Nr. 38/2012 vom 20.09.2012

Gewissliche

Harte Fakten sind das A und O des Tagesjournalismus – und so schreibt der «Tages-Anzeiger online»: «Nun ist klar: Die beiden Moldauer, die eine Patrouille der Kantonspolizei Schwyz am Mittwochmorgen in Rickenbach SZ kontrollieren wollte, waren zuvor vermutlich mit einem oder mehreren Komplizen auf Diebestour.» Sowie: «Nun ist bekannt, wohin der Komplize verschwand: Der Mann hat sich vermutlich mithilfe des oder der weiteren Komplizen mit dem zweiten gestohlenen Auto nach Italien abgesetzt.» Nun ist also sicher, dass vermutlich die Unschuldsvermutung gilt. Für wen auch immer – die Polizeimitteilung oder den Journalisten.
Jürg Fischer

Bildungsnahe

Zuppiger, Bortoluzzi, Rickli, Estermann, Mörgeli – die Schweizerische Volkspartei (SVP) leidet wahrlich keinen Mangel an SchlagzeilenlieferantInnen. Und nun sagte der Zürcher Regierungsrat Ernst Stocker (auf dessen Website seine Zugehörigkeit zur SVP nicht erwähnt wird, der aber dem Vernehmen nach keineswegs ausgetreten ist) im «Tagesgespräch» auf Radio DRS 1 dies: «… Fachhochschuele, wo ja wie frischi Weggli us em Gras schüüssed». Bäckerblumen? So viel zur Verbundenheit unserer Volksvertreter mit Scholle und Gewerbe.
Jürg Fischer

Beobachtete

Der zweimal in der Woche erscheinende «Schweizer Bauer» scheint dafür bezüglich Fauna nicht ganz sattelfest: «Beim Amt für Jagd und Fischerei Graubünden sind in den letzten Tagen zwei Beobachtungen von Wolfswelpen gemeldet worden, wie das Amt am Donnerstag mitteilte. Beide wurden von Jägern gemacht.» Gesichert war bisher nur, dass sich ein Jäger, unterwegs im schweren Drillich, einen Wolf zwischen den Beinen holen kann. Wenn sich dieser nun fortpflanzt, ist dies ein Wunder der Natur.
Jürg Fischer

Marsialische

Das «St. Galler Tagblatt» zeigte letzte Woche endlich einen Lösungsweg für die Überwindung der Wirtschaftskrise auf: «Ohne zusätzliche Hilfe von aussen scheint die globale Konjunktur nicht auf Touren zu kommen.» Wenn die Hilfe von den grünen Männchen kommt, können wir künftig sogar mit einer grünen Wirtschaft rechnen.
Jürg Fischer

Blackboxende

Global und globaler werden auch unser aller Sprachen. Auf «NZZ online» lasen wir: «Und weil Kontrolle auch hier besser ist als Vertrauen, rückt in der Branche verstärkt ein Instrument ins Rampenlicht, das eigentlich von der Raser-Prävention her bekannt ist: die Blackbox, neudeutsch auch Fahrtenschreiber genannt.» Altdeutsch ist also das neue Neudeutsch. Kontrolle wäre wirklich besser.
Jürg Fischer

Unklare

«Der Entscheid der japanischen Regierung vom vergangenen Freitag, bis Ende der 2030er Jahre auf Atomenergie zu verzichten, war aufgrund von Lecks keine Überraschung mehr», stand in der NZZ. Da bleiben Fragen, zum Beispiel: Wer tröpfelt da? Die AKWs oder die Regierung? Wenns die AKWs sind: Was tröpfelt? Falls sich das Leck jedoch in der Regierung fand, sind wir wieder um eine Illusion ärmer: Gerade der Japaner gab sich doch in letzter Zeit äusserst verschwiegen. Zudem macht uns die Formulierung «bis Ende der 2030er Jahre auf Atomenergie zu verzichten» Sorgen: Was ist ab dann?
Karin Hoffsten

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