Nr. 07/2012 vom 16.02.2012

Ausstellung

Nancy und Edward Kienholz

Die faszinierenden raumfüllenden Tableaux von Nancy Reddin Kienholz (geboren 1943) und Edward Kienholz (1927–1994) sind reich an Anspielungen und Querverweisen. Sie haben früh auf Bruchstellen der westlichen Konsumgesellschaft verwiesen und die Bigotterie der Gesellschaft angeprangert.

Edward Kienholz begann in den fünfziger Jahren, soziale Konflikte, Sex, Religion, Rassismus, Krieg und Tod ins Zentrum seiner Holzreliefs und Assemblagen zu stellen. Aus diesen entwickelte er seine raumgreifenden Installationen, für die er Alltagsgegenstände und Fundstücke von Schrottplätzen und Mülldeponien zu aussagekräftigen Environments verdichtete.

1972 begegnete er Nancy Reddin, die später seine Ehefrau werden sollte. Anlässlich der Ausstellung «The Kienholz Women» von 1982 in Berlin erklärte er öffentlich, dass sie Mitautorin seiner Werke sei. Beide haben sich immer wieder mit AussenseiterInnen und Randgruppen auseinandergesetzt. Ihre Werke erzählen von sexueller Ausbeutung, lassen die bürgerliche Behaglichkeit auf die Härten des Alltags treffen – Bilder, die in der Erinnerung haften bleiben.
Fredi Bosshard

«Kienholz: Die Zeichen der Zeit» in: Basel Museum Tinguely, Di, 21. Februar, 18.30 Uhr, Eröffnung mit Nancy Reddin Kienholz und Andres Pardey. 
Di–So, 11–18 Uhr. Bis 13. Mai. www.tinguely.ch

Konzert

Der Rote Bereich

Gitarrist Frank Möbus schreibt aussergewöhnliche Kompositionen für ein ebenso aussergewöhnliches Trio. Angefangen hat Der Rote Bereich als Quintettformation vor zehn Jahren in Nürnberg. Von der ursprünglichen Besetzung ist der Bassklarinettist Rudi Mahall geblieben, der mit seinem Spiel immer wieder Erinnerungen an Eric Dolphy weckt und auch beim grossen Monk-Projekt von Alexander von Schlippenbach zu den tragenden Stimmen gehört.

Möbus und Mahall prägen den Sound, und der Schlagzeuger Oliver Steidle verfeinert ihn auf unaufdringliche Art. Gemeinsam mäandern sie durch die wildesten Landschaften, lassen es krachen und finden wieder zu gemächlichen Balladen. Auf «Pauli and Christopher (out in the woods)», das auf ihrer letzten CD, «7», zu hören ist, tänzeln sie gemächlich durch Wälder, finden für atemraubende Läufe auf Gitarre und Bassklarinette zusammen.

Kurze Etüden wechseln sich mit längeren Ausflügen ab, die durchaus rockig werden können. Vom kurzen «Rumba brutal», der aus der Feder von Mahall stammt und schwer zu tanzen ist, geht es über zum abgehoben freien «Banker’s Burning Bakeries». Die Reise endet im besinnlichen, sphärisch angehauchten «Ramallah». Und als Zugabe liefert Möbus im Konzert Ansagen, die in ihrem Witz nur noch von den lakonischen Bemerkungen Mahalls getoppt werden können.
Fredi Bosshard

Der Rote Bereich in: Zürich Moods im Schiffbau, Mi, 22. Februar, 20.30 Uhr; in: Schaffhausen Kammgarn, Fr, 24. Februar, 20.30 Uhr.

Christy & Emily

Der legendäre Krautrocker und experimentierfreudige Geist Hans-Joachim Irmler von Faust hat das aus Brooklyn stammende Duo Christy & Emily ins oberschwäbische Hinterland nach Scheer eingeladen. Im Fabrikgebäude an der noch jungen Donau betreibt er sein Klangstudio. Er hat den beiden angeboten, dort ihre dritte CD, «No Rest», einzuspielen. Vorangegangen ist ein überzeugender Auftritt von Christy Edwards und Emily Manzo am Klangbad-Festival im Sommer 2008, das als lauschiges Open Air in einer Donauschlaufe ebenfalls von Irmler organisiert wird.

Das Dutzend Songs auf der vor kurzem erschienenen CD «Tic-Tac-Toe» ist erneut im Klangbad-Studio aufgenommen worden und schliesst an «No Rest» an. Christy & Emily haben den verspielten Charme der frühen Coco Rosie und lassen erahnen, dass sie extensiv The Velvet Underground gehört haben und dazwischen auch mal in Japan unterwegs waren. Für «Tic-Tac-Toe» haben sie Keyboard und Gitarre mit Bass und Schlagzeug erweitert – auch für die Konzerte sind Peter Kerlin und Kristin Müller mit dabei.
Fredi Bosshard

Christy & Emily in: Zürich El Lokal, 
Mo, 25. Februar, 20.20 Uhr.

Kunst

Die Kunst und das Gesetz

Es gibt Momente in einem künstlerischen Prozess, in denen das Überschreiten gesetzlich festgelegter Grenzen fast unumgänglich ist – es sei denn, die Künstlerin oder der Künstler ziehe sich auf eine rein symbolische und damit auch ungefährliche Ebene zurück.

Ob nun aus politischer Dringlichkeit oder aus reiner Provokation: Wenn KünstlerInnen mit einem Kunstwerk in Konflikt mit dem Gesetz geraten, hört für viele der Spass auf – und für andere fängt er manchmal auch erst richtig an. Im Zürcher Cabaret Voltaire analysieren und diskutieren KünstlerInnen und andere Fachleute anhand von konkreten Beispielen wie etwa dem viel beachteten Projekt kunstwette.ch von Marina Belobrovaja (siehe WOZ Nr. 38/11) mit dem Publikum die Problematik des Gesetzesbruchs als Teil eines Kunstwerks. Es sind dies: Christian Saehrendt (Autor und Kunsttheoretiker), Sandra Frimmel (Kunst- und Literaturwissenschaftlerin), Roland Wagner (Künstler und Manager), Bruno Glaus (Anwalt und Kunstsammler) sowie Mitglieder der KünstlerInnengruppe «die rote Linie».
Adrian Riklin

«Fertig lustig! Der Gesetzesbruch als Teil eines Kunstwerkes» in: Zürich Cabaret Voltaire, 
Do, 16. Februar, 20 Uhr. www.cabaretvoltaire.ch

Film

Anna Halprin

Corin Curschellas lädt ein: Die Bündner Musikerin und Schauspielerin gibt in ihrer Filmreihe «Corin invit» im Kino Sil Plaz in Ilanz Schweizer Filmschaffenden die Möglichkeit, ihre Werke zu präsentieren und mit dem Publikum darüber zu diskutieren.

Den Auftakt machte im Januar «Rocksteady – The Roots of Reggae» von Stascha Bader. Im Februar ist Ruedi Gerber zu Gast. Sein Dokumentarfilm «Breath Made Visible» widmet sich dem Werk und Leben der charismatischen US-amerikanischen Tanz- und Performance-Ikone Anna Halprin. Seit über siebzig Jahren stellt sich Halprin die Frage: Was ist Tanz? Gerber kennt die mittlerweile über neunzigjährige Tänzerin seit über zwanzig Jahren, die Nähe, die er zu ihr hat, ist im Film spürbar. «Bei der Uraufführung von Ruedi Gerbers Dokumentarfilm ‹Breath Made Visible› in Locarno schien das Publikum vor Betroffenheit den Atem anzuhalten», schrieb die Filmjournalistin Nina Scheu, als der Film vor zwei Jahren in die Kinos kam.
Silvia Süess

«Breath Made Visible» in: Ilanz Kino Sil Plaz, 
Sa, 18. Februar, 19 Uhr. In Anwesenheit des Regisseurs Ruedi Gerber. www.cinemasilplaz.ch

Song and Dance Men

Vor fünf Jahren starteten die (auch für die WOZ tätige) Filmjournalistin Sarah Stähli und der Musikredaktor Benedikt Sartorius mit der Filmreihe «Song & Dance Men – Das Pop-Kino» im Kino Cinématte in Bern. In der Reihe zeigen die beiden Cinéphilen Musikdokumentationen und Spielfilme, die die Popkultur beleuchten und kommentieren – meist Filme, die den Weg in die regulären Kinos nicht finden. Zu sehen waren unter anderem «I’m Trying to Break Your Heart – A Film about Wilco» über die US-amerikanische Rockband, «No Direction Home: Bob Dylan» oder der Dokumentarfilm «I Need that Record», eine Hymne auf die Plattensammler.

Das Fünf-Jahre-Jubiläum feiert «Song and Dance Men» nicht mit einem Musikfilm – dafür aber mit einem Film, dessen Regisseur seine ersten Erfolge mit Musikvideos geschaffen hat: Spike Jonze. «Where the Wild Things Are», Jonzes Verfilmung des Kinderbuchklassikers von Maurice Sendak, ist erstmals in Bern in der unsynchronisierten Originalfassung zu sehen. Ausserdem gibts auch eine Kurzfilmpremiere von Jonze.
Silvia Süess

«Where the Wild Things Are» in: 
Bern Kino Cinématte, Do, 23. Februar, 21 Uhr. 
www.cinematte.ch

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