Nr. 21/2012 vom 24.05.2012

Theater

Projekt «fremd?!»

«Bei unserem Projekt gehen wir von der Gesellschaft aus, wie sie ist und nicht, wie sie sein soll», sagte Anina Jendreyko vor zwei Jahren im Gespräch mit der WOZ. Jendreyko ist Mitinitiantin von «fremd?!», einem transkulturellen Theater- und Bildungsprojekt, das vor sechs Jahren erstmals über die Bühne ging. Professionelle Theaterschaffende erarbeiten Theaterstücke mit Basler Schulklassen, die einen hohen Anteil an SchülerInnen mit Migrationshintergrund haben.

Das Langzeitprojekt möchte jenen eine Stimme geben, die kaum zu Wort kommen, über die aber häufig gesprochen wird. Im Zentrum steht der Alltag der Jugendlichen, die zwischen verschiedenen Welten pendeln. Während acht Monaten wird hart gearbeitet, die Resultate können sich sehen lassen: Witzig, unterhaltsam und scharfzüngig waren die Stücke jeweils – da fielen Sätze wie: «Am Abend müssen Schweizer Kinder mehr zu Hause bleiben als wir», «Der Fernseher ist bei uns viel wichtiger» oder «Schweizer sind oft ungepflegt». Die Jugendlichen spielen meist sich selbst, erzählen aus ihrem Leben, tanzen, singen und rappen.

Mit dabei sind dieses Jahr je eine Klasse aus den Orientierungsschulen Brunnmatt, Insel und Dreirosen. Ausserdem expandiert das Projekt nach Chur, wo im Juni Vorführungen stattfinden. Ebenfalls im Juni ist in Basel eine Nachfolgeproduktion aus dem letzten Jahr zu sehen.
Silvia Süess

«fremd?!» in: Basel Theaterfalle, Do/Fr, 24./25. Mai 2012, jeweils 10.30 Uhr und 19 Uhr. Basel Kaserne, Mi, 30. Mai 2012, 19 Uhr, Do, 31. Mai 2012, und Fr, 1. Juni 2012, jeweils 10.30 Uhr und 19 Uhr. Vorstadttheater, Mi, 6. Juni 2012, 19 Uhr, Do/Fr, 7./8. Juni 2012, jeweils 10.30 Uhr und 19 Uhr. www.projektfremd.ch

Ausstellung

André Thomkins in Chur

Der in Luzern geborene André Thomkins (1930–1985) verbrachte den grössten Teil seines erwachsenen Lebens in Deutschland. Er ist als Maler, Zeichner und Wortkünstler bekannt geworden, der unter anderem zahlreiche Palindrome schuf. Das Kunstmuseum Graubünden in Chur richtet ihm nun mit «Lackskins» eine Ausstellung ein, die sich auf eine besondere Werkgruppe konzentriert.

Ab Mitte der fünfziger Jahre begann Thomkins, sich mit einer alten Technik zu befassen, wie sie für die Herstellung von marmoriertem Papier verwendet wird. Er malte mit flüssigem Lack auf Wasser. Tropfen und Fäden der Farbe bilden auf dem Wasser eine sich bewegende Haut, die zufällig entstehenden farbigen Formen verändern sich kontinuierlich. Der Künstler kann eingreifen oder der Bewegung ihren Lauf lassen. Zu einem von ihm bestimmten Zeitpunkt fixiert er das Bild, indem er es auf ein Blatt Papier abzieht. So entstehen assoziationsreiche Szenen von grosser Dichte und farblicher Brillanz.

Als Teil eines Rahmenprogramms präsentiert der Maler und Trümpyspieler Anton Bruhin eigene Palindrome und solche von Thomkins (Do, 7. Juni 2012), und der Komponist Edu Haubensack liest aus «Der blaue Himmel». Seine Komposition «Three Timpanis» wird vom Schlagzeuger Martin Lorenz gespielt (Do, 14. Juni 2012).
Fredi Bosshard

André Thomkins «Lackskins» in: Chur Bündner Kunstmuseum, Fr, 25. Mai 2012, 18 Uhr, Eröffnung. Einführung: Stephan Kurz. Di bis So, 10–17 Uhr; 
Do, 10–20 Uhr. Bis 26. August 2012. 
www.buendner-kunstmuseum.ch

Twisted Realism

Die italienischen KünstlerInnen Raphaël Cuomo und Maria Iorio untersuchen in ihrem Projekt «Twisted Realism» anhand von Pier Paolo Pasolinis Spielfilm «Mamma Roma» (1962) die Periode des «Wirtschaftswunders» im Italien der Nachkriegszeit. Eine Polyphonie von Stimmen erzählt das Szenario des Films ebenso wie dessen Produktion und Vertrieb nach.

Das KünstlerInnenduo hat dazu auch Drehorte von Pasolinis Klassiker aufgesucht und vermittelt so, fünfzig Jahre später, eine neue Geografie des heutigen Rom. Die Videoarbeit erkundet unterschiedliche «Ästhetiken des Realen» in der kinematografischen Darstellung der städtebaulichen Entwicklung des Quartiers INA Casa Tuscolano, einem gigantischen Sozialbauprojekt, das in den fünfziger Jahren gebaut wurde. Darüber hinaus dekonstruiert die filmische Installation die propagandistischen Logiken sogenannter «Dokumentarfilme», die nicht nur Regierungspläne, sondern auch einen neuen Ausdruck von Identität und Staatsbürgerschaft zu verbreiten suchten.

Die Ausstellung will zudem verdeutlichen, wie das italienische Kunstkino der sechziger Jahre im Zug der Privatisierung von Kultur und der Monopolisierung der Medien nach und nach zu einer (national orientierten) Handelsware gemacht wurde.
Adrian Riklin

«Twisted Realism» in: Zürich Les Complices, 
Do, 30. Mai 2012, ab 18 Uhr (Eröffnung). Bis 23. Juni 2012. www.lescomplices.ch

Klaus Lutz im Universum

Die Protagonisten von Klaus Lutz sind Stabhochspringer zwischen den Welten. Sie turnen zwischen Planeten und Sternen, lassen die Erdenschwere problemlos hinter sich und schwingen sich locker in die Schwerelosigkeit des unendlichen Raums.

Der 1940 in St. Gallen geborene Künstler schuf in den siebziger Jahren einen Bilderzyklus nach Robert Walsers «Das Ende der Welt». Er übersiedelte 1992 nach New York und lebte dort bis zu seinem Tod vor drei Jahren. In seinem Kompaktappartement in Downtown Manhattan arbeitete er weiter an seinem Kosmos, an Kaltnadelradierungen und Installationen, er zeichnete, filmte und agierte als Performancekünstler – und wurde so zum Astronauten. Die Retrospektive im Zürcher Haus Konstruktiv zeigt alle seine Facetten und ermöglicht Einblicke in ein eigenwilliges und versponnenes künstlerisches Universum.

Die zweite Ausstellung «Das Haus des Künstlers», die gleichzeitig eröffnet wird, ist in Koproduktion mit dem Museum für Gestaltung entstanden. Mit Werken aus den beiden Häusern wird in spielerischer Form nach der Herkunft der künstlerischen Inspiration von Künstlerinnen und Gestaltern gesucht.
Fredi Bosshard

Klaus Lutz «Im Universum» und Visionäre Sammlung Vol. 18: «Das Haus des Künstlers» in: Zürich Haus Konstruktiv, Mi, 30. Mai 2012, 18 Uhr, Eröffnung. Bis 2. September 2012. Di/Do/Fr, 12–18 Uhr; Mi, 12–20 Uhr; Sa/So, 11–18 Uhr. 
www.hauskonstruktiv.ch

Festival

Videoex

Die Verbreitung experimenteller Film- und Videoformen zu fördern: Das ist das erklärte Ziel der Videoex, des einzigen Festivals in der Schweiz, das sich explizit dem Experimentalfilm und -videoschaffen widmet. 1998 wurde es in Zürich gegründet, wo es auch heuer stattfindet. Die Filme im internationalen Wettbewerb kommen aus 45 Ländern und geben spannende Einblicke in das aktuelle internationale Experimentalfilmschaffen. Werke aus der Schweiz sind im nationalen Wettbewerb zu sehen, ausserdem zeigt das Festival in Zusammenarbeit mit dem Museum Haus Konstruktiv eine Auswahl von Filmen des 2009 verstorbenen Schweizer Künstlers Klaus Lutz.

Einen Schwerpunkt des Festivals bilden Filme aus Polen. Dort hat das Experimentalfilmschaffen seit jeher einen hohen Stellenwert. 1980 gewann mit «Tango» von Zbigniew Rybczynski gar ein experimenteller Film einen Oscar. Die Videoex zeigt (kuratiert vom Filmoteka Muzeum in Warschau) unter anderem Programme mit dem Titel: «Art on TV», «Polish Found Footage Films» und «Polish Women Artists of the 1970s and 1980s».

Weitere thematische Schwerpunkte sind Experimentalfilme aus Bollywood, «Hellas von unten – in Zeiten der Krise» und je eine Hommage an den US-amerikanischen Filmemacher Georg Kuchar (1942–2011) sowie an den Undergroundfilmer und Performancekünstler Mike Kelley (1954–2012).

Auch an die Kleinen haben die FestivalmacherInnen gedacht: So wird ein experimenteller Animationsworkshop für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren angeboten; die grösseren können derweil einen Solarroboter für den Hellraumprojektor bauen.
Silvia Süess

Videoex Experimentalfilm- und Videofestival in: Zürich Cinema Z3 und Kunstraum Walcheturm, 
Sa, 26. Mai 2012, bis So, 3. Juni 2012. www.videoex.ch

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