Nr. 31/2012 vom 02.08.2012

Von Stefan Howald

Elektrogeschockte

Wissen mit allen Sinnen erfahrbar zu machen, entspricht einem Bedürfnis unserer unterhaltungssüchtigen Zeit. Doch wollen wir das, auf was uns die «Südostschweiz» in einer Bildlegende gluschtig machen wollte, wirklich? «Den Strom ‹erleben›: Im erweiterten Inforama am Lago di Lei wird die interaktive Auseinandersetzung mit Strom ermöglicht.» Uns stehen schon beim Gedanken daran die Haare zu Berge.

Parasitäre

Harmlos und Böse sind oft nur wenige Buchstaben voneinander entfernt. Ein solcher Fall veranlasste die «Aargauer Zeitung» (az) zu folgender Berichtigung: «Im Bericht zu den neu geschaffenen Sozialen Diensten Bad Zurzach (az vom 25. Juli) hat sich ein Fehler eingeschlichen: Das Team betreut nicht Sozialhilfebetrüger, wie im zweiten Abschnitt erwähnt, sondern Sozialhilfebezüger. Die Redaktion bittet um Entschuldigung.» Die Zuständigen im anderen Fall heissen nicht Soziale Dienste, sondern Detektive.

Preiswürdige

Ebenfalls ein Opfer freudscher Fallen (oder schlichter Legasthenie?) wurde «Blick.ch» in einer tragischen Geschichte: «Bombenanschlag während Hautpreisezeit: In Bulgarien sterben 7 Menschen». Man könnte denken, dass so ein Anschlag den «Blick» bei dem stört, was er am liebsten tut: Haut preisen.

Anspielungsreiche

Der «Blick» (in diesem Fall «am Abend») ist auch Meister subtiler Wortspiele: «‹Ich bin bestürzt›: Ex-Miss Linda Fäh kletterte dort, wo die Seilschaft abstürzte.» Bei anderen Fährnissen, etwa, wenn jemand vom Blitz getroffen wird, könnte «Ich bin betroffen» gute Dienste leisten. Im dazugehörigen Artikel hiess es dann: «So wollte sie sich erst vergewissern, dass es ihm gut geht. Umso erleichterter war sie, als er das Telefon anhob.» Die Fähigkeit, megaschwere Handys anheben zu können, zumal in kupiertem Gelände, gilt immer als gutes Zeichen.

Aufdatierte

Einige reifere WOZ-LeserInnen mögen sich erinnern, dass die NZZ bis in die sechziger Jahre drei Ausgaben täglich produzierte, die der Briefträger dann auch am Morgen, am Mittag und am Abend nach Hause brachte. Einige aus der damaligen Redaktion scheinen heute bei «NZZ Online» beschäftigt zu sein. Dort ist am 22. Juli der neue Präsident Indiens, Pranab Mukherjee, innert weniger Stunden dreimal unterschiedlich tituliert worden: Zuerst hiess es «Strippenzieher wird Präsident», dann «Vollblutpolitiker wird Präsident», schliesslich «Mann des Volkes wird Präsident». Soll niemand sagen, die Vorteile des neuen Mediums würden nicht genutzt.

Fallpauschale

Zur Sauregurkenzeit fehlt unseren Zeitungen die Musse, jeden Kasus auf Korrektheit abzuchecken. «So fällt es manchmal wirklich schwer, eine positive Haltung zu den Schaben einzunehmen. Doch ein Versuch ist es mit Sicherheit wert», meinte der «Tages-Anzeiger» zum Thema «Küchenschaben». Schade, dass das Versuch meist misslingt. Und die «SonntagsZeitung» berichtet (über Doris Fiala): «Die Politikerin, die auch im Europarat sitzt, will den Deutschen Mores lehren.» Dank medialer Hilfe werden die Deutschen da auf jeden Fall einlenken.

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