Nr. 50/2011 vom 15.12.2011

Surrealistische

Selbst im geknechteten Russland verschafft sich der Wunsch nach Demokratie bisweilen dermassen ungestüm Luft, dass selbige den Medien erst mal wegbleibt. So schrieb «Blick online»: «100 000 Menschen haben bei den grössten Protesten in Russland seit mehr als einem Jahrzehnt Neuwahlen gefordert. Auch nackte Brüste gingen auf die Strasse, die Polizisten stürzten sich sie.» Ja, wir bestellen das Bild.
Jürg Fischer

Brutale

Auch das umstrittene Nacktwandern muss als Akt politischen Widerstands gelesen werden. Dass einige DemonstrantInnen dabei zu weit gehen, deckte schon vor ein paar Wochen ein Leserbrief im «Tages-Anzeiger» auf: «Es ist auch eine Frage des Anstands, seine nackten Tatsachen nicht völlig unverhüllt den Mitwanderern aufs Auge zu drücken.»
Karin Hoffsten

Altgediente

In einem Bericht des «SonntagsBlicks» zur 100-Jahr-Gala der «Schweizer Illustrierten» (‹SI›) waren viele Promis zu sehen. Etwas gspässig waren aber die Bildlegenden, etwa «NZZ-CEO Albert P. Stäheli (6) und Frau Franziska von Weissenfluh (8)» oder «Verleger Jürg Marquard (267) und Ehefrau Raquel (23)». So jung? So alt? Solche Altersunterschiede? In einer Fussnote wurde aufgeklärt: «Wenn Sie sich wundern, was die Zahlen hinter den Namen bedeuten: Sie gibt die Anzahl wieder, wie oft die Person laut Schweizer Mediendatenbank schon in der ‹SI› erwähnt wurde.» Aha. Und vor lauter Zahlen ging die Mehrzahl mit der Einzahl baden.
Jürg Fischer

Gefilmte

Manchmal kommt einem ein Übermass an Wissen in die Quere. In WOZ Nr. 48/11 wiesen wir in der Rubrik «Immer und ewig» auf Fritz Langs Film «Hangmen Also Die» (1943) hin, der in unserer Übersetzung «Auch Henker sterben einsam» lautete. Tatsache ist aber: «Agenten sterben einsam» (Film aus dem Jahr 1968 von Brian G. Hutton, mit Richard Burton und Clint Eastwood), aber es heisst lediglich: «Auch Henker sterben», also nicht einsam. Ist das nun tröstlich?
Jürg Fischer

Transsexuelle

Mit dem grammatikalischen Geschlecht ist es so eine Sache, vor allem, wenn es um Orte des Vergnügens oder der Verköstigung geht. Nehmen wir zum Beispiel das Café Oase, kürzlich liebevoll beschrieben im «Tages-Anzeiger», wo es mal «in der Oase» und dann wieder «das Oase» hiess. Auch wir fragten uns schon, ob man denn im oder in der Kanzlei feiern wolle – natürlich im! Keine gastronomische Ausrede erlaubt hingegen «eine Ende», jüngst in der WOZ entdeckt. Und geradezu bestürzt hat uns folgende Nachricht im «Tages-Anzeiger»: «Zehn Jahre lang stand eine Holzhirsch vor dem Restaurant Hirschberg, doch jetzt hat die Polizei sie aus dem Verkehr gezogen.» Diese Hirsch wurde eindeutig Opfer behördlicher Diskriminierung.
Karin Hoffsten

Menschenrechtliche

«Die staatspolitische Kommission des Ständerats will das Asylgesetz weiter verschärfen», berichteten wir in der letzten WOZ, «so sollen etwa Wehrdienstverweigerung und Desertation (!) nicht mehr als asylrelevante Fluchtgründe gelten.» Wo das hinführt, wurde fünf Zeilen tiefer klar: Viele Menschen «wären in der Schweit ihres Rects auf Asyl beraubt». Zur Korrelation von redaktionellem Stress und Desertionswünschen ist bereits eine Dissertation geplant.
Karin Hoffsten

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