Nr. 26/2010 vom 01.07.2010

Georg, der Drachentöter

Der Journalist und WOZ-Gründer kämpfte unerschrocken gegen Korruption und dunkle Machenschaften – vor allem in Lateinamerika. Nun starb er an den Komplikationen einer Krebsoperation.

Von Lotta Suter

Georg Hodel als WOZ-Redaktor, 1981

«Ritter Georg» haben wir unseren Journalistenkollegen im Spass genannt, wenn er wieder unterwegs war, um Böse­wichte zu erledigen oder unschuldige Opfer zu rächen. Georg Hodel tat das zuweilen mit grossem Erfolg. 1982 etwa konnte er verhindern, dass der nachweisliche Kriegsverbrecher Carlos Forestier als chilenischer Botschafter in der Schweiz akkreditiert wurde. Manchmal allerdings mussten wir andern WOZ-RedaktorInnen den rasenden Reporter etwas bremsen – andernfalls kamen uns nicht beweisbare Anschuldigungen teuer zu stehen. Etliche Wiedergutmachungskosten verursachte uns zum Beispiel der in Costa Rica ansässige deutsche Industrielle Edgar Reise, dem Hodel Mitte der neunziger Jahre in der WOZ dunkle Machenschaften vor­warf – ohne sie schwarz auf weiss belegen zu können.

Wenn der Enthüllungsjournalist Hodel eine Spur witterte, bewegte er sich in einer eigenen Welt. Die übrige Zeit war er, der studierte Biochemiker, ein engagierter und angenehmer Arbeitskollege. Ich erlebte ihn anfangs der achtziger Jahre in der WOZ als humorvoll, kinderfreundlich und unermüdlich in seinem Einsatz für das fragile neue Projekt.

Zumindest in der Fantasie eines aufrechten Schweizer Bürgers waren Georg Hodel und ich sogar ein heisses Liebespaar. Es geschah in der Pionierzeit der WOZ, als wir das Blatt im Estrich eines Wohnhauses in Zürich produzierten. Georg und ich hatten soeben eine der endlosen Layoutnachtschichten beendet. Es war drei Uhr morgens. Da begegnete uns im Treppenhaus ein Mann im gestreiften Pyjama und mit hochrotem Kopf. Wir hätten ihn mit unserer Orgie die ganze Nacht wach gehalten, schimpfte er. «Nicht Sex, bloss Arbeit», murmelten wir müde. «Diese Art Arbeit kennen wir», sagte der Mann aufgebracht.

Folgenreiche Fantasien

Georg Hodel scheint Menschen mit vorgeformten Wahrnehmungen bis hin zu Verschwörungstheorien angezogen zu haben. Meistens war ihre Imagination jedoch viel finsterer und folgenschwerer als die sexuellen Fantasien des biederen Pyjamaträgers. Hodel und seine Kollegen im Enthüllungsjournalismus versuchten, mit allen möglichen Mitteln, die verborgenen Schattenseiten dieser Welt auszuleuchten. Sie beschäftigten sich mit Waffenschiebereien, Drogengeschäften und Geldwäschereien, also mit durch und durch bösen Menschen, bösen Machtstrukturen und bösen Verbindungen.

1952 wurde Georg Hodel in Havanna, Kuba, geboren. Mitte der achtziger Jahre zog er in die Region zurück, diesmal nach Nicaragua. Von Managua aus berichtete er über die korrupten Zustände in Zentralamerika, für verschiedene Radio­stationen und Nachrichtenagenturen, aber auch für die WOZ. 1987 heiratete er die Anwältin Carmen Maria Santos. Hodels Arbeit wurde über die Jahre immer schwieriger, und zwar finanziell wie politisch. Offenbar unter Todesdrohungen kehrte er 1997, kurz vor der Geburt seines Sohnes Christopher, in die Schweiz zurück. Hier arbeitete er als Journalist und als Lehrer weiter.

Seine Zentralamerika-Connection hat Georg Hodel aber nie aufgegeben. Bei unserem letzten Zusammentreffen versuchte er, mich als USA-Stützpunkt für seine dortigen Recherchen anzuwerben. Ich lehnte ab. In den achtziger Jahren hatte ich mich einmal in einem Hinterhof versteckt, um in Georgs Auftrag einen Lastwagen der Firma Trans K-B zu fotografieren. Mein Herz klopfte, das Bild war verwackelt, und ich schwor mir, das sei für mich das Ende des Enthüllungsjournalismus.

Die al-Kaida und die Nazis

Georg Hodel war mutiger als ich, verwegener auch. Er liess sich durch nichts von seiner Fährte abbringen, manchmal auch nicht durch die widersprüchliche Realität. 1996 veröffentlichte er zusammen mit dem US-Journalisten Gary Webb von der «San Jose Mercury News» die Artikelserie «Dark Alliance» (Finsteres Bündnis). Es ging um die Verbindung von der CIA zu den Contras in Nicaragua und zum Verkauf von Crack und Kokain. Die Enthüllungen erregten einiges Aufsehen und letztlich viel Kollegen­schelte in den etablierten US-Medien, etwa in der «Washington Post» oder der «New York Times». Die Serie wurde abgesetzt, die Redaktion der «San Jose Mercury News» distanzierte sich vom Text. Diese Verleumdungskampagne sei eine kalte Dusche für alle Enthüllungsjournalisten, die sich insbesondere mit dem CIA anlegen würden, schrieb Georg 1997 auf der alternativen Website consortiumnews.com. Nun würde die Wahrheit nie ans Licht kommen. Für den US-Kollegen Gary Webb war «Dark Alliance» das Ende seiner Karriere und auch seiner Ehe. Im Dezember 2004 erschoss sich Webb. Hodel hingegen arbeitete im Schweizer Exil hartnäckig an seinen Geschichten weiter. Bis er am 20. Juni 2010 an den Komplikationen einer Krebsoperation verstarb.

An Georg Hodels Beerdigung in Basel sprach unter anderen auch der Enthüllungsjournalist Doug Vaughan aus Denver. In seinem Nachruf schildert er ­Georgs journalistischen Alltag in Zentralamerika als eine fantastische Abfolge von Lug und Trug, Mord und Totschlag, Autobomben und Entführungen, selbstloser Freundschaft und Kollegenverrat. Am Schluss seiner Würdigung bemerkt Vaughan, Georg und er hätten aktuell an einem dreibändigen Werk gearbeitet, worin sie letztlich die Terroristengruppe al-Kaida auf die Nazis im Zweiten Weltkrieg zurückführen könnten. Natürlich sei das keine gradlinige Sache, sondern eine verworrene und schwierig zu erzählende Geschichte.

Vergessen wir für den Moment die ganz grosse Story, die das Böse in dieser Welt ein für allemal aufdecken kann. Doug Vaughan bezeichnete seinen Freund Georg Hodel als unverbesserlichen Wahrheitsverkünder. Das ist ein schönes Kompliment – und ein passendes Denkmal für Georg Hodel.

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