken Menschen zuschreibt, und den Umstand, dass dünne Körper die einzigen sind, die als normal und wünschenswert betrachtet werden. Dabei setzt sie ihren dicken, Schwarzen Körper in Szene, der vielen nicht nur als Projektionsfläche für Ängste und Hass dient, sondern geradezu als Provokation empfunden wird.

Architektur für Dünne

Haben Sie schon einmal über einen Dickenwitz gelacht? Oder vielleicht mitgeschmunzelt, als ein dicker Politiker aufgrund seines Aussehens diffamiert wurde? Haben Sie als Kind weggeschaut, wenn dicke Kinder fertiggemacht wurden? Schon einmal eine dicke Person im Bus angestarrt? Schon mal jemandem ein Kompliment dafür gemacht, dass er oder sie abgenommen hat? Wurde Ihnen selbst schon gesagt, dass Sie ein bisschen «aufpassen» sollten? Glauben Sie, dass dicke Menschen ungesund sind? Dass sie dünner sein sollten und auch könnten, wenn sie sich mehr anstrengen würden?

«Diskriminierungen aufgrund des Körpergewichts und Dickenfeindlichkeit sind in unserer Gesellschaft völlig normalisiert», sagt Fettaktivistin Melanie Dellenbach, die sich selbst als dick oder sehr dick bezeichnet. Der Begriff «Übergewicht» wird von Fettaktivist:innen abgelehnt, da er genau wie «Untergewicht» wertend ist und sich auf eine kritisierte «Norm» bezieht. Selbstbezeichnungen für einen grossen Körper sind «dick», «fett» und «hochgewichtig», insbesondere im englischen Sprachraum wird zudem oft unterschieden zwischen «small fat», «medium fat», «large fat» und «superfat», da nicht alle Körperumfänge und -formen gleichermassen von Diskriminierung betroffen sind. Dickenfeindlichkeit gilt als eine Form von Lookismus, ein Sammelbegriff für Diskriminierungen aufgrund des persönlichen Aussehens einer Person. Was Dellenbach, diplomierte Pflegefachfrau und Expertin für Gesundheitsförderung und das Thema Gewichtsdiskriminierung, beobachtet und praktisch täglich selbst erlebt, reicht von Mikroaggressionen wie Tuscheln und verächtlichen Blicken, die ihr im Bus oder beim Glaceessen zugeworfen werden, über Hatespeech und Drohungen im Netz bis zu direkten Anfeindungen auf offener Strasse.

Die Auswirkungen der Stigmatisierung und des Hasses, denen Menschen mit grossem Körper ausgesetzt sind, sind systematischer und weitreichender, als vielen bewusst ist. Ein sichtbares Beispiel sind Architektur und Mobiliar in öffentlichen und halbprivaten Räumen. Dazu gehören Drehkreuze, die zum Teil schon für dünne Menschen mit dicker Jacke schwierig zu passieren sind, schmale Sitzplätze in Zügen oder Flugzeugen, für die dicke Menschen zum Teil zwei Tickets kaufen müssen, um mitfliegen zu dürfen, oder die in vielen Hochschulräumen üblichen festgeschraubten Sitz- und Tischkombinationen. Doch das ist bloss der Anfang. Studien aus Nordamerika und Europa zeigen, dass dicke Personen in persönlichen Beziehungen, am Arbeitsplatz, in der Bildung und insbesondere im Gesundheitswesen fortwährender Diskriminierung ausgesetzt sind. Während, wie eine kanadische Untersuchung von 2019 zeigt, die Stigmatisierung in der Schule etwa zu schlechteren Bewertungen von Lehrpersonen und niedrigeren Erwartungen der Schüler:innen an sich selbst führen kann, wird sie im Gesundheitswesen unter Umständen lebensbedrohlich.

Negative Stereotype, Unwissenheit über die vielfältigen Einflussfaktoren auf das Körpergewicht oder gar Abscheu vor dicken Menschen sind beim Gesundheitspersonal verbreitet. Ein 2019 vom Wiener Programm für Frauengesundheit veröffentlichter wissenschaftlicher Literaturvergleich bietet einen guten Überblick über diesen noch wenig beleuchteten Aspekt und die verschiedenen Dimensionen der Diskriminierung im Gesundheitsbereich.

Aufgrund negativer Erfahrungen meiden viele hochgewichtige Menschen Arztbesuche oder zögern sie hinaus – was zu einer schlechteren Versorgung führt. Gleichzeitig kann die Stigmatisierung Ursache von Falschdiagnosen sein, weil das Gesundheitspersonal ausschliesslich auf das Gewicht fokussiert und keine richtige Anamnese erstellt. Auch die Erfahrung, mit einem Leiden, das nichts mit Gewicht zu tun hat, zum Hausarzt, zur Gynäkologin oder zum Physiotherapeuten zu gehen und dann zu hören, dass man abnehmen sollte, ist typisch. Melanie Dellenbach ist Diskriminierung im Gesundheitssystem gewohnt, obwohl sie, wie sie selbst sagt, aufgrund ihres Hintergrunds als Pflegefachfrau im Vergleich mit anderen privilegiert sei. Und auch Brandy Butler könnte endlos Beispiele aufzählen. Von Ärzten, die ihr empfahlen, verschreibungspflichtige Antidepressiva zu nehmen, obwohl sie nicht depressiv war, oder sie dazu ermunterten, heute nicht mehr zugelassene Medikamente mit starken Nebenwirkungen zu schlucken: alles, um ihr Gewicht zu reduzieren.

Die ewige Schuldfrage

Ein Erlebnis, das mittlerweile zwei Jahre zurückliegt, ist Butler noch besonders präsent. Sie musste sich damals einen Zahn ziehen lassen, wobei der Zahnarzt Butlers Mund so weit aufdrückte, dass er ihren Kiefer verrenkte. «Ich habe gleich gemerkt, dass etwas nicht stimmt, wusste aber nicht genau, was», sagt Butler, die die Praxis in der Folge mehrmals aufsuchte und über ihre Schmerzen klagte. «Es hiess immer, das sei normal.» Wochen später erlitt sie einen Hörverlust, worauf die Ursache für ihr Leiden entdeckt wurde. Nun wurde Butler an eine Physiotherapeutin verwiesen. Doch anstatt sich nur um den Kiefer ihrer Patientin zu kümmern, kommentierte die Therapeutin den Körper der Künstlerin, meinte, ihr Gewicht sei ein Problem, sie müsse abnehmen. «Die Frau hat mich richtig belästigt», erzählt Butler empört. Die Therapeutin habe ihr gar gesagt, sie sei selbst schuld an ihrer Verletzung. «Mein Gewicht sollte schuld sein an einer schiefgegangenen Zahn-OP!»

Die Schuldfrage ist eine oft gestellte, und sie ist mit ein Grund dafür, dass Dickenfeindlichkeit immer noch salonfähig ist – auch in linken Kreisen, wie Dellenbach bestätigt. Sie erlebe immer wieder, wie selbst Menschen, die sich grundsätzlich gegen Diskriminierung einsetzen, Witze auf Kosten von Dicken machen würden. Sie erzählt von einer Präsentation, in deren Rahmen eine Karikatur gezeigt wurde, die eine ausgebeutete lokale Gemeinschaft im Globalen Süden zeigte, der ein weisser, dicker Bauherr gegenübergestellt war. «Das entspricht genau dem Stereotyp des fetten, fiesen Kapitalisten», sagt Dellenbach – und verweist auf das historische Bild des «Geldsacks», das neben anderen Kontexten auch auf sowjetischen Propagandaplakaten auftauchte. Es beinhaltet mehrere der Attribute, die dicken Menschen oft unterstellt werden: faul, dumm, ungesund, unhygienisch, manchmal gar böse oder gefährlich, sicher aber: ohne Disziplin.

Anders als bei anderen sichtbaren Diskriminierungsmerkmalen wie etwa einer körperlichen Beeinträchtigung oder der Hautfarbe, so die immer noch verbreitete Überzeugung, trügen dicke Menschen selbst die «Schuld» an ihrem als problematisch bewerteten Zustand. Bei einer Untersuchung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin von 2018 war die Mehrheit der Befragten in Deutschland, Grossbritannien und den USA der Meinung, dass Einzelpersonen «schuld» an ihrem hohen Gewicht seien; mehr als ein Drittel der Befragten fanden zudem, dass Dicke selbst für ihre Gesundheitskosten aufkommen sollten. Tatsächlich kann aber aufgrund des Gewichts oder des Körperumfangs weder darauf geschlossen werden, warum eine Person dick ist, noch, ob sie gesund ist oder nicht. Es gebe ganz unterschiedliche Gründe, weshalb Menschen dick seien, sagt die Berner Ernährungspsychologin Ronia Schiftan: «Eine Person kann dick sein, weil das ihrer genetischen Veranlagung entspricht oder weil sie an einer physischen oder psychischen Erkrankung wie etwa einer Essstörung leidet.» Oder vielleicht esse sie auch einfach viel und gerne, und das tue ihr gut.

Das Problem der Selbststigmatisierung

Aber ist ein hohes Gewicht nicht faktisch ungesund und führt zu einem erhöhten Risiko für verschiedene Krankheiten und zu einer niedrigeren Lebenserwartung? Das sei die falsche Frage, sagt Schiftan. «Wir sollten als Gesellschaft lernen, Körper grundsätzlich einfach mal zu respektieren.» Auch wenn Krankheiten wie Diabetes bei sehr dicken Menschen verbreitet seien, legitimiere das niemanden dazu, aufgrund des Aussehens einer Person Schlüsse auf ihren Gesundheitszustand zu ziehen. «Es gibt auch dicke Menschen, die total gesund sind.» Melanie Dellenbach teilt diese Einschätzung: «Seit Teenagerjahren wurde mir das Gefühl gegeben, dass mein Körper abnormal und krank sei, obwohl ich die meiste Zeit davon gesund war und mich fit fühlte.»

Was erwiesenermassen krank macht, sind Stigmatisierung und Diskriminierung. Wiederholt erfahrene Abwertung, oft schon ab dem Kindesalter, könne zur Internalisierung dieser Stereotype und zu einer Selbststigmatisierung führen, sagt Schiftan. Davon zeugen unzählige Erfahrungsberichte dicker Menschen, die Jahre der Crashdiäten und der exzessiven Sportphasen hinter sich haben. Auch Dellenbach und Butler berichten davon. «Ich dachte immer, mein Körper sei ein Hindernis», sagt Butler, und bei Dellenbach klingt es fast identisch: «Bis vor zehn Jahren dachte ich, mein Gewicht sei das, was mir im Leben im Weg stehe.» Nicht nur die psychischen Folgen einer Stigmatisierung seien verheerend, sagt Schiftan, sondern auch die Auswirkungen auf das Gesundheitsverhalten. Neben der Vermeidung von ärztlichen Konsultationen gehöre dazu auch, sich nicht in Fitnesszentren zu getrauen – aus Angst, Diskriminierung zu erfahren.

Den Ursprung von Dickenfeindlichkeit im Gesundheitsdiskurs untersuchte unlängst die Historikerin Sabrina Springs in ihrem Buch «Fearing the Black Body». Darin zeigt sie, wie sich im 20. Jahrhundert ausgehend von den USA auch in Westeuropa die Überzeugung durchsetzte, dass dicke Körper nicht nur ungesund, sondern gar eine Gefahr für die Gesellschaft seien, und sie verweist auf die sozialen Macht- und Kontrollfunktionen, die durch Gesundheitsnormen und -politik ausgeübt wurden und immer noch werden. Dazu gehört die Etablierung des Body-Mass-Index (BMI), der, obwohl höchst umstritten, immer noch als Massstab gilt, wenn es um die Bewertung von Körpergewicht geht. In ihrer Pionierarbeit geht Springs noch weiter in der Geschichte zurück und zeigt auf, wie sich ausgehend von der Präsenz Schwarzer Frauen in Europa und den USA aufgrund des transatlantischen Sklavenhandels ab dem 17. Jahrhundert ein neues weibliches Schönheitsideal etablierte: der dünne, weisse Frauenkörper, den Frauen disziplinieren mussten, um sich sozial und in Bezug auf Klasse und «Rasse» abzugrenzen. Rassistische und dickenfeindliche Stereotype seien eng verknüpft und bis heute äusserst wirkmächtig, schreibt Springs. Obwohl auch Männer von Dickenfeindlichkeit betroffen sind, erstaunt es wenig, dass insbesondere der weibliche Körper zu einer regelrechten Arena des «Rassen»- und Klassenkampfes wurde – und es nach wie vor ist.

Obwohl Springs Buch stark auf den US-amerikanischen Kontext fokussiert, sind ihre Erkenntnisse in den Grundzügen auch auf Europa mit seiner kolonialen Vergangenheit übertragbar. Ein sehr konkretes Beispiel für die enge Verknüpfung rassistischer und dickenfeindlicher Stereotype liefert ein Erlebnis Dellenbachs, das ihr kürzlich in einem Drogeriemarkt in Bern widerfahren ist. Nachdem sie freundlich lächelnd in einem engen Gang des Geschäfts zur Seite wich, um einem älteren Herrn Platz zu machen, sagte dieser gut hörbar: «Die sollte man mal vor eine Galeere spannen!» Der Spruch schockierte selbst Dellenbach, die einiges gewöhnt ist. «Erst etwas später wurde mir die Tragweite dieser Aussage bewusst.» Dank Monumentalfilmen wie «Ben Hur» ist klar, was mit dem Spruch gemeint ist: schwitzende, angekettete Sklaven, die gezwungen sind, unter unwürdigen Bedingungen zu rudern und die dabei von einem Sklaventreiber mit Peitsche terrorisiert werden. «Dieser Mann wünschte mir, dass ich versklavt werde, er sprach mir implizit Menschenrechte ab», sagt Dellenbach, die den Vorfall immer noch unfassbar findet.

Auch eine Klassenfrage

Auch Brandy Butler hat «Fearing the Black Body» als Vorbereitung zu ihrem Stück «Avoirdupois» gelesen. Die Lektüre habe sie vergangene Erlebnisse plötzlich in einem anderen Licht betrachten und besser verstehen lassen, sagt die Künstlerin. «Ich bin Schwarz, queer, fett, Mutter und Amerikanerin.» Je nach Kontext werde von ihr erwartet, dass sie unterschiedlichen Stereotypen von Schwarzen, dicken Frauen entspreche und etwa als Sängerin so sei wie Aretha Franklin. Schwarze Fettaktivist:innen in Deutschland und den USA heben hervor, dass Hass und Anfeindungen zunehmen, je selbstbewusster sie sich zeigen, und verweisen ausserdem auf die unterschiedliche Behandlung, die weisse Dicke erfahren. Auch Butler erinnert sich an eine Situation, in der ein Gesangscoach sie beleidigte, ihre weisse, dicke Kollegin aber nicht. «Der Typ sagte, ich würde doch eh immer auf dem Sofa sitzen und Chips essen.»

Auch auf struktureller Ebene sind der Aspekt der Intersektionalität, also die Existenz von Mehrfachdiskriminierungen, und die daraus resultierende besondere Betroffenheit von dicken Menschen, die ausserdem etwa als weiblich, Schwarz oder People of Color gelesen werden, zentral. Und auch die Kategorie «Klasse» ist in diesem Zusammenhang wichtig. So sind Menschen mit geringem Einkommen häufig dicker und gleichzeitig auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt, was sich wiederum negativ auf das Einkommen auswirkt. Das Bild des fetten Kapitalisten ist also auch in dieser Hinsicht ein schiefes. Hochgewichtige und ärmere Menschen haben ausserdem tendenziell einen schlechteren Zugang zur Gesundheitsversorgung. In Zusammenhang mit der Coronapandemie hat sich die Wissenschaft in jüngster Zeit stark für die Frage interessiert, welche persönlichen, sozialen und ökologischen Faktoren Ansteckungen und schwere Krankheitsverläufe begünstigen. Dabei besteht die Gefahr, dass korrelierende Variablen in einen falschen Zusammenhang gestellt werden. Wird etwa, wie in den USA geschehen, in Studien ein Zusammenhang zwischen Hautfarbe, hohem Gewicht und der Betroffenheit von Corona hergestellt, bleibt oft unbeachtet, dass die jeweiligen Menschen gleichzeitig in Arbeits- und Wohnverhältnissen leben, die den Schutz vor dem Virus erschweren.

Sowohl Brandy Butler als auch Melanie Dellenbach hätten ihre Körper akzeptiert und sich damit abgefunden, wie Dellenbach sagt, «nie der gesellschaftlichen Norm zu entsprechen». Beide positionieren sich seit mehreren Jahren in der Öffentlichkeit, sprechen über ihre Erfahrungen, stellen Forderungen. Sie gehören damit zu einer noch sehr kleinen Gruppe von Fettaktivist:innen in der Schweiz. Melanie Dellenbach hofft, dass die Sensibilisierung für das Thema gestärkt wird und dass dicke Menschen auch in politischen Kontexten stärker miteinbezogen werden. Mit der von ihr mitgegründeten Organisation Body Respect Schweiz und als Fachperson unter dem Label «Yes2Bodies» setzt sie sich ausserdem dafür ein, dass die Diskriminierung aufgrund von Körpergewicht explizit in Antidiskriminierungsgesetzen und -richtlinien erwähnt wird. Brandy Butler wünscht sich mehr Sensibilität beim Sprachgebrauch. Dass etwa dünne Menschen sich selbst als fett bezeichnen, wenn sie sich nicht wohlfühlen, findet sie problematisch. «Sag doch einfach, du fühlst dich nicht wohl, anstatt zu sagen: Ich bin fett, oder schlimmer noch: Ich bin fett und hässlich.»

Melodie Michelberger: «Body Politics». Rowohlt Verlag. Hamburg 2021. 224 Seiten.

Cat Pausé und Sonya Renee Taylor (Hrsg.): «The Routledge International Handbook of Fat Studies». Routledge. London 2021. 294 Seiten.

Lotte Rose und Friedrich Schorb (Hrsg.): «Fat Studies in Deutschland. Hohes Körpergewicht zwischen Diskriminierung und Anerkennung». Beltz Verlagsgruppe. Weinheim, Basel 2017. 248 Seiten.

Sabrina Springs: «Fearing the Black Body. The Racial Origins of Fat Phobia». New York University Press. New York 2019. 304 Seiten.

Das Performancestück «Avoirdupois» von Brandy Butler, aus dem einige der Fotos auf diesen Seiten stammen, kommt voraussichtlich 2022 im Theater Neumarkt in Zürich wieder zur Aufführung.

Body-Mass-Index

Was heisst denn schon «normal»?

Der Body-Mass-Index (BMI) ist die mit Abstand populärste Kennzahl zur Bewertung von Körpergewicht. Die Formel zur Berechnung des BMI – Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch Körpergrösse in Meter im Quadrat – hat in den 1830er Jahren der belgische Statistiker Adolphe Quetelet bei seiner Suche nach dem durchschnittlichen Menschen entwickelt. In der Formel fand er eine Normalverteilung, mit der er das durchschnittliche Gewicht von Bevölkerungsgruppen vergleichen konnte. Er beabsichtigte jedoch nie, das Gewicht von Einzelpersonen damit zu bewerten. Der «Quetelet-Index» geriet in Vergessenheit, bis er 1972 wiederentdeckt und unter der Bezeichnung Body-Mass-Index weltweit bekannt wurde.

Obwohl längst bekannt ist, dass der BMI nur wenig über den Gesundheitszustand einer Person aussagt und weder Alter, Körper- und Knochenbau noch Trainingszustand beachtet, ist die Kennzahl sehr weit verbreitet. Krankenkassen, Ärzte, Fitnesszentren und Wissenschaftlerinnen wenden ihn bis heute an, um Personen in die Kategorien «untergewichtig», «normal» und «übergewichtig» einzuteilen. Als normal gilt ein BMI zwischen 18,5 und 24,9. Das war aber nicht immer so: 1995 legte eine Expert:innengruppe der WHO die Schwelle zum Übergewicht bei einem BMI von 25 fest. Als die US-Gesundheitsbehörden 1998 die Grenzwerte von 27,8 für Männer und 27,3 für Frauen auf 25 für beide Geschlechter senkte, wurden Millionen von Menschen von einem Tag auf den andern übergewichtig.

In Deutschland gelten nach BMI über die Hälfte aller Personen als übergewichtig, in der Schweiz waren es laut der letzten Gesundheitsbefragung von 2017 knapp ein Drittel. In den USA liegt der BMI im Schnitt bei 26,6 für Männer und 26,5 für Frauen – und somit über der «Norm».

Ayse Turcan

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