Nr. 36/2012 vom 06.09.2012

Film

Werner-Herzog-Retrospektive

Fast sechzig Filme in fünfzig Jahren: «Das hätte ausser ihm nur Fassbinder geschafft», schreibt der Schriftsteller Andreas Niedermann im Programmheft des St. Galler Kinok.

Sein «Geburtstagsgruss» unter dem Titel «Filmemachen ist Athletik» geht an Werner Herzog, der heuer siebzig wird. Niedermann wundert sich, wie berühmt der Filmemacher sei, obwohl «wir die meisten seiner Filme nicht sehen konnten: Oder weiss jemand zu berichten, dass er ‹My Son, My Son, What Have Ye Done›, ‹The White Diamond› oder ‹Lektionen in Finsternis› im Kino gesehen hat? (…) Aber wer bei Wikipedia die Buchstabenkombination «wern» eingibt, findet den Mann bereits an vierter Stelle, zwischen Werner von Siemens und dem Raketenbauer Wernher von Braun. Eigentlich passt er gut dahin. Zwischen den wagemutigen Unternehmer-Erfinder und den visionären Raketeningenieur; (…) jener Mann, der die Albaniengrenze zu Fuss abging, weil man ihn nicht einreisen liess. Oder jener Werner Herzog, der nach einer verlorenen Wette seine Schuhe kochte und sie, bis auf die Sohlen, aufass.»

Das Kinok zeigt Klassiker wie «Aguirre, der Zorn Gottes» (mit Klaus Kinski, 1972), «Nosferatu: Phantom der Nacht» (mit Kinski, Isabelle Adjani und Bruno Ganz, 1979), «Woyzeck» (mit Kinski, Josef Bierbichler und Eva Mattes, 1979), «Fitzcarraldo» (mit Kinski und Claudia Cardinale, 1982) und «The Bad Lieutenant: Port of Call – New Orleans» (2009).
Adrian Riklin

Retrospektive Werner Herzog in: St. Gallen Kinok in der Lokremise. Bis 30. September. www.kinok.ch

Song & Dance Men

Fünf Jahre ist es her, dass die Filmjournalistin Sarah Stähli und der Musikjournalist Benedikt Sartorius die Filmreihe «Song & Dance Men» gegründet haben. Immer wieder überraschen die beiden mit Filmporträts über MusikerInnen und Bands, die in einer spezifischen Nische Kult sind, oder mit Filmen, die hinter die Kulisse des Musikbusiness blicken lassen.

Den Auftakt zur neuen Kinosaison macht «Better than Something – Jay Reatard» von Alex Hammond und Ian Markiewicz. Der Film ist ein Porträt des rastlosen Punks Jeremy Lee Lindsey Junior, der mit fünfzehn Jahren als Musiker begann und mit 29 Jahren an einer Überdosis Kokain, gemischt mit Alkohol, starb. Hammond und Markiewicz tauchen mit ihrem Film in die fiebrige Welt von Reatard ein, verknüpfen Interviews mit seinen Konzerten und Gesprächen mit Weggefährten. Wenn er nicht Musik gemacht hätte, wäre er ein Krimineller geworden, sagt Reatard einmal. «Better Than Something» zeigt, was er in einem kurzen Leben musikalisch erreicht hat, und man kann nur erahnen, was da noch gekommen wäre.
Silvia Süess

«Better Than Something – Jay Reatard» in: 
Bern Kino Cinématte, Do, 13. September, 21 Uhr. 
www.cinematte.ch

Ausstellung

Wohnort Campus

Der Zürcher Wohnungsmarkt ist ausgetrocknet. Darunter leiden besonders die neu zuziehenden StudentInnen, die selbst die geforderten Mieten für WG-Zimmer kaum aufbringen können. Deshalb versucht die Stiftung für Studentisches Wohnen seit ihrer Gründung vor 25 Jahren, Abhilfe zu schaffen. Momentan bietet sie in dreizehn Liegenschaften über 1100 preiswerte Zimmer an.

Die Stiftung, die im Auftrag von Stadt und Hochschule agiert, hat weitere 1000 Zimmer in Planung. Gegen 500 Zimmer auf dem Campus der ETH Hönggerberg stehen vor dem Baubeginn. Im in der Nähe gelegenen Affoltern waren im Sommer 2011 180 Zimmer bezugsbereit, weitere 330 Zimmer sind im Bau und sollen bis 2013 fertiggestellt werden. In der Ausstellung «Wohnort Campus. Studentisches Wohnen rund um den Hönggerberg und den Irchel» werden die Bauten von ETH und Universität gezeigt und die aktuellen Neubauprojekte vorgestellt.
Fredi Bosshard

Wohnort Campus in: Zürich ETH Hönggerberg, 
Do, 6. September, bis Do, 8. November. Mo–Fr, 8–22 Uhr. ETH-Zentrum, Mi, 14. November, bis Mi, 5. Dezember. www.ausstellungen.gta.arch.ethz.ch

Theater

In 80 Minuten um die Erde

«Nun liegt Geld zwar nicht auf der Strasse, aber das Aussehen einer Stadt, ihr Werden ist grundlegend von Kapital beeinflusst», schreiben die Leute vom Theaterkollektiv Schauplatz International. In «Reise um die Erde in 80 Minuten» gehen sie in Bern den Spuren des Kapitals nach. Wofür sich die Bundeshauptstadt bestens eignet: Hier befinden sich 85 diplomatische Auslandsvertretungen. Und so machen Anna-Lisa Ellend, Albert Liebl, Lars Studer und Martin Bieri eine achtzigminütige Rundreise durch die Botschaftsquartiere – und bereisen so die Welt.

Darüber hinaus wollen sie zeigen, «was eine Kapitalisierung aller Lebensbereiche für einen Künstler bedeutet und welche Leistung damit verbunden ist». Sie gehen dabei von der Annahme aus, dass KünstlerInnen zur «Avantgarde eines selbstausbeuterischen Wirtschaftssystems» geworden sind, als dessen «scheinbar unermessliche Kräfte spendender Zaubertrank» das Kapital in all seinen Erscheinungsformen aufgefasst wird.

Die Kapitalsuche wird zu einer gezielten Irrfahrt durch die globalisierte Leistungsgesellschaft. Das Publikum ist eingeladen, sich – ganz bequem in einem Reisebus – an diesem «Kapitalakkumulationsrennen» an die Fersen der KünstlerInnen zu heften und dabei einer «kapitalhistorischen Sportreportage» zu lauschen. Die KünstlerInnen hingegen eilen von Land zu Land und sammeln überall etwas auf, um es zu verwerten. Am Ende aber sind sie doch selbst ihr eigenes Produktionsmittel, der eigene schwitzende Leib und das durch ihn peitschende Blut: «Das ist ja überhaupt das Härteste am Kapitalismus: die Eigenleistung.»
Adrian Riklin

«Reise um die Erde in 80 Minuten» in: Bern ab Dampfzentrale, So, 8. September, 17.30 Uhr, 
sowie ab Stadttheater Mo/Di, 10./11. September, 19.30 Uhr. www.schauplatzinternational.net

Projektorenparade

Etwas Seltsames tut sich am Sonntag, 9. September, in Bern: Da wird es eine Parade durch die Stadt geben. Doch nicht von Soldaten, nicht von Musikantinnen und auch nicht von Elefanten, nein, es sind Filmprojektoren, die quer durch die Stadt rollen werden. Die Cinemathek Lichtspiel, die im März dieses Jahres von der Bahnstrasse ins Marziliquartier umgezogen ist, organisiert einen letzten Teil des Umzugs und verschiebt ihre Filmprojektoren am Sonntagmorgen in Leiterwagen und auf Rollen quer durch die Stadt. Die Route führt von der Bahnstrasse über den Loryplatz ins Marziliquartier. Wer nicht nur am Strassenrand zuschauen möchte, sondern gleich mitmarschieren, soll sich beim Lichtspiel melden. Bei schlechtem Wetter wird die Aktion um eine Woche verschoben.
Silvia Süess

Projektorenparade in: Bern So, 9. September, 
Start an der Bahnstrasse um 11 Uhr. Verschiebedatum bei schlechtem Wetter: 
So, 16. September. www.lichtspiel.ch

Festival

Rümlingen

«Einen Reim machen» wollen sich sechzig Kinder aus der Region im basellandschaftlichen Rümlingen. Dazu versammeln sie sich auf dem Sportplatz und führen unter der Leitung des Schlagzeugers und Komponisten Fritz Hauser ein Klangmandala auf.

Das renommierte und immer nach originellen Ausprägungen suchende Festival für Neue Musik stellt dieses Jahr eine U20 der anderen Art ins Zentrum. Eine zweite Auswahl von siebzig SchülerInnen zwischen sieben und zwölf Jahren erfindet mit der Clownin Priska Elmiger im eigens aufgebauten Zirkuszelt ein Spiel aus Klängen und Aktionen. Ein Schülerensemble aus dem Umfeld der Musikschule Basel improvisiert dazu. Und Jugendliche aus der Region führen in Kooperation mit Jugendlichen aus New York über das Internet das Musiktheater «Büchsenpost» auf, bei dem mechanische Spieldosen zum Einsatz kommen.

Der traditionelle sonntägliche Klangspaziergang rundet das Programm ab. Nach der Einstimmung durch die Mädchenkantorei Basel in der Kirche wandern die ZuhörerInnen durch einen «Klangwald» und begegnen dabei mehreren Bläsergruppen, zwei Schlagzeugensembles und den «Harfen am Teich».
Fredi Bosshard

Festival Rümlingen in: Rümlingen Sportplatz, Zirkuszelt und Kirche, Fr, 7., bis So, 9. September. www.neue-musik-ruemlingen.ch

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