Nr. 44/2021 vom 04.11.2021

Eine Branche im freien Fall

Arbeit auf Abruf, unbezahlte Überstunden, hohe Fluktuation: Wer als Security arbeitet, riskiert oftmals für wenig Geld seine Gesundheit. Einblick in ein prekäres Beschäftigungsfeld.

Von Lukas Tobler, Natalia Widla (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Mangel an Perspektiven: Ein Mitarbeiter eines Sicherheitsunternehmens kontrolliert an der Zürcher Langstrasse Covid-Zertifikate.

«An der Tür leistet man Sozialarbeit», sagt Reto Spiess. Der gross gewachsene 32-Jährige mit langem Bart und Kurzhaarschnitt nimmt einen Schluck von seinem Espresso. Zum Gespräch in einem Zürcher Café ist Spiess nach der Arbeit erschienen, im Anschluss gibt er noch Unterricht für Neueinsteiger:innen. Fast zwölf Jahre hat er in der Sicherheitsbranche gearbeitet, an Türen, auf Festivals, bei Firmenevents, in grossen und kleinen Clubs, «bei den Leuten, dort, wo es brennt». Seit 2019 ist er als Berater und Ausbilder tätig.

Die Sicherheitsbranche ist omnipräsent: Im Gebäude-, Baustellen- oder Personenschutz, an Flughäfen und in Asylzentren setzen Kund:innen auf private Sicherheitsleute. Doch öffentlich bekannt ist nur wenig über die Arbeitsbedingungen, die tiefen Löhne, die grassierende Schwarzarbeit und die Risiken, die man als «Seci» auf sich nimmt.

Die WOZ hat mit neun Personen gesprochen, die in der Branche beschäftigt waren oder weiterhin sind. Zum Beispiel mit Marc Weibel, der mehrere Jahre als Security gearbeitet hat und seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Weibel erzählt von Arbeit auf Abruf, unbezahlten Überstunden, versprochenen, aber nie ausgezahlten Zuschlägen und der hohen Fluktuation. «In der Branche gibt es immer Stellen», sagt Weibel, «grosser Durchlauf gehört bei vielen Firmen zum Geschäftsmodell.» Festanstellungen seien selten, sagt auch ein anderer Sicherheitsmitarbeiter, der ebenfalls anonym bleiben will. «Um auf die benötigten Stunden zu kommen, beutest du dich bis an die eigenen Grenzen aus.»

Igor Zoric, der bei der Gewerkschaft Unia die Sicherheitsbranche betreut, beklagt zudem den Mangel an Perspektiven. «Es gibt kaum Entwicklungsmöglichkeiten. Wer lange im Beruf bleibt, ist auch nach Jahren noch im Stundenlohn angestellt.» Und die Arbeitsbedingungen würden immer schlechter. Der Markt sei heftig umkämpft, und ausgetragen würde der Wettbewerb vor allem über die Arbeitsbedingungen, was wiederum den Personalmangel befeuere. Dieser führe wegen Unterbesetzungen zu höherer Arbeitsbelastung – und damit zu Kündigungen. «Die Branche ist quasi im freien Fall», so Zoric.

Mehr Security als Polizei

Die private Sicherheitsbranche wächst schnell und hat inzwischen eine beachtliche Grösse erreicht: Gemäss dem Branchenverband VSSU sind dort aktuell rund 22 000 Personen beschäftigt, demgegenüber umfasst der Polizeibestand rund 19 400 Personen. 2020 betrug der Umsatz gemäss Schätzungen des Bundesamts für Statistik (BFS) rund 1,1 Milliarden Franken, fast dreimal so viel wie noch vor zwanzig Jahren. Von den Kantonen und den Gemeinden werden immer mehr Aufgaben an Dienstleister übertragen. Und auch in der Privatwirtschaft ist das Bedürfnis nach Sicherheit, Objektbewachung und Personenschutz gestiegen, wie eine Studie der ETH Zürich und Zahlen des BFS belegen.

Die Security-Branche ist relativ unübersichtlich – was nicht zuletzt den politischen Rahmenbedingungen geschuldet ist. Die Anforderungen an Personal und Firmen sind kantonal geregelt. Das sei eines der grössten Probleme, sagt Igor Zoric von der Unia. Einzig in der Westschweiz besteht ein interkantonales Konkordat mit einheitlichen Regeln, in der Deutschschweiz hingegen herrscht ein Flickenteppich. Darunter leide die Qualität, sagt VSSU-Direktor Luc Sergy. «Es braucht einen einheitlichen Standard, und zwar einen hohen.»

Aber nicht nur die mangelhafte Harmonisierung der Regeln ist ein Problem, sondern auch, dass diese oft schwer nachvollziehbar sind. Das findet jedenfalls der ehemalige Sicherheitsmitarbeiter Reto Spiess. Er musste 2019 den Frontdienst an den Nagel hängen, nachdem im Kanton Zürich eine neue Regelung eingeführt worden war, nach der nur Menschen mit einem sauberen Strafregisterauszug in der Sicherheitsbranche arbeiten dürfen. Wegen eines Jahre zurückliegenden Verstosses gegen das Arbeitslosenversicherungsgesetz darf Spiess bis auf Weiteres nicht «an der Front» arbeiten. Er kenne viele, so Spiess, denen es wegen ähnlicher Bagatellen ebenso ergangen sei.

Gefährlicher Wettbewerb

Rund 800 Sicherheitsfirmen gibt es in der Schweiz gemäss Schätzungen der NGO humanrights.ch. Dominiert wird die Branche aber nur von zweien: Securitas und Protectas. Dank ihrer Grösse und Ablegern in allen Landesteilen seien sie in der Lage, jeden Auftrag zu übernehmen – und die Preise zu drücken, da die Wege kürzer und damit die Spesen entsprechend tiefer ausfallen. Unternehmen mit nur einem Sitz würden quasi konkurrenzunfähig, sobald ein Auftrag etwas weiter entfernt sei, erzählt Branchenkenner Spiess.

Gegenüber der WOZ weisen sowohl Securitas als auch Protectas den Vorwurf des Preisdumpings durch «Flächenbombing», wie Spiess es nennt, entschieden zurück. Securitas etwa schreibt auf Anfrage, das grosse Niederlassungsnetz sei aus der Bestrebung heraus entstanden, nahe bei den Kund:innen zu sein, und nicht, um Spesen einzusparen. Auch den Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung durch eine Monopolstellung lässt Securitas nicht gelten. Anbietervielfalt gehöre zu einem funktionierenden Markt, so Mediensprecher Urs Stadler. Und: «Die Securitas AG ist in der Schweiz marktführend und geht mit dieser Rolle als Anbieter und Arbeitgeber verantwortungsbewusst um.»

Der Druck auf mittelgrosse Unternehmen, so Reto Spiess, gehe jedoch nicht nur von den Grossen aus, sondern auch von den unzähligen kleinen Firmen, die «wie Pilze aus dem Boden schiessen». Oftmals, so erzählen drei der Befragten, arbeiteten diese Firmen schwarz und sparten somit Kosten ein, die ihnen entsprechend ermöglichten, den Kund:innen sehr tiefe Stundenansätze zu bieten. Um konkurrenzfähig zu bleiben, erzählt Marvin Thomas, der im Nachtleben arbeitet, würden in regulären Betrieben also die Löhne gedrückt, Arbeitszeiten gedehnt und Pausen gestrichen.

Auf dem Rücken der Sicherheitskräfte sparen auch viele Auftraggeber:innen. Im Nachtleben etwa werden oftmals zu wenige Sicherheitsleute für einen Anlass oder ein Lokal gebucht. Alle der befragten Personen mit Erfahrungen in diesem Bereich bestätigen, dass starke Unterbesetzungen üblich seien. «Viele Clubs sind unglaublich knausrig», sagt etwa eine Sicherheitsmitarbeiterin aus Solothurn.

Die Situation ist nicht nur ein Problem für die Mitarbeitenden, sondern birgt auch Risiken für die Kund:innen: «Ich habe Menschen gesehen, die einfach rumgestanden sind, wenn jemand im Club kollabiert ist, weil sie schlichtweg nicht wussten, wie man Erste Hilfe leistet», erinnert sich Marc Weibel. Ein Sicherheitsfachmann, der im Bereich Baustellensicherheit tätig ist, erzählt von Securitys, die während des Nachtdiensts geschlafen hätten – während sie eigentlich für die Feuerwache in einem Einkaufszentrum zuständig gewesen seien. Das Budget für Sicherheitsdienstleistungen sei oft so knapp bemessen, dass es bei der kleinsten Irregularität zum Eklat kommen könne. «Da fehlt nur ein betrunkener Spinner, um aufzuzeigen, wie unterbesetzt das Dispositiv an einem Anlass ist», resümiert die Frau aus Solothurn.

Eskalationen an der Tagesordnung

Eigentlich gäbe es gegen Dumpinglöhne und schlechte Arbeitsbedingungen ein einfaches Mittel: einen Gesamtarbeitsvertrag (GAV). Ein solcher wurde 2004 vom Bund zum ersten Mal für verbindlich erklärt, er legt einen Mindestlohn fest, regelt die Arbeitszeit und die Vergütung von Spesen und gibt Pausenzeiten vor. Seine Einhaltung wird von einer Paritätischen Kommission überprüft, in der die Sozialpartner Einsitz haben. Konkret: die Gewerkschaften Unia und Syna sowie der VSSU.

Der GAV sei allerdings sehr komplex, sagt der Gewerkschafter Igor Zoric. Tatsächlich umfasst allein das Spesenreglement vier ganze A4-Seiten. «Und in unserer Gewerkschaftsarbeit stellen wir unabhängig von der Betriebsgrösse regelmässig Verstösse gegen die zentralen Artikel des GAV fest», so Zoric, «etwa gegen Bestimmungen zum Mindestlohn oder zur Arbeitszeit.»

Das gewichtigste Problem des GAV ist aber eines, an dem die Sozialpartner gar nichts ändern können: Er gilt nicht für alle Betriebe. Den Geltungsbereich legt jeweils der Bundesrat fest, zurzeit sind Betriebe mit weniger als zehn Angestellten davon ausgenommen. Diese Untergrenze werde gezielt ausgenutzt, sagt Gewerkschafter Zoric. «Es gibt Arbeitgeber, die ihre Firmen falsch deklarieren, sodass sie offiziell nur neun Personen beschäftigen.»

Die Verschärfung der Arbeitsbedingungen und die wachsende Konkurrenz bei gleichzeitiger Unterbesetzung gehen Hand in Hand mit dem stetigen Wachstum der Branche. Mit diesen Tendenzen steht diese zwar nicht alleine da, aber in kaum einem anderen Berufsfeld geht es um so sensible Themen wie Gewalt, Kontrolle und Überwachung. Dass die Arbeit kompetent ausgeführt wird, wäre entsprechend umso entscheidender.

Marc Weibel hat die Branche inzwischen verlassen. Die Arbeit sei ihm zu gefährlich geworden, Eskalationen gehörten zur Tagesordnung. «Mit der Zeit stumpfst du unweigerlich ab», sagt er. Oftmals müsse es schnell gehen, zum Reden und Verhandeln bleibe keine Zeit, erst recht nicht, wenn man übermüdet und gestresst sei. Dann werde auch schon mal die Überwachungskamera verdeckt, um unbeobachtet zuschlagen zu können. «Wer diese Arbeit macht, weiss genau, wo die dunklen Ecken sind», sagt ein anderer Security.

Mehrmals sei er auf dem Heimweg von Personen abgefangen worden, die er an der Tür abgewiesen hatte, berichtet Weibel. 2019 zog er schliesslich die Reissleine. «Für ein paar Franken pro Stunde muss ich nicht mein Leben riskieren», sagt er heute.

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