Nr. 50/2007 vom 13.12.2007

Breaking News from Bern +++ Widmer-Schlumpf nimmt Wahl an +++ Blocher: Abgetreten wie ein Gangster +++ Mörgeli: «Das war staatsmännisch» +++ Erste O-Töne der neuen Bundesrätin. +++ Es folgen: Interviews mit Geri Müller (Grüne), Ursula Wyss (Fraktionschefin SP) und J. Alexander Baummann (SVP).

Von Daniel Ryser

Notizen aus Bern: BAZ-Reporter flucht auf Pressetribüne: «Heute haben sich hier Schein- und Fremdjournalisten versammelt.» Welsche Frau klaut seinen Stuhl. Empörung. Dann galant. Abwahl Blocher: Tumultöse Szenen. Nach Ulrich Schlüer, Toni Brunner, Ueli Maurer der vierte innert Wochen, den es bei Wahlen lupft. Verwirrung im Saal. Fakt: Die SVP hat bis zur Wahl nichts von der Sprengkandidatin gewusst. Wer hat das eingefädelt? Der Name Andrea Hämmerle fällt immer wieder.

Draussen auf dem Bundesplatz: An die 500 DemonstrantInnen haben sich seit sieben Uhr versammelt. Absperrgitter, Polizeikolonnen. Viele Frauen, mit Tafeln und Transparenten «Eine dritte Frau in den Bundesrat!» - «Evelyne, sag ja!» - «Gargamel, hau ab!» Über eine improvisierte Lautsprecheranlage wird die Sitzung der Bundesversammlung übertragen. Nach acht Uhr scharen sich alle um die Boxen. Evelyne Widmer-Schlumpfs Ansprache. Jubel bricht schon aus, als Widmer-Schlumpf die anderen Parteien bitten, die Verantwortung mitzutragen. Jetzt ist alles klar, jetzt ist es geschafft! Champagnerkorken knallen.

Im Bundeshaus, Donnerstag, 13. Dezember 2007, 8:04: Madame Eveline Widmer-Schlumpf, nehmen Sie die Wahl an? «Diese Wahl ist eine grosse Ehre für mich, meine Familie und die SVP. Ja, ich nehme die Wahl an.»

Blocher kommt, lehnt sich übers Rednerpult. Wie ein Gangster, der das Parlament bedroht: «Das war vor allem eine Nicht-Wahl. Sie können mich aus der Regierung entfernen, aber nicht aus der Politik. Jetzt kann ich endlich Dinge sagen, die ich immer wollte. Und die CVP redet von Konkordanz und Toleranz und Kollegialität und dem Amtsgeheimnis, um Dreck zuzudecken.» WOZ verfolgt Rede auf einem Bildschirm im Bundeshaus. Couchepin tritt heran: «Was sagt er?» - «Opposition.» - Couchepin: «Sachen gibts.» Tritt ab.

Nach der erstaunlich hundsmiserablen Abtrittsrede Blochers bis aus den SVP-Reihen kaum Applaus. Mörgeli zur WOZ: «Das war staatsmännisch.» Aber selbst in der SVP zeigen sich Brüche: Fünf Fraktionsmitglieder applaudierten Widmer-Schlumpf, als sie die Wahl annahm. Und nun? Opposition? Ganz klar. Das sagen: Mörgeli und Baader. Völlig verstört ist Peter Spuhler, UBS-Verwaltungsrat in der Opposition: Was, wenn nicht seine geliebten bilateralen Verträge, werden als erstes von Blocher zerfetzt werden, wenn die Partei in die Opposition geht? Und was macht eigentlich Blocher? Kann er in den Nationalrat nachrutschen? Hockt er noch auf einer Liste? «Das alles muss sich zeigen», sagt Mörgeli. Ein Stock weiter unten: Filippo Leutenegger gratuliert der neuen Bundesrätin. Otto Ineichen auch.

Draussen auf dem Bundesplatz: Die Demonstranten ziehen ab. Einer beim Weggehen zur Oppositionsdrohung: «Auf der Strasse war die SVP nie stark». Ja, wo war es nur, das Volk?

10.32: Erste Pressekonferenz der neuen Bundesrätin - Zusammenfassung. O-Ton Widmer-Schlumpf: «Das erste Mal erfuhr ich am Dienstag Abend per SMS, dass ich als Kandidatin ernsthaft im Spiel bin. Ich war dann froh, eine Auszeit nehmen zu können, um alles genau abzuwägen. Ich werde es nicht leicht haben, aus meiner Zeit als Regierungsrätin weiss ich, dass es wichtig ist, eine starke Fraktion zu haben. Ich werde mich um Kontakt bemühen. Gleichzeitig gab es auch Stimmen aus der SVP Schweiz, die mich gebeten haben, Ja zu sagen. Ich erhielt in der letzten Nacht 1200 Mails und SMS. Offenbar stehen viele hinter mir. Auch in der SVP. Ich wurde auch heftig angefeindet. Kann das der Stil sein? Aber ich bin mir bewusst, dass es nicht das letzte mal passiert ist. Ich bin mir bewusst, dass mich die Fraktion als Verräterin sieht. Wenn ich damit nicht leben könnte, hätte ich die Wahl nicht angenommen. Ich hoffe, auch in anderen Fraktionen Gesprächspartner zu finden. Ob die Linke es noch bereuen wird, mich gewählt zu haben, kann ich nicht beurteilen. Tatsächlich vertrete ich oft Positionen, die man nicht als links bezeichnen kann. Ich will meinen SVP-Weg im Bundesrat weiterführen.»

Jasmin Hutter steht vor einem Bildschirm, als Widmer-Schlumpf die Pressekonferenz hält, hysterisch: «Leck, isch diä dumm! Verröterin! Leck, leck, da glaubsch jo nöd!» Stürzt in den Nationalratssaal.

Am Donnerstagmittag: Pressekonferenz Samuel Schmid. Ebenfalls noch SVP Parteimitglied, aber aus der Fraktion ausgeschlossen. «Ein Anschluss an eine Fraktion ist weder zwingend noch angebracht. Ich bin seit 40 Jahren in der SVP.»

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