Nr. 20/2022 vom 19.05.2022

Die brennende Brandmauer

Wie den Faschismus stoppen? Der britische Publizist Paul Mason polemisiert in seinem jüngsten Buch gegen linkes Sektierertum und bornierte Fraktionskämpfe – und erinnert an eine denkwürdige Demonstration im Paris der 1930er Jahre.

Von Daniel HackbarthMail an Autor:in

Gemeinsam gehts vielleicht doch besser: Frankreichs Linksparteien schmieden nach der vergeigten Präsidentschaftswahl eine Koalition für die Parlamentswahlen. Foto: Gérard Cambon, Keystone

Leben wir in einer präfaschistischen Ära, in der die Machtübernahme der rechten Demokratiefeind:innen kurz bevorsteht? Beunruhigende Indizien muss man nicht lange suchen: Bei der französischen Präsidentschaftswahl stimmten Abermillionen Wähler:innen für Rechtsextreme, während Russland einen von ultranationalistischen Ideologen inspirierten Angriffskrieg führt. Und eben erst schäumten die sozialen Netzwerke wegen des «faschistischen» Vorstosses des obersten Gerichtshofs der USA, das Abtreibungsrecht gegen den Willen einer klaren Bevölkerungsmehrheit zu kassieren, derweil der Expräsident des Landes noch immer von rechtsextremen Schlägertrupps bejubelt wird – ein Expräsident wohlgemerkt, der bei seiner Abwahl 2020 über elf Millionen Stimmen mehr erhielt als bei seiner ersten Kandidatur. Dazu kommen neonazistische Netzwerke in Deutschlands Polizei und Armee, ein indischer Premierminister, der Mitglied einer quasifaschistischen Miliz ist – die Aufzählung liesse sich problemlos weiterführen.

Rechts vom Konservatismus

Es ist also nachzuvollziehen, warum Paul Mason in seinem jüngsten Buch eingangs feststellt: «Der Faschismus ist zurück.» Dennoch irritiert dieser Befund den britischen Publizisten selbst. Als er als junger Mann in den Siebzigern gegen Naziskins demonstrierte, erschien ihm das als Kampf gegen einen geschichtlichen Anachronismus, wie er schreibt: War der Faschismus nicht «ein Produkt für immer beseitigter gesellschaftlicher Hierarchien, ein Phänomen, das durch eine Art von Wirtschaftskrise heraufbeschworen worden war, die sich nie wiederholen würde»? Rückblickend ein Irrglaube, so der Brite.

Diesen Irrglauben nimmt Mason zum Anlass, eine Analyse der antidemokratischen Bedrohung von rechts zu versuchen. Vieles davon ist nicht neu. Wohl aber, weil der Journalist immer auch Aktivist gewesen ist – früher als revolutionärer Trotzkist, später dann als Unterstützer des Labour-Linken Jeremy Corbyn –, denkt Mason dezidiert entlang politischer Konfliktlinien. So verdichten sich in seinem Buch Fragen, die kaum aktueller sein könnten.

Aber der Reihe nach: Mason konstatiert zunächst, dass in der Zeit nach dem Finanzcrash 2007 drei politische Bewegungen rechts vom traditionellen Konservatismus aufblühten. Da ist der blanke Extremismus, der vom «Rassenkrieg» träumt und Terror ausübt. Dann der Rechtspopulismus einer SVP oder einer AfD, der Minderheiten stigmatisiert und den Rechtsstaat zu schleifen versucht, dabei aber nicht auf Gewalt zurückgreift. Und schliesslich ein autoritärer Konservatismus, der die populistische Rhetorik übernimmt und sich in traditionellen Parteien und Netzwerken der Eliten ausbreitet – in Deutschland etwa vertreten durch die Werteunion oder Politiker:innen wie Hans-Georg Maassen.

Das Problem sei, so Mason, dass die drei Bewegungen begonnen hätten, sich gegenseitig zu befeuern. Die bisweilen geäusserte Hoffnung, der Rechtspopulismus könnte den eigentlichen Faschismus bändigen, indem er Ressentiments zwar artikuliere, aber in halbwegs zivilisierten Grenzen einhege, habe sich als falsch erwiesen. «Die Brandmauer hat Feuer gefangen», schreibt der Brite. Das mag alarmistisch klingen, denkt man aber etwa an die «Grand Old Party» in den USA, in der der QAnon-Verschwörungswahn grassiert, oder daran, dass selbst bürgerliche Konservative im französischen Wahlkampf den neofaschistischen Mythos vom «grossen Bevölkerungsaustausch» bemühten, ist Besorgnis durchaus angebracht.

Revolution gegen die Revolution

Was also tun? Masons Vorschlag lautet, aus den Irrtümern der antifaschistischen Kämpfe vor hundert Jahren zu lernen. Als Problem macht der Brite dabei vor allem die sowjetische Faschismustheorie aus, die in den 1920ern die Politik grosser Teile der europäischen Linken bestimmte. In dieser Theorie galten Hitlers und Mussolinis Horden als kleinbürgerliche «Agenten der Bourgeoisie», die die Interessen des Kapitals verteidigten, indem sie die proletarische Bewegung zerschlügen.

Mason zitiert dazu zunächst zustimmend den Historiker Enzo Traverso, der den Faschismus als «eine Revolution gegen die Revolution» begreift. Daran anknüpfend, schlägt Mason vor, den Faschismus als «Furcht vor der Freiheit, geweckt durch eine Ahnung von Freiheit» zu definieren. So werden Parallelen zwischen den Aufständen am Ende des Ersten Weltkriegs und heutigen feministischen oder antirassistischen Bestrebungen sichtbar: Kämpfe um Emanzipation rufen – dies die geschichtliche Lektion – reaktionäre Gegenbewegungen hervor, die überkommene Herrschaftsverhältnisse auch mit nackter Gewalt verteidigen. Damit offenbart sich der Faschismus als «Bewegung gegen die Möglichkeit der Selbstbefreiung», so Mason.

Historisch habe sich aber auch gezeigt, wie verheerend linke Spaltungen und Fraktionskämpfe für den antifaschistischen Widerstand waren. Katastrophal wirkte vor allem die «Sozialfaschismustheorie»: 1924 erklärte Stalin die Sozialdemokratie kurzerhand zum «gemässigten Flügel des Faschismus». Dies blockierte über Jahre ein Bündnis zwischen Kommunistinnen und Sozialdemokraten – von antifaschistisch gesonnenen Liberalen ganz zu schweigen. Gleichzeitig unterschätzte man die Gefahr, die von den Braun- und den Schwarzhemden ausging.

Polemik gegen «Linksextreme»

Gegen solche Fehlschlüsse begehrten die Massen schliesslich auf. In Frankreich gründete sich 1934 das Comité de défense antifasciste und organisierte eine grosse Demonstration. In Paris strömten die Protestzüge der Kommunisten und der Sozialistinnen aufeinander zu, Abertausende forderten zur Überraschung der Partei- und der Gewerkschaftsführer die antifaschistische Einheit. Mason geht es bei dieser Reminiszenz um die Gegenwart: Er wirbt für eine Neuauflage eines solchen Front populaire, der den Triumph des französischen Faschismus bis zum Überfall Deutschlands verhinderte. Und tatsächlich könnte dieses Plädoyer kaum zu einem besseren Zeitpunkt kommen: Hat in Frankreich nicht eben erst die Linke in der Präsidentschaftswahl vorgeführt, wie paralysierend Spaltung wirkt – und wie sehr die extreme Rechte davon profitiert?

Einheit ist also geboten. Etwas überraschend jedoch liegt für Mason das gegenwärtige Haupthindernis für diese links aussen. Das wird deutlich, wenn er beiläufig gegen «linksextreme Twitter-Threads» polemisiert, «in denen Liberale wie Hillary Clinton in derselben Sprache verteufelt werden wie Trump». Oder wenn er an anderer Stelle behauptet: «Die heutige Linke betrachtet den Liberalismus im Grossen und Ganzen weiterhin als ihren Hauptfeind, obwohl die faschistische Bedrohung unübersehbar ist.»

Ungeahnte Aktualität

Mit dieser fragwürdigen Einschätzung wandert der Publizist vom linken auf den rechten Labour-Flügel. Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine zeigt er sich überdies als vehementer Befürworter einer hochgerüsteten Nato. Ein Zentrismus also, der moralisch umso alternativloser auftritt, je krasser die faschistische Bedrohung erscheint, hat bei Mason die Suche nach progressiven Antworten abgelöst. Wenn man das vielgestaltige Desaster der Gegenwart betrachtet, ist es allerdings auch entscheidend zu benennen, welche Politik dieses heraufbeschworen hat: Es waren Liberale, Konservative und rechte Sozialdemokrat:innen, die die ökonomischen, klima-, demokratie- und sicherheitspolitischen Weichenstellungen der vergangenen Jahrzehnte verantworteten – und nicht Linke.

Kritik an der herrschenden Politik des «kleineren Übels», die die aktuelle Vielfachkrise eben auch mitbefeuert, ist also mindestens so nötig wie linke Bündnisse gegen Rechts – so viel Dialektik muss sein. Immerhin hat inzwischen im fast schon an den Le-Pen-Clan abgeschriebenen Frankreich das von Mason gepriesene Konzept der Volksfront ungeahnte Aktualität gewonnen. Anfang Mai, genau 86 Jahre nach dem Sieg des Front populaire bei den Parlamentswahlen, trafen sich die Linksparteien und handelten eine Koalition aus. Im besten Fall gelingt es dieser, Möglichkeiten zur Selbstbefreiung wieder sichtbar zu machen – ohne falsche Kompromisse mit denen, die die Katastrophe bloss verwalten wollen.

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