Nr. 03/2022 vom 20.01.2022

Nur vor dem Duschen

Auch Michel Houellebecqs neustes Werk bringt die Feuilletons in Wallung. Mangels Skandalstoff musste der Hype anderweitig geschürt werden.

Von Daniel HackbarthMail an Autor:in

Männer fortgeschrittenen Alters gelten ja als vom Zeitgeist unerbittlich verfolgte Spezies, im Fall von Grossschriftstellern wie Michel Houellebecq aber kann Entwarnung gegeben werden: Auch der jüngste Roman des Franzosen, der Anfang Januar erschienen ist, erregte zuverlässig Aufsehen. Die Kulturteile im In- und Ausland brachten ausführliche Rezensionen des Werks mit dem wenig Erfreuliches verheissenden Titel «Vernichten». Die NZZ etwa druckte in überbordender Wertschätzung gleich eine doppelseitige Besprechung, die der Feuilletonchef selbst verfasst hatte.

Längst ist der Autor Houellebecq, berüchtigt für reaktionäre Äusserungen («Trump ist ein guter Präsident») und schrulliges Gebaren, selbst eine Art popkulturelles Phänomen. Dagegen ist der Plot des neuen Buchs nicht allzu skandalträchtig – anders als noch bei «Unterwerfung» (2015), das mit dem rechten Narrativ von der Islamisierung Frankreichs kokettierte. Zwar beginnt auch «Vernichten» als Politthriller: Mysteriöse Cyberattacken beunruhigen die Behörden, zumal noch ein Fake-Video auftaucht, das die Guillotinierung des Wirtschaftsministers zeigt. Dieser Handlungsstrang versandet aber, und der Roman konzentriert sich auf das Familienleben eines Pariser Bürokraten namens Paul, der ein Vertrauter des besagten Ministers, vor allem aber unglücklich verheiratet ist. Als Pauls Vater ins Koma fällt, führt dies den Endvierziger zurück zu seiner Verwandtschaft in der Provinz, und seine Ehe erlebt einen zweiten Frühling.

Das grosse Geheimnis

In Ermanglung explosiveren Stoffs schürte Houellebecqs Verlag Flammarion den Hype mit anderen Mitteln: So wurde um den Titel des Buchs ein grosses Geheimnis gemacht, dann wurde bekannt, dass es als Hardcover erscheinen würde (was in Frankreich unüblich ist), ehe der Roman nach einem angeblichen Leck im Verlag online kursierte.

Houellebecq selbst wollte zudem als spannungssteigernde Massnahme keine Interviews geben. Daran hielt er sich bis Ende Dezember, als er dann doch den Literaturkritiker von «Le Monde» zum Gespräch bat. Diesem erzählte er, sich auf dem Sofa fläzend, dass er stets vorm Duschen schreibe («Man ist zu nichts mehr zu gebrauchen, sobald man gewaschen ist») und Weisswein bevorzuge («Ich persönlich bin ein bisschen ein Alkoholiker – möchten Sie etwas trinken?»).

Alle finden ihren Platz

Vom Treffen war der Kritiker angetan («unerwartet heitere Atmosphäre»), vom neuen Werk gar hellauf begeistert: eine «metaphysische Meditation», genauso umfangreich wie packend. Ähnlich euphorisch war der Rezensent des «Figaro» («Ein virtuoser Roman über eine Welt am Rande des Chaos»). Und auch die deutschsprachigen Kritiken waren überwiegend wohlwollend: Die «taz» staunte über Houellebecqs Schilderung der Vielschichtigkeit menschlicher Beziehungen, die «Süddeutsche Zeitung» sprach von einer «meisterhaften Ode an die Familie, an Frankreich, sogar an die Ehe». Derweil tat sich der «Tages-Anzeiger» mit einem Urteil schwer: «Ein gelangweilter Autor langweilt. Auf seine Weise ist das kongenial.»

Ganz anders linke französische Medien: Die Kritikerin von «Inrockuptibles» etwa fühlte sich von Houellebecq an einen «alten, mürrischen Onkel» erinnert, «der völlig von seiner Zeit überholt wurde». Auch «Mediapart» meinte, dass es für eine die Vergangenheit verklärende Weltsicht spreche, wie leicht bei diesem Autor alle den ihnen zukommenden Platz fänden: die Frauen in der Sorgearbeit, die Männer in der Konfrontation mit wirklichen Problemen.

Da der Roman vor allem gegen Ende zur Eloge auf weibliche Servilität wird und sich stellenweise wie ein maskulinistisches Manifest liest (etwa wenn es um eine diabolisch überzeichnete feministische Journalistin geht), ist dieses Urteil leicht nachzuvollziehen. Es steht allerdings quer zur allgegenwärtigen Beschwörung der «seherischen» Qualitäten Houellebecqs, die sich seiner gelegentlichen Thematisierung des Islamismus und des Stadt-Land-Grabens verdankt.

Wie viel Houellebecqs Prophezeiungen wirklich wert sind? In einem Interview mit dem «Spiegel» hatte er 2017 seinen Rückzug aus der Öffentlichkeit angekündigt. Daraus wurde nichts. Nun deutet er am Schluss von «Vernichten» gar das Ende seiner Schriftstellerei an. Obs diesmal stimmt? Da hilft nur Abwarten und Weissweintrinken.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch