Nr. 47/2011 vom 24.11.2011

Konzert

Das verlorene Paradies

«Ritter», «Räuber» und «Reptil» lauteten die Titel seiner letzten drei CD-Produktionen. Und nun heisst es für Kaspar Ewalds Exorbitantes Kabinett «Paradise Lost». Die dreizehn Musiker, die Sängerin (Regula Schneider) und die beiden Gäste mussten dazu einige vertrackte polyrhythmische Tanzschritte einüben. Ewald selbst, der seine bläserdominierte Truppe gern auch mal von einem bequemen Sofa aus dirigiert, hat sich diesmal John Miltons (1608–1674) episches Gedicht «Paradise Lost» vorgeknöpft. Der Dichter, Philosoph und frühe Aufklärer erzählt vom Aufstand gegen Gott, von gefallenen Engeln, dem verhängnisvollen Biss in den Apfel und der Vertreibung aus dem Garten Eden.

Dazu lässt Kaspar Ewald ein wild wucherndes musikalisches Biotop entstehen und konfrontiert es mit der Ästhetik englischer Landschaftsgärten. Die MusikerInnen – darunter auch die Saxofonisten des Arte Quartetts – die dabei spielend durch die Hölle tänzeln, werden vom Choreografen Norbert Steinwarz und von Ewald selbst angeführt, der die komplexen Grundschritte als Mitglied der Basler Fechtgesellschaft verinnerlicht hat.
Fredi Bosshard

Kaspar Ewalds Exorbitantes Kabinett «Paradise Lost» in: Basel Gare du Nord, Do, 24., bis 
Sa, 26. November, 20 Uhr. www.garedunord.ch

Elektro hoch vier

Wo Tim & Puma Mimi auftreten, bleibt kein Gemüse heil. Warum sollte man das Grünzeug auch essen, wenn man damit Musik machen kann? Und das Schönste daran: Was das schweizerisch-japanische Duo auf der Bühne performt, ist schräg, energiegeladen und überaus groovig.

Am Samstag treten die beiden in einem fünfstündigen Programm im Volkshaus Zürich auf – geboten wird Elektrosound der überraschenden und erfrischenden Art. In die Beine fahren dürfte auch die von Electroclash und Elektropop inspirierte Musik der belgischen Gruppe Vive la Fête. Definitiv auch etwas fürs Auge liefert die Elektropunk-Combo Solange La Frange aus Vevey.

Was vom Berliner Duo Stereo Total zu erwarten ist, sprengt das akustische Vorstellungsvermögen. Deshalb hier der Selbstbeschrieb: «40 Prozent Chanson, 20 Prozent R‘ & ‘B, 10 Prozent Punkrock, 3 Prozent DAF-Sequenzer, 4 Prozent Jacques-Dutronc-Rhythmique, 7 Prozent Brigitte Bardot und Serge Gainsbourg, 1,5 Prozent Cosmonaute, 10 Prozent really old synthesizer, 10 Prozent 8-bit-Amiga-sampling, 10 Prozent transistor amplifier» und dazu noch 1 Prozent total fortschrittliche Instrumente.
Franziska Meister

Vive la Fête, Stereo Total, Tim & Puma Mimi, Solange La Frange DJ Set in: Zürich Volkshaus, 
Sa, 26. November, Türöffnung 20 Uhr. Vorverkauf: www.starticket.ch oder www.ticketcorner.ch

Theater

Kultur/Industrie/Spionage

«Leben in die Tote Fabrik!» forderte im Mai 1980 die Zürcher Jugendbewegung. Wenige Monate später öffnete die Rote Fabrik in Zürich Wollishofen ihre Tore für sieben provisorische Betriebsjahre, bis 1987 die Zürcher Stimmberechtigten der definitiven Nutzung der ehemaligen Seidenweberei und Telefonfabrik als Kulturzentrum zustimmten.

Seither hat sich die Fabrik europaweit zum Vorzeigeobjekt weltstädtisch gemeinter Kulturpolitik entwickelt – und erntet immer wieder auch Kritik von links: die spartenübergreifenden Programmpakete würden nicht zur «Selbsterkenntnis der Klassenlage» führen, sondern bloss eine weitere Innovation in der kapitalistischen Verwertung darstellen.

In «Kultur/Industrie/Spionage», dem neuen Projekt von Tim Zulauf und den KMUProduktionen, stellen Ariane Andereggen, Philippe Graber, Meret Hottinger, Christoph Rath, Ursula Reiter und Samuel Streiff auf dem ganzen Areal der Roten Fabrik ProtagonistInnen aus der Industrie- und Alternativkulturgeschichte der Roten Fabrik dar – von den dreissiger Jahren bis in die nähere Zukunft. Über Lautsprecher kann das Publikum die Spielenden im ganzen Areal hören und so der Handlung vom Fabriktheater aus durch alle Räume folgen.
Adrian Riklin

«Kultur/Industrie/Spionage» in: Zürich Rote Fabrik, Mo, 28. November, bis Sa, 3. Dezember, 20 Uhr. www.rotefabrik.ch

Festival

Bone

Sechs Tage lang mischt das Performancefestival Bone das Strassenleben in der Bundeshauptstadt auf: Domenico Billardi etwa lässt einen Kran eine 24-stündige Choreografie tanzen, Marina Belobrovaja stellt in ihrer Altstadttour mit Andreas Heusser, Guido Henseler und dem Bleiberecht-Kollektiv etablierte soziale Rollen und Zuschreibungen auf den Kopf, Ka Moser bringt Klänge zum Erschallen, die einen verstummen und erschaudern lassen, und Esther Ferrer inszeniert die Lesung einer Lesung. Eröffnet wird das Festival von Mischa Kuball, der während 24 Stunden den öffentlichen Raum in Beschlag nimmt: So etwa soll ein Schäfer mit 300 Schafen durch die Altstadt und ins einstige Schlachthaus wandern, das heute ein Theater ist.

Eine Ausstellung im Kunstmuseum und in der Stadtgalerie im Progr ist zusätzlich Terry Fox, dem 2008 verstorbenen Wegbereiter der US-amerikanischen Body Art und Konzeptkunst, gewidmet.
Silvia Süess

Bone 14 Performance Art Festival in: Bern Schlachthaus Theater, Progr, Kunstmuseum 
und Stadtgalerie, Di, 29. November, bis 
Sa, 3. Dezember. www.bone-performance.com

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