Nr. 10/2011 vom 10.03.2011

Kakao, Kaffee und Weizen im Banktresor

An den Börsen wird immer mehr mit Rohwaren spekuliert. Gleichzeitig steigen die Preise für Getreide, Öl und Metalle auf Rekordhöhen. Wie viel das eine mit dem anderen zu tun hat, ist immer noch umstritten. Doch der Druck auf die Politik steigt, etwas zu unternehmen.

Von Daniel Stern

Pedram Payami erklärt die Welt. Der Vertreter der EFG Financial Products – «zuständig für den Public Solutions Bereich» – steht Anfang Februar vor einem achtzigköpfigen Publikum in einem Saal der Zürcher Börse und bringt ein Argument ums andere, weshalb die Preise für Weizen, Mais und Soja, Gold, Silber und Kupfer, aber auch Öl und Gas weiter steigen werden.

Die EFG geschäftet mit sogenannten strukturierten Produkten. Sie verkauft AnlegerInnen handelbare Zertifikate auf Rohwaren. Solche Zertifikate sind Wetten auf die Preisentwicklung: Sind etwa die entsprechenden Rohwaren in zwei Jahren teurer als zum Ausgabezeitpunkt des Zertifikats, streichen die KäuferInnen einen Gewinn ein. Sinkt deren Preis, so verlieren sie. Dabei sind sowohl die Gewinnmarge wie auch das Verlustrisiko begrenzt. So soll das Spekulieren mit Rohwaren auch für AnlegerInnen attraktiv werden, die das ganz grosse Risiko der Rohwarenbörse scheuen. Die EFG verdient Kommissionsgelder und kassiert bei starkem Preisanstieg einen Teil des Gewinns.

Payamis Vortrag vor potenziellen Käufer­Innen klingt streckenweise wie eine Broschüre von Greenpeace: Er gibt sich überzeugt, dass der Ölpreis weiter steigt. Erdöl werde knapp. In der Tiefsee nach neuen Ölquellen zu bohren, habe sich als umweltgefährdendes Unterfangen entpuppt. Und wie in Kanada Rohöl aus Ölsand zu gewinnen, zerstöre riesige Wälder und verschmutze die Gewässer. Ausserdem sei der Energieaufwand gigantisch: Die Produktion von drei Fass Rohöl aus Ölsand benötige selber zwei Fass Rohöl.

Hauptargument von Payami, weshalb auch die Preise von Agrarrohstoffen wie Weizen, Mais und Soja weiter ansteigen, ist der Verweis auf das «Klumpenrisiko». Die Problematik einer globalen liberalisierten Landwirtschaftspolitik bringt Payami mit diesem Wort auf den Punkt: In nur wenigen Ländern wird das Meis­te von dem produziert, was an der Börse gehandelt wird und auf den Weltmarkt kommt. Spiele das Wetter in den USA, Russland, Australien oder Brasilien verrückt, so stiegen die Preise sofort massiv an, weil sich dann das Angebot auf dem Weltmarkt verknappe.

Höchstpreise für Lebensmittel

Das Spekulieren mit Rohwaren wird in den reichen Industrieländern zum Volkssport. Grossflächige Inserate von Anbietern wie der Bank Vontobel, Goldman Sachs oder eben EFG finden sich auch in hiesigen Zeitungen. Das Volumen der sogenannten Commodity Exchange Traded Products – ein Sammelbegriff für handelbare Anlagevehikel auf Rohwaren – ist in nur sechs Jahren von null auf 163 Milliarden US-Dollar geklettert, heisst es in einer kürzlich veröffentlichten Marktstudie.

Dazu kommen immer mehr Rohwarenfonds. Deren ManagerInnen spekulieren mit Rohwaren und beteiligen die InvestorInnen an Gewinn und Verlust. Dieses Instrument nützen viele sogenannte institutionelle Anleger, also etwa Versicherungen oder Pensionskassen. Zwischen 2003 und 2008 ist die in Rohwarenfonds investierte Summe von 15 Milliarden auf über 250 Milliarden US-Dollar gestiegen. Nachdem 2009 die Zahl infolge der Finanzkrise etwas rückläufig war, dürfte sie heute wieder auf dem Niveau von 2008 sein. Die meisten Fonds werden von Banken und Hedgefonds verwaltet. Diese spekulieren jedoch auch auf eigene Rechnung.

Rohstoffe im Trend

In den letzten Monaten sind fast alle Preise für Rohwaren massiv gestiegen. Ob Erdöl, Gold, Platin oder Silber: Entweder liegt der Preis nur noch knapp unter der Rekordmarke von 2008, oder er hat diese Marke bereits überschritten. Besonders fatal ist dies bei den Lebensmitteln. Der Nahrungsmittelindex der Uno-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) ist von Januar auf Februar 2011 um 2,2 Prozent angestiegen und steht jetzt so hoch wie noch nie seit Beginn der Messungen 1990. Während der Preis für Weizen noch unter den Höchstwerten von 2008 liegt, ist Mais inzwischen noch teurer als vor zwei Jahren. Auch Kakao, Kaffee, Zucker und Fette stehen auf Höchstwerten.

Matthias Staehelin kauft für die Swissmill, die grösste Mühle der Schweiz, Rohwaren ein. Er sagt, das Wetter sei der Hauptgrund für den rasanten Preisanstieg beim Weizen auf den internationalen Märkten. «In Nordamerika gab es Probleme bei der Aussaat, weil es zu feucht war, dann kam die Dürre in Osteuropa und Russland, und schliesslich gab es bei der Ernte in Europa schlechtes Wetter.» Zuletzt sei eine weitere «Hiobsbotschaft» hinzugekommen – die Überschwemmungen hätten in Australien die Ernteaussichten stark getrübt. Allerdings sieht auch Staehelin weitere Faktoren, die den Preis hochtreiben. Zum einen werde immer mehr Anbaufläche für die Produktion von Ethanol verwendet, das als Treibstoff dem Benzin beigemischt wird. «Steigt der Ölpreis, wird die Ethanolproduktion nur noch attraktiver.» Zudem fliesse sehr viel Geld von institutionellen Anlegern in die Nahrungsmittelbranche. «Rohstoffe liegen im Trend.»

Derzeit stellt Stae­helin beim Weizenpreis eine «Stabilisierung» fest. Er vermutet einen Zusammenhang mit der politischen Entwicklung im arabischen Raum: «Die Libyen-Krise beeinträchtigt die Ölversorgung. So haben viele Anleger wohl von Weizen auf Öl gewechselt, weil da weiter steigende Preise zu erwarten sind.» Einen grossen Einfluss auf die Märkte haben schliesslich politische Entscheidungen, so das Getreideexportverbot, das Russland im letzten Herbst erliess.

Die Erkenntnis, dass Spekulation Preistrends zusätzlich antreibt, scheint sich langsam auch in internationalen Organisationen wie der Weltbank oder der Uno durchzusetzen. In der Wirtschaftswissenschaft gibt es jedoch viele, die behaupten, die SpekulantInnen seien überhaupt nicht am Preisanstieg schuld. Sie würden die Waren ja nicht horten und somit auch nicht das Angebot künstlich verknappen, so eine gängige Lehrmeinung. Der St. Galler Wirtschaftsprofessor Manuel Ammann schreibt in der «SonntagsZeitung»: «Eine Ernte muss innert nützlicher Frist verarbeitet und konsumiert werden, wenn sie nicht wertlos werden soll.»

Ammann scheint in einer eigenen Welt zu leben: So kaufte im Juli 2010 das Handelsunternehmen Armajaro – das auch Hedgefonds betreibt – für eine Milliarde Dollar Kakao, sieben Prozent der Weltjahresernte. Anders als die meisten SpekulantInnen verkaufte Armajaro den Verkaufskontrakt aber nicht vor der Lieferung, sondern lagerte den Kakao ein und wartet die weitere Preisentwicklung ab.

Ähnlich machte es im Dezember 2010 die US-Investmentbank JP Morgan. Sie kaufte an der Londoner Rohwarenbörse für rund eine Milliarde Kupfer, was in London zu einem sofortigen Preisanstieg von 7,2 Prozent und in New York zu 8,1 Prozent führte.

Die Banken bunkern selber

Matthias Staehelin von der Swissmill sagt, dass auch beim Weizen nicht klar sei, wo welche Mengen gehalten würden. Swissmill will seine Lagerkapazitäten durch den Bau eines 118 Meter hohen Silos im Zürcher Stadtkreis 5 ausbauen – er wird nach dem Zürcher Prime Tower das zweithöchste Gebäude der Schweiz werden. «Damit wollen wir uns auch vor Angebotsschwankungen absichern», sagt Staehelin.

Immer mehr Banken und Hedgefonds steigen wie Armajaro und JP Morgan direkt in den physischen Handel mit Rohwaren ein, kaufen Lagerhäuser, Tankschiffe und Kraftwerke und verfügen so über die Möglichkeit, Rohwaren auch zu horten. Goldman Sachs kaufte vergangenes Jahr Metro International, einen der weltweit grössten Lagerhausbetreiber. JP Morgan erwarb 2010 das Rohwaren-Handelshaus RBS Sempra Commodities inklusive des Logis­tik­­unternehmens Henry Bath. Die Bank gelangte mit diesem Kauf unter anderem in den Besitz von 130 Lagerhäusern.

Ungenügende Regelungen

In den USA ist als Folge der Finanzkrise von 2008 ein Gesetz in Kraft gesetzt worden, das verhindern soll, dass nochmals der Staat den Banken mit Milliarden aus der Patsche helfen muss. Im sogenannten Dodd-Frank-Act werden auch Höchstlimiten bei der Rohwarenspekulation festgeschrieben. Ausserdem sind die Anforderungen an die Transparenz der Börsen verschärft worden.

Die Europäische Kommission will bis im Mai ebenfalls entsprechende Vorschläge ausarbeiten. Allerdings bleibt geegenwärtig offen, ob sich die 27 Mitgliedsstaaten auf eine griffige Regelung einigen können. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy drängt derweil die G20-Staaten zu einer stärkeren Regulierung der Finanzmärkte. Der Rohwarenhandel soll stärker überwacht und transparenter werden. Ob sich Sarkozy damit durchsetzen kann, ist jedoch fraglich.

Für Olivier de Schutter, Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, sind die bisherigen Regelungen der einzelnen Staaten ungenügend. Die Finanzspekulation habe eindeutig preistreibende Wirkung. Teurere Grundnahrungsmittel würden wie schon bei der letzten Preisblase den weltweiten Hunger nur weiter verstärken. De Schutter fordert, dass reine FinanzspekulantInnen aus dem Handel mit Lebensmitteln ausgeschlossen werden.

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