Nr. 26/2008 vom 26.06.2008

Wie ist es, auszuscheiden?

Interview: Carlos Hanimann

WOZ: Guten Tag, Herr Jorge.
Artur Jorge: Was wollen Sie eigentlich noch? Die Europameisterschaft ist vorbei. Ich habe nichts mehr zu sagen.

Wie? Die EM ist vorbei? Wir stecken doch mittendrin. Am Donnerstag spielt Russland gegen Spanien. Und am Sonntag ist der Final.
Ja, aber für mich ist die EM zu Ende. Aus. Die portugiesische Mannschaft hat verloren. Wir sind ausgeschieden. Oder wollen Sie jetzt mit mir über die nächste Weltmeisterschaft reden?

Ich habe schon noch ein paar Fragen an Sie.
Also gut, legen Sie los. Aber nur zwei Fragen. Ich habe wenig Zeit.

Was war im Viertelfinal los mit Portugal?
Es lief nicht ideal. Die letzten zwanzig Minuten hat Portugal gegen Deutschland sehr gut gespielt. Das kam zu spät. In der ersten Hälfte des Spiels war Deutschland einfach besser. Zur Halbzeit schien klar, dass wir ausscheiden würden. Und dann gaben wir noch einmal Gas. Wir versuchten mehr, schossen aufs Tor. Leider kam der Anschlusstreffer sehr spät. Deutschland war an diesem Abend die bessere Mannschaft. Sie haben den Sieg verdient.

Die Portugiesen starteten so gut in die EM ...
Sie sagen es. Ich habe auch keine Erklärung dafür. Portugal startete gut, aber dann kam es doch nicht so, wie wir es alle erwartet oder erhofft haben. Die anderen waren besser – leider. Und im Fussball gewinnt eben meistens die bessere Mannschaft.

Sie sagten vor zwei Wochen, dass man in diesem Turnier mit den Deutschen rechnen müsse. Wird Deutschland Europameister?
Sie wollen noch immer Prognosen, hm? Jetzt kann es doch jeder machen. Russland, Spanien, Deutschland, das sind alles Mannschaften, die Europameister werden könnten. Die haben alle gute Persönlichkeiten in ihren Mannschaften. Nun hängt es davon ab, ob sie das in den verbleibenden Spielen auch so umsetzen können, ob sie in den entscheidenden Phasen des Spiels wach genug sind, ob sie Glück haben und so weiter.

Welchen Eindruck hatten Sie vom Turnier?
Ich glaube, wir haben eine gute Europameisterschaft gesehen, mit teilweise sehr guten Mannschaften und tollen Spielen. Klar, nicht alle, vom Spiel der Franzosen gegen Rumänien oder von den Spielen Griechenlands wollen wir nicht sprechen, aber im Ganzen war es ein sehr schönes Turnier. Und dann hatten wir Holland und Portugal! Beide starteten mit guten Teams stark in das Turnier. Leider scheiterten beide im Viertelfinal. Wie auch Weltmeister Italien. Diese Mannschaften hätten es verdient gehabt, weiterzukommen.

Sie wissen ja, wie das ist, an einer Europameisterschaft auszuscheiden. Als Sie Trainer der Schweiz waren, mussten Sie 1996 ohne einen Sieg aus England abreisen.
Das ist schon so lange her, ich habe keine Ahnung mehr, wie das war. Das ist halt so an einer Europameisterschaft: Einige bleiben, andere gehen. Es gibt gute und weniger gute Mannschaften. Und wir gehörten damals zu den weniger guten.

Sie wurden damals von den Medien, allen voran vom «Blick», heftig angegriffen. Die Hauptkritik betraf Ihr Kommunikationsverhalten. Man sagte, Sie seien unkommunikativ.
Ach, was erzählen die Leute wieder? Unkommunikativ? Wir sprechen doch jetzt seit einem Monat wöchentlich miteinander über Fussball. Es war damals so, wie es immer ist im Fussballgeschäft: Wenn es gut läuft, dann schreiben sie nur gut über dich, und wenn es mal nicht läuft, dann hacken sie auf dir rum.

Was sich viele Leute damals fragten und bis heute niemand so genau weiss: Weshalb haben Sie damals die Helden der WM 1994 Alain Sutter und Adrian Knup vor der EM aus dem Kader geworfen?
Oh, nein ...

Was haben Sie den beiden im legendären dreissigsekündigen Telefonat mitgeteilt?
Hören Sie: Das ist doch schon so lange her. Dazu gibt es nichts mehr zu sagen. Es sind so viele Sachen passiert seither. Das sind halt Situationen, die den Fussballalltag prägen. Da passieren Sachen, die nicht immer alle verstehen, die auch nicht immer alle verstehen müssen. Als Trainer muss man eine Mannschaft zusammenstellen. Und da spielen dann ein paar Spieler, und andere halt nicht. So geht das.

Artur Jorge (62) war ab 1995 ein Jahr lang Trainer der Schweizer Nationalmannschaft und wurde kurz nach dem Ausscheiden an der Europameisterschaft 1996 in England entlassen.

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