Nr. 37/2012 vom 13.09.2012

Ausstellung

Bieler Fototage

Wir hinterlassen in unserem Alltag überall Spuren: Überwachungskameras filmen uns, ohne dass wir es merken, wir stellen Bilder ins Internet, wo sie sich praktisch verselbständigen, oder wir fotografieren mit unseren Handys alltägliche Dinge und verschicken sie. Die 16. Bieler Fototage beschäftigen sich mit diesem aktuellen Phänomen: «Sehen und gesehen werden» lautet der Titel der diesjährigen Fotoschau, in der die Beziehungen zwischen Voyeurismus und Exhibitionismus hinterfragt werden sollen.

Das Leitungsteam mit Hélène Joye-Cagnard, Catherine Kohler und Marina Porobic präsentiert 23 Ausstellungen mit FotografInnen aus zehn Ländern – eine vielfältige Schau: Der irakische Fotograf Mohammadreza Mirzaei fängt aus grosser Distanz TouristInnen in Italien ein, die mit der Kamera am Auge unterwegs sind. Der Prager Fotograf Ivars Gravlejs hat heimlich Speicherkarten in die Vorführmodelle der Kameraabteilung von Elektroniksupermärkten gesteckt und diese zwei Wochen später wieder abgeholt. Mit dem iPhone in den Bürgerkriegswirren in Libyen unterwegs war der New Yorker Benjamin Lowy. Und der Franzose Myr Muratet legt eine klassische Langzeitstudie vor: Seit bald zehn Jahren hält er mit seiner Kamera fest, wie durch Umzonung die Reviere der Randständigen an der Gare du Nord in Paris immer mehr eingegrenzt werden.
Silvia Süess

16. Bieler Fototage in: Biel Photoforum 
PasquArt und andere Orte, bis So, 30. September. 
www.bielerfototage.ch

Im Supermarkt des Möglichen

Bio oder Budget, Luca oder Luan, Karriere oder Kind? Oder am liebsten beides? Eine Ausstellung im Stapferhaus Lenzburg entführt die BesucherInnen in eine «multioptionale Gesellschaft», in der fast alles möglich scheint, aber wenig sicher ist: Liebespaare erzählen über ihr Zusammenleben in unverbindlichen Zeiten, Jugendliche von ihrer Berufswahl; BürgerInnen diskutieren über ihren «direktdemokratischen» Entscheidungsspielraum, und «Entscheidungsträger» berichten von ihrem «persönlichen Umgang mit Risiko, Verantwortung und Fehlentscheiden». Die BesucherInnen selbst können abwägen, Stellung beziehen – und wie es sich gehört in diesen Zeiten: Punkte sammeln. Die Quittung kommt am Ende, an der Kasse.

Im Rahmenprogramm verabreicht bis Juni 2013 jeden Monat ein «Experte» oder eine «Expertin» spezifische «Entscheidungshilfen»: Das Kabinett reicht vom Mentalcoach bis zur Konsumexpertin. In der Reihe «Lenzburger Rede» erhalten Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft Gelegenheit, im Rittersaal auf Schloss Lenzburg eine Rede zu halten.
Adrian Riklin

«Entscheiden. Über das Leben im Supermarkt 
des Möglichen» in: Lenzburg Stapferhaus, 15. September bis 30. Juni 2013. 
Di–So, 10–17 Uhr, Do bis 20 Uhr. 
www.stapferhaus.ch

Buchvernissage

Lotte Schwarz

Viel ist in den letzten Jahren über EmigrantInnen geschrieben worden, die in Zürich Zuflucht suchten. Im Chronos-Verlag erscheint nun unter dem Titel «Jetzt kommen andere Zeiten. Dienstmädchen, Emigrantin, Schriftstellerin» ein Buch über eine besonders interessante und vielseitige Persönlichkeit: Lotte Schwarz.

1910 geboren, wuchs Schwarz im Hamburg der Weimarer Republik auf, war Dienstmädchen und Bibliothekarin, begeisterte sich für die Frauenemanzipation, wurde Mitglied der kommunistischen Jugend und früh schon der antistalinistischen Roten Kämpfer. 1934 emigrierte sie nach Zürich, wo sie sich zunächst erneut als Dienstmädchen durchschlagen musste, bevor sie ab 1938 eine Anstellung als Bibliothekarin im Schweizerischen Sozialarchiv fand. Dort schätzten sie gerade auch Flüchtlinge als Ansprechperson. Schwarz war aber auch eine Pionierin der Recyclingkunst und publizierte über die Arbeitsbedingungen von Frauen, das fehlende Frauenstimmrecht und über Architektur. In der bebilderten Biografie der Zürcher Historikerin Christiane Uhlig ist auch einiges über Lotte Schwarz’ literarisches Schaffen zu erfahren. Die Vernissage findet ortsgerecht im Sozialarchiv statt. Es sprechen Christiane Uhlig, die Geschlechterhistorikerin Regina Wecker und Monika Bucheli vom Chronos-Verlag.
Adrian Riklin

«Jetzt kommen andere Zeiten: Lotte Schwarz (1910–1971)» in: Zürich Sozialarchiv, Stadelhoferstrasse 12, Di, 18. September, 19 Uhr.

Festival

Brugger Literaturtage

Paritätischer geht es kaum: Auch in diesem Jahr sind an den Brugger Literaturtagen vier Frauen und vier Männer, vier aus der Schweiz und vier aus dem deutschsprachigen Ausland präsent. Damit, so der Brugger Stadtammann Daniel Moser im Vorwort zum diesjährigen Programm, «ist schon einmal grundsätzlich Gerechtigkeit geschaffen».

Zu den acht AutorInnen – Catalin Dorian Florescu, Franzobel, Thomas Hettche, Renato Kaiser, Katja Lange Müller, Silke Scheuermann, Susanna Schwager und Laura de Weck – treten auch weniger bekannte DichterInnen hinzu. Einen prominenten Auftritt erhalten heuer zudem junge SlampoetInnen.

Neben den ausführlichen Lesungen am Samstag wird am Freitag eine Soirée mit Kurzlesungen der acht AutorInnen stattfinden. Zum Abschluss wird am Sonntag in grosser Runde diskutiert: Ausgehend von der Frage «Ist Literatur jung?» können KantonsschülerInnen die SchriftstellerInnen herausfordern.

Der Eintritt zu allen Veranstaltungen 
ist frei.
Adrian Riklin

Brugger Literaturtage in: 
Brugg Fr–So, 14.–16. September. 
www.literaturtage.ch

Luststreifen

Er hat eine Vorliebe für schöne Frauen, aber auch für äusserst schräge Charaktere und skurrile Geschichten: Pedro Almodóvar. Am Filmfestival Luststreifen, Queer Cinema Basel, ist nun einer der ersten Filme des spanischen Regisseurs zu sehen. «Pepi, Luci, Bom y otras chicas del montón» ist ein ziemlich trashiges, abgefahrenes Werk aus den achtziger Jahren. Schrille Kleider, Punkmusik, Drogen, Sex, Gewalt – der Film mit Carmen Maura in der Hauptrolle gibt Einblick in das pulsierende Leben in Madrids damaliger Subkultur. Und da ging es ziemlich wild zu und her. Für alle Almodóvar-Fans ist der herrlich skurrile Streifen ein Muss, auch wenn sie ihr Idol dann vielleicht mit etwas anderen Augen sehen werden.

Unter dem Titel «Luststreifen – Zeitstreifen» präsentiert das Filmfestival weitere Werke aus der queeren Filmgeschichte. So sind unter anderem der Dokumentarfilm «Katzenball» (2005) der Berner Filmemacherin Veronika Minder, Rosa von Praunheims «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt» (1971) und der poetische Spielfilm «When Night is Falling» (1995) von Patricia Rozema zu sehen.
Silvia Süess

Luststreifen Queer Cinema Basel in: 
Basel Neues Kino, Do, 13., bis So, 16. September. 
www.luststreifen.ch

Konzert

Satie und Cage

Vor zwei Wochen konnte man in der WOZ einiges über das Toy Piano, präparierte Klaviere und John Cage (1912–1992) erfahren. In der Zürcher Tonhalle sind nun in der Rezitalreihe, die vom Pianisten und Komponisten Werner Bärtschi kuratiert wird, einige von Cages Werken zu hören. Bärtschi stellt sie in einen sinnigen Zusammenhang mit Werken des französischen Komponisten Erik Satie (1866–1925).

Satie hatte 1916 für seine «Parade», die er für Jean Cocteau schrieb und die im Rahmen des Programms zu hören sein wird, neben den gewohnten Orchesterinstrumenten auch Töne und Geräusche von Sirenen, einem Lotterierad, einer Schreibmaschine, Wasserflaschen und einem Revolver eingebaut. Cage hat sich immer wieder auf Satie bezogen und für seine Komposition «Cheap Imitation» (Billige Nachahmung) gleich Zitate aus Saties sinfonischem Drama «Socrate» von 1918 abgeschrieben. Im Konzert wird nun das Original der kreativen Kopie gegenübergestellt.

Das Orchester der Zürcher Hochschule der Künste und Jeannine Hirzel (Sopran) bringen unter der Leitung von Bärtschi und Jürg Wyttenbach an zwei verschiedenen Konzertabenden zusätzlich noch «Concerto for Prepared Piano», «Concerto for Piano» und «Fourteen» von Cage sowie «Trois petites pièces montées» von Satie auf die Bühne.
Fredi Bosshard

Rezital «Erik Satie und John Cage» in: 
Zürich Tonhalle, Grosser Saal, Sa, 15. September, 19.30 Uhr; So, 16. September, 17.30 Uhr.

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