Nr. 12/2012 vom 22.03.2012

Theater

Der Spielplatz bei Nacht

Es ist dunkel. Zum Glück hat es ein paar Männer, Frauen und Kinder mit Stirnlampen. Diese leuchten den anderen Menschen im Raum den Weg. Wir sind auf dem Spielplatz bei Nacht, das heisst, wir sind auf der Bühne des Schlachthaus Theater Bern, das die Theatergruppe Schauplatz International zu einem Spielplatz umfunktioniert hat. Ein Spielplatz für alle: Nicht nur die SchauspielerInnen spielen hier, auch das Publikum ist für einmal auf der Bühne – ganz ohne ZuschauerInnen. Bei Nacht auf dem Spielplatz passiert so einiges: Ein Mann grübelt im Abfalleimer und findet Erstaunliches zum Spielen, eine Frau mischt im Sandkasten ein seltsames Gebräu zusammen, und schliesslich spaziert auch noch die Rutschbahn davon.

Was ihm denn am besten gefallen habe, fragte ich meinen Sohn am Ende der Vorstellung. Der Vierjährige strahlte und sagte: «Als der Mann den Turm umgekippt hat. Warum hat er das getan?», und nach kurzem Überlegen: «Und der Hase am Schluss. Was hat der hier gemacht?»

Fragen über Fragen. Die bleiben allerdings zum Glück unbeantwortet – und der erste Theaterbesuch als eindrückliches Erlebnis in Erinnerung.
Silvia Süess

Schauplatz International «Der Spielplatz» in: Zürich Rote Fabrik, Di, 27., Do/Fr, 29./30. März, 18 Uhr. 
Sa, 31. März, 16 Uhr; So, 1. April, 14 Uhr. 
www.rotefabrik.ch

Ausstellung

Paul Parin

«Die Weissen denken zuviel, und dann machen sie viele Sachen; und je mehr sie machen, umso mehr denken sie. Und dann verdienen sie viel Geld, und wenn sie viel Geld haben, machen sie sich Sorgen, dass das Geld verloren gehen könnte und sie keins mehr haben. Dann denken sie noch mehr und machen noch mehr Geld und haben nie genug. Dann sind sie nicht mehr ruhig. So kommt es, dass sie nicht glücklich sind.» Das Zitat ist einem Buch entnommen, das die Zürcher EthnopsychoanalytikerInnen Paul Parin, Fritz Morgenthaler und Goldy Parin-Matthèy verfasst haben. Die Worte eines Dorfchefs aus Mali haben ihrer wohl bekanntesten Veröffentlichung, die 1963 erschien, auch den Titel geliehen: «Die Weissen denken zuviel. Psychoanalytische Untersuchungen bei den Dogon in Westafrika».

Weniger bekannt ist, dass Paul Parin (1916–2009) von den afrikanischen Reisen zwischen 1955 und 1971 viele Fotografien nach Hause gebracht hat. Im Stadttheater Konstanz sind noch nie öffentlich gezeigte grossformatige Aufnahmen von den Begegnungen bei den Dogon und Agni zu sehen. Sie zeigen den Alltag von Kulturen mit matrilinearen Strukturen, die zum damaligen Zeitpunkt noch wenig Berührungen mit der westlichen Welt hatten.
Fredi Bosshard

«Paul Parin – Fotografien ethnopsychologischer Reisen in Afrika» in: Konstanz Stadttheater, Foyer, Mo–Sa, 10–19 Uhr; Sa, 10–13 Uhr 
und während der Abendvorstellungen. Bis 6. Mai. 
www.theaterkonstanz.de

Alles über die Juden

«Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten»: Was für ein schöner langer Titel. Nur schon seine Länge weist darauf hin, dass es sich gewiss nicht um eine Hollywood-Produktion handelt. Sondern, richtig erraten: um den wunderbaren sexualkomischen Episodenfilm von Woody Allen aus dem Jahre 1972.

Vierzig Jahre später ist der Titel zu einem geflügelten Satz geworden, der von der Werbebranche ebenso gern zweckentfremdet wie für die Kultur neu verwendet wird: «Was Sie schon immer über Juden wissen wollten … aber nie zu fragen wagten» lautet der Titel einer Ausstellung im Jüdischen Museum Hohenems. Mit Beiträgen von KünstlerInnen wie Yael Bartana (Amsterdam / Tel Aviv), Adi Nes (Tel Aviv), Tamar Latzman (New York), Zbigniew Liber (Warschau), Shmuel Shapiro (Kisslegg), Harley Swedler (New York / Paris), Zoya Cherkassky (Tel Aviv) und Sidney Lumet soll versucht werden, «diesen und anderen Fragen zu begegnen», so die AusstellungsmacherInnen. Die da zum Beispiel wären: «Wie sehen Juden aus? Sind Juden besonders geschäftstüchtig? Können Juden heimisch werden? Darf man über den Holocaust Witze machen? Und: Warum ist es so schwer, über Israel zu diskutieren?»

Zur Ausstellung gehört ein vielfältiges Begleitprogramm. Einen grossen Raum nimmt dabei die Auseinandersetzung mit Woody Allen ein – eine Filmreihe zeigt einen Querschnitt durch sein virtuoses Spiel mit «jüdischen Stereotypen». Und schon bald wissen wir, was wir schon immer über Woody Allen wissen wollten.
Adrian Riklin

«Was Sie schon immer über Juden wissen wollten …» in: Hohenems Jüdisches Museum, So, 25. März, 
11 Uhr, Eröffnung. Di–So, 10–17 Uhr. Führungen: jeden ersten Sonntag im Monat, 11.30 Uhr, 
sowie jeden dritten Mittwoch im Monat, 18 Uhr. 
Bis 7. Oktober. www.jm-hohenems.at

Film

Filmfestival Freiburg

Vom Journalisten zum Festivalleiter: Zum ersten Mal findet das Internationale Filmfestival Freiburg (FIFF) unter der Leitung von Thierry Jobin statt, der während 25 Jahren als Filmjournalist tätig war. «Freiburg steht vor allem für eine Form von Neugier, von Interesse für die Filmproduktionen aus Ländern, die im Abseits stehen», sagt der neue Leiter und betont, dass das Festival weiterhin ein Ort sei, wo man Filme aus Afrika, Asien und Lateinamerika entdecken könne.

So liegt dieses Jahr der Fokus auf dem Filmschaffen in Bangladesch. In der Sektion «Terra incognita» sind acht Filme aus einem Land zu sehen, in dem in den siebziger und achtziger Jahren die Filmwirtschaft boomte, in dem jedoch heute die Filmschulen, die Kinos und die Produktionsanlagen fehlen. Die Filme werden ergänzt mit Diskussionsrunden.

Die Sektion «Genrekino: Spiel mir das Lied vom Tod» präsentiert Western aus der ganzen Welt: So unter anderen «Rashomon» (1959) von Akira Kurosawa, den brasilianischen Film «O Cangaceiro» (1953) von Lima Barreto und den chilenisch-argentinischen Film «Salt» (2011) von Diego Rougier, der das Festival eröffnet. Weitere spannende Filme nebst den zwölf Premieren, die im internationalen Wettbewerb zu sehen sind, versprechen auch die Sektionen «Entschlüsselt! Das Bild des Islam im Okzident» oder «Diaspora: Patrick Chappatte und der Libanon».
Silvia Süess

Internationales Filmfestival Freiburg in: Freiburg Diverse Orte, Sa, 24., bis Sa, 31. März. www.fiff.ch

Tanzfilme

«Das Medium des Films ist für Tanzschaffende, insbesondere im Bereich des Zeitgenössischen Tanzes, ein sehr wichtiges Medium geworden», schreiben die OrganisatorInnen des neuen Tanzfilmfestivals Luzern und ergänzen: «Das ‹Nischenprodukt› Tanzfilm ist auf dem Wege, sich vom einfachen ‹Marketinginstrument› zu einer eigenen Kunstform zu entwickeln». Aus diesem Grund haben die Autorin und Dramaturgin Helena Dubbio und der freischaffende Tänzer und Theaterregisseur Thomas Mettler ein erstes Tanzfilmfestival in Luzern organisiert.

Der erste Abend des Festivals steht unter dem Titel «Classic Night». Zu sehen ist eine der bedeutendsten zeitgenössischen Tanzfilmproduktionen der neunziger Jahre: «Dead Dreams of Monochrome Men» der englischen DV8 Dance Company. Es ist das erste Stück der Company, das explizit fürs Medium Film adaptiert wurde. Der Kurzfilm «Wendy Houston Touched» ergänzt das Programm.

Der zweite Abend ist den «New Forms» gewidmet und zeigt «Wim Vandekeybus: Blush» und zwei Filme von und mit Sam Hogue und Augustus Benjamin. Der dritte Abend steht unter dem Motto «Dance against War!» und widmet sich dem ambitionierten Autorenkino. Zu sehen sind «Thomas Mettler: Autumn Leaves» und «Isabel Rocamora: Horizon of Excile».
Silvia Süess

Tanzfilmfestival Luzern in: Luzern Stattkino, 
Do, 22., bis So, 25. März. www.tanzfilmfestival.ch

Festival

Zerbrechliche Welten, skurrile Figuren

Die Stadt Luzern bleibt in Bewegung, nicht zuletzt dank des internationalen Comix-Festivals Fumetto. Es bereichert nun seit zwei Jahrzehnten im 
Frühjahr während einer Woche das kulturelle Leben auf vielfältige Art. 
Der Comic steht zwar im Zentrum, aber die rhizomartigen Verästelungen 
reichen in die bildende Kunst, in Musik, Grafik, Literatur, Film, Design 
und Architektur. Weltweite elektronische Verlinkungen und animierte 
Bilder lassen neue Räume entstehen.

Die Luzernerin Anja Wicki lässt ihre fantasievollen Geschichten, die im romantischen Heute beginnen, gerne nach einigen absurden Wendungen 
in einer exotisch gewürzten, traumartigen Zukunft enden. Ihre vom Fumetto ermöglichte Erstpublikation «Hast du das Meer gesehen?» entführt in
eine zerbrechliche Welt. Tom Tirabosco aus Genf hingegen verbindet eigene Erinnerungen mit Figuren aus einem Kuriositätenkabinett. Er rahmt 
seine skurrilen Figuren gerne mit gezeichneten altertümelnden Ornamenten und lässt sie so aus der Zeit fallen.

Zu sehen sind unter anderem auch Zeichnungen von Raymond Pettibon, der Ende der siebziger Jahre als Gestalter von fotokopierten Musik-Fanzines und Flyers in Schwarz-Weiss begann. Er war eng mit der kalifornischen Punkbewegung verbunden und hat viel für die Band Black Flag und für Henry Rollins gearbeitet. Inzwischen zeigt das Kunstmuseum Luzern seine bunt und expressiv gewordenen Arbeiten. Seine kruden, zitatreichen Zeichnungen mit eingebauten Textteilen montiert Pettibon zu Einzelbildern, die Kommentare zu Politik und Religion, Sex und Popkultur beinhalten.

Eine Geschichte des Comics lässt sich an den verschiedensten Positionen ablesen, die im Rahmen des Fumetto präsentiert werden. Stellvertretend sei Yves Chaland erwähnt. Dem Meister der «ligne claire» und Schöpfer 
von Spirou, Petit Albert, Bob Fish und anderen richtet das Fumetto eine Retrospektive aus. Sie ist gleichzeitig eine Hommage an den franko-belgischen
Comic der fünfziger Jahre.

Der diesjährige Wettbewerb, an dem sich wieder Hunderte von ComiczeichnerInnen aus über dreissig Ländern beteiligten, steht unter dem Motto 
«In Bewegung». Das Fumetto eignet sich hervorragend, um Luzern auf 
wenig ausgetretenen Pfaden zu erkunden, Entdeckungen zu machen und 
selbst in Bewegung zu bleiben.
Fredi Bosshard

Das «Fumetto – Internationales Comix-Festival Luzern» findet zwischen Samstag, 24. März, und Sonntag, 1. April, 
an verschiedenen Ausstellungs- und Veranstaltungsorten in Luzern statt. Eingebunden ins Fumetto sind: 
Kunstmuseum, Bourbaki/Stattkino, Südpol, Hochschule Luzern – Design & Kunst und weitere Orte. 
Als Festivalzentrum dient die Kornschütte am Rathausplatz. Die Ausstellung von Nicolas Robel in der Kunsthalle 
dauert bis 20. April, diejenige von Raymond Pettibon im Kunstmuseum Luzern bis 22. Juli. www.fumetto.ch

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