Nr. 39/2005 vom 29.09.2005

Der Operettendenker

Dem ehemaligen «neuen Philosophen» ist eine Flut von Neuerscheinungen gewidmet. Mindestens eine davon lohnt die Lektüre.

Von Bernard Schmid

So viel Wirbel war selten um einen Mann. Nicht weniger als sieben Bücher sind im letzten halben Jahr über den französischen Jet-Set-Intellektuellen Bernard-Henri Lévy (in Frankreich gern «BHL» genannt) erschienen oder angekündigt worden. Sie alle wollen den einstigen «Neuen Philosophen» der späten siebziger Jahre demystifizieren, seine ständige Medienpräsenz denunzieren und seine ideologischen Postulate dechiffrieren.

«Le B.A. BA du BHL» stammt aus der Feder der Kulturjournalisten Jade Lindgaard und Xavier de la Porte, die der globalisierungskritischen Linken nahe stehen. Der Titel bedeutet ungefähr «Den BHL lesen lernen», unter Anspielung auf die französische Bezeichnung für den Unterricht des Alphabets. Der teilweise recht sarkastische Essay will erklärtermassen «eine Symbolfigur des Medienschwindels» demontieren, ist jedoch von «Le Monde» als mit heisser Nadel gestrickte, eilige Untersuchung kritisiert worden. Der Vorwurf ist nicht unberechtigt, auch wenn die Pariser Abendzeitung wohl ihren gelegentlichen Leitartikler verteidigen wollte. Wesentlich wohlwollender, und vor allem zahnloser, fällt da «Une vie» von Philippe Boggio aus. Der Autor nimmt die politischen Ideale des BHL und seinen Feldzug gegen die totalitären Kräfte der Finsternis gern für bare Münze. Und anders als bei den anderen griff BHL Boggio helfend unter die Arme, wenn es um die Suche nach Details und Dokumenten ging. Deswegen wurde sein Wälzer auch von «Le Monde» durch Josyane Savigneau, die zum selben Rezensionskartell wie BHL und seine Protégés gehört und dafür häufig kritisiert worden ist, hoch gelobt: «Gut, diese Biografie ist voller Empathie, aber deswegen nicht verklärend» und «sehr angenehm zu lesen».

Angekündigt ist ein Titel des Radiojournalisten Richard Labévière und des Philosophen Bruno Jeanmart. Er sollte ursprünglich in der ersten Jahreshälfte 2005 erscheinen, wurde aber anscheinend wegen der Fülle an neuen Büchern über BHL nochmals gründlich überarbeitet. Er soll voraussichtlich im Verlag Les Arènes, der bisher mit kritischen Büchern über Frankreichs Neokolonialismus auf sich aufmerksam gemacht hat, erscheinen und den Titel «De l’absence de pensée chez BHL» tragen. Labévière, der 2001 mit einem Buch über die Unterstützung des Westens für den radikalen Islamismus im Afghanistankrieg reüssierte, hat angekündigt, es solle zeigen, «warum es ein Schwindel ist, diesen Typ als Philosophen zu bezeichnen».

Mit Abstand das seriöseste unter den bereits publizierten Büchern ist jenes von Philippe Cohen: «BHL, une biographie». Die zentrale These des Buches, das innerhalb eines Vierteljahres über 30 000 Mal verkauft wurde, lautet, dass Bernard-Henri Lévy wie kaum ein anderer einen Prozess verkörpere: den Übergang von der Macht der Ideen zu jener des Fernsehens und der Medienkonzerne, von der Anregung des Denkens zum Vermarkten vorgefertigter Module und Gedankenbausteine, von der Geisteswissenschaft zum marktförmigen und eingängigen «Prêt-à-penser». Dazu hat Cohen auch eine Anekdote ausgegraben: In zartem Kindesalter wurde BHLs Töchterlein Justine - die inzwischen Anfang dreissig und Verfasserin zweier Romane ist - von ihrer Grundschullehrerin befragt, was denn ein Philosoph sei. Zu jener Zeit wirbelte der Herr Papa gerade unter dem Label des «nouveau philosophe» einigen Staub auf. «Ein Philosoph, das ist ein Monsieur, der im Fernsehen auftritt», antwortete das Töchterchen brav.

Das plötzliche Interesse für BHL als «Forschungsobjekt» setzte ein, nachdem 2003 dessen zunächst durch alle Medien einstimmig hoch gelobte «Romanenquête» (Roman-Untersuchung) über den Tod des US-Reporters Daniel Pearl erschienen war. Pearl war im Frühjahr 2002 in Pakistan, wo er journalistisch tätig war, von radikalen Islamisten gefangen genommen und enthauptet worden. Daraufhin reiste Bernard-Henri Lévy nach Pakistan und legte eine für ihn nicht untypische Mischung aus Fakten und Fiktion in Buchform vor. Das Prozedere glich demjenigen, das BHL schon oft angewandt hatte: Er wohnte einige Wochen lang in einem Luxushotel in Karachi und begab sich von dort aus auf Streifzüge, die ihn angeblich auch an verrufene Orte der südpakistanischen Metropole führten. Was genau BHL einige Wochen lang in Pakistan trieb, kann kaum überprüft werden. Tatsache ist, dass er später angab, ein Jahr lang unter lebensgefährlichen Bedingungen «in die Vorhölle des Terrorismus» gekrochen zu sein und dort recherchiert zu haben, etwa in fundamentalistischen Koranschulen.

Wie Cohen nachweist, waren bereits BHLs Recherchen im Jahr 1971 während des Sezessionskrieges im damaligen Ostpakistan eine Maskerade, und die Reise als «internationaler Brigadist» nichts als ein Operetten-Engagement. Denn nicht im Oktober 1971, nachdem der spätere Kulturminister André Malraux im Radio zur Bildung einer internationalen Brigade für Bangladesch aufgerufen hatte, fiel BHLs Entscheidung zur Reise, sondern bereits im Juni 1971. Damals hatte BHL bei einem seiner Professoren, dem mit dem Maoismus sympathisierenden Charles Bettelheim, einen Forschungsaufenthalt in Bengalen angemeldet, den er vier Monate später antrat. Und seine Forschungen, die er später als gefährliches Eintauchen in einen Guerillakrieg darstellte, betrieb Lévy schon damals von einer komfortablen Loge aus.

An dieser Arbeitsweise hat sich seither im Prinzip nichts geändert, denn Bernard-Henri Lévy ist es gewohnt, die Konfrontation mit dem «Elend der Welt» von einer Luxussuite aus zu suchen. Das heutige Vermögen des Mannes wird auf 150 bis 180 Millionen Euro geschätzt. Es handelt sich um das väterliche Erbe: André Lévy, der den Grundstein für sein Vermögen in der algerischen Kolonialgesellschaft in Algerien legte - dort wurde BHL 1948 geboren - und sich erst nach dessen Unabhängigkeit im Pariser Grossbürgervorort Neuilly-sur-Seine niederliess, handelte mit Holz. Zum Multimillionär wurde er ab den sechziger Jahren durch den Verkauf von Tropenhölzern aus der Côte d’Ivoire, deren Wälder damals durch französische Firmen kahl geschlagen wurden. Von den Früchten dieses Kolonialhandels lebt BHL bis heute ganz gut.

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