Nr. 45/2012 vom 08.11.2012

Ausstellung

Lou Reed on the Mild Side

«Visual Thoughts» (visualisierte Gedanken) nennt Lou Reed seine fotografischen Arbeiten, die in einem Zwischennutzungsprojekt an der Basler Socinstrasse zu sehen sind. Die Rock-Ikone, die dieses Jahr siebzig Jahre alt geworden ist, wurde mit der von Andy Warhol geförderten Gruppe Velvet Underground gross und machte unter eigenem Namen erfolgreich weiter. Jüngst schaffte es Reed, das Publikum an Konzerten mit seiner Partnerin Laurie Anderson und dem Saxofonisten John Zorn gehörig zu verstören.

In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich Lou Reed vermehrt auch mit Fotografie auseinandergesetzt. In seinen Bildern zeigt er sich von einer milden und geheimnisvollen Seite: keine Angaben zu Ort und Zeit. Die Fotos, mit denen er gegenwärtig durch Europa tourt, zeigen farblich verfremdete Landschaften, Menschen im Halbschatten und in verwischten Bewegungen. Es sind grossformatige, lyrische Sujets, die auch in seinem bereits vierten Fotoband «Rimes – Rhymes» enthalten sind.

Lou Reed als Fotograf in: Basel Villa Renata, Socinstrasse 16, Do, 8. November, 19 Uhr, Vernissage mit Lou Reed. Fr, 9. November, 19 Uhr, Lesung Reed aus «Raven». Sa, 10. November, 
11–17 Uhr, Ausstellung. www.villa-renata.muuu.ch

Fredi Bosshard

Strapazin: Comics Deluxe!

Volle 108 Nummern des Comicmagazins «Strapazin» sind seit 1984 erschienen – meistens im Vierteljahrestakt. Nun richtet das Cartoonmuseum in Basel für das Comicmagazin eine Überblicksausstellung ein, und im Merian-Verlag erscheint ein Rückblick in Buchform. Das ist erfreulich, weil Cartoons im Comicmagazin einen eher bescheidenen Raum einnehmen. Das «Strapazin» nutzt seine Seiten vor allem für experimentierfreudige gestalterische und erzählerische Ausprägungen des Genres.

Nun erhalten achtzehn ComiczeichnerInnen aus dem In- und Ausland eine Plattform im Museum. Darunter sind KünstlerInnen wie Anke Feuchtenberger, Thomas Ott, Andreas Gefé und Nicolas Mahler. Einige der Beteiligten sitzen auch mit der «Strapazin»-Verlagslokomotive David Basler seit bald dreissig Jahren am kollektiven redaktionellen Tisch: Peter Bäder, Andrea Caprez, Christoph Schuler, Kati Rickenbach und auch Anna Sommer, die für die WOZ die Piktogramme entworfen hat.

Die Vernissage findet im Rahmen der Basler Buchnacht statt. Und da sind einige der KünstlerInnen auch als Performer oder Livezeichnerinnen zu erleben.

«Comics Deluxe! Das Comicmagazin Strapazin» in: Basel Cartoonmuseum, Fr, 9. November, 18.30 Uhr, Vernissage. Di–Fr, 14–18 Uhr; Sa/So, 11–18 Uhr. 
Bis 3. März 2013. www.cartoonmuseum.ch, 
www.strapazin.ch

Publikation «Comics Deluxe!»: Hrsg. Christian Gasser und Annette Gehrig. Christoph Merian Verlag. Basel 2012. 144 Seiten, 100 Abbildungen. 29 Franken.

Fredi Bosshard

Festival

Queersicht

«Alt, wild und sexy» – so lautet das Motto des diesjährigen «Queersicht», des ältesten lesbisch-schwulen Filmfestivals der Schweiz. «Der Titel meint auch ein bisschen uns», schreiben die VeranstalterInnen im Programmheft, doch natürlich gibt es auch Filme zum Thema: Regisseur Stu Maddux porträtiert in seinem Film «Gen Silent» sechs ältere Menschen, die transgender, lesbisch oder schwul sind. Wie gehen sie mit ihrer sexuellen Identität um?

Auch in Jan Soldats Dokumentarkurzfilm stehen zwei alte Herren im Zentrum: Nackt sitzen sie da und plaudern über ihre früheren wilden Zeiten. Und der Film «Anders leben – Lesben im Alter» von Isabel Rodde porträtiert drei ganz unterschiedliche alte Lesben. Am Podiumsgespräch «Translesbischwule Erfahrungen, Wünsche und Visionen zum Älterwerden» geht es ebenfalls um Fragen rund ums Alter: Wie reagiert das Pflegepersonal in einem Altersheim auf Transgender-Menschen? Wie nehmen Altersheime schwule Paare auf?

Wie jedes Jahr sind mehrere Kurzfilmblöcke zu sehen; der beste wird mit der Rosa Brille ausgezeichnet. Ein weiterer Schwerpunkt des Festivals sind indische Filme, die sich ans Tabu schwul-lesbischer Liebe heranwagen.

16. Queersicht in: Bern Kino in der Reitschule, Kellerkino, Kino Kunstmuseum, Cinématte, Progr, CineABC, Do–So, 8.–11. November. 
www.queersicht.ch

Silvia Süess

Literatur

Poesie und Mythos

Namen und Orte ändern sich – die Grundzüge von Mythen aber bleiben weltweit die gleichen. Und so bilden Mythen eine gemeinsame Wurzel für alle Kulturen. Wie aber gehen arabische und westliche Poesie heute mit Mythen um? Wo liegen die Gemeinsamkeiten, wo die Unterschiede? Welche Rolle spielen Mythen in der zeitgenössischen Poesie, in welchen Kontext sind sie eingebettet? Diese und ähnliche Fragen stehen im Zentrum der zwölften Ausgabe des vom Schweizerisch-Arabischen Kulturzentrum veranstalteten Internationalen Poesiefestivals Al-Mutanabbi in Zürich. Diskutiert wird in einer grossen Runde am Samstag, 10. November, 16 Uhr – mit allen siebzehn LyrikerInnen, die am diesjährigen Festival lesen.

Am Freitag lesen Aschraf Amer (Ägypten), Angeliki Sigourou (Griechenland), Pietro Montorfani (Schweiz), Mohammed Miloud Gharrafi (Marokko/Frankreich), Evelyn Schlag (Österreich) sowie Florian Vetsch (Schweiz) mit Amsel (Bild, Schweiz), Christian Berger (Oud, Schweiz) und Abdenbi Sarrouch (Übersetzung, Marokko).

Am Samstag: Aschjan Hendi (Saudi-Arabien), Marc Hermann (Schweiz), Sabah Zouein (Libanon), Hemant Divate (Indien), Sylviane Dupuis (Schweiz) und Ahmed Muchtar (Irak/England). Und schliesslich am Sonntag: Salah Niyasy (Irak/England), Nathalie Schmid (Schweiz), Volker Sielaff (Deutschland), Pierre-Alan Tache (Schweiz), Zingonia Zingone (Italien) und Suleman Taufiq (Syrien/Deutschland).

Die deutschen Übersetzungen werden von Lilly Friedrich und Paul Dorn gelesen.

12. Internationales Poesiefestival Al-Mutanabbi in: Zürich Zentrum Karl der Grosse, Fr–So, 
9.–11. November. Lesungen am Fr/Sa ab 19.30 Uhr, am So ab 16 Uhr. www.sakz.ch

Adrian Riklin

«Der Kreuzberg ruft!»

Vor mittlerweile zehn Jahren ist er ausgewandert, der Basler Journalist Till Hein, der ab und an auch für die WOZ in die Tasten greift. Zwar hat es ihn nicht grad nach Papua Neuguinea verschlagen, doch hat er gut daran getan, sich seiner neuen Heimat, in der man Deutsch spricht (naja, so eine Art Deutsch zumindest, jedenfalls dativangereichert), mit dem Blick und dem Ohr eines Ethnografen zu nähern. Ein Unterfangen, das sich in einem kürzlich veröffentlichten Buch niedergeschlagen hat und mit lebensnahen Beobachtungen aus extrem teilnehmender Perspektive besticht, zu der die ironische Brechung gut passt.

«Der Kreuzberg ruft!» heisst Heins Buch über «Gratwanderungen durch Berlin», und es wartet mit dreissig kurzweiligen Kapiteln auf, in denen sich der Autor durch Hardcore-Vegetarier-WGs und illegale Happenings kämpft. Bloss gut, stehen ihm ein paar echte Berliner zur Seite, wie etwa der «Türke seines Vertrauens» mit der Dönerbude.

Till Hein liest diese Woche aus seinem Berlin-Buch, das – BaslerInnen aufgehorcht! – auch zahlreiche Reminiszenzen aus seiner «wahren» Heimatstadt bereithält.

Buchnacht-Lesung Till Hein in: Lörrach Nellie Nashorn, Do, 8. November, 19.30 Uhr; Basel Buchhandlung Ganzoni am Spalentor, 
Fr, 9. November, 19 Uhr. Reservation erbeten unter 
061 261 32 72 oder info@buecherganzoni.ch.

Till Hein: «Der Kreuzberg ruft! Gratwanderungen durch Berlin.» be.bra Verlag. Berlin 2012. 
254 Seiten. Fr. 21.90.

Franziska Meister

Theater

Heiraten, ja sicher!

Wie haben Sie Ihren Partner oder Ihre Partnerin gefunden? Wo haben Sie gesucht? Solche Fragen hat die Autorin und Theaterregisseurin Susanna Rosati vielen unterschiedlichen Menschen aus Zürich gestellt. Zusammengekommen sind Geschichten von der Single-Frau, die ihren Mann in Internetforen sucht, von arrangierten Hochzeiten und von geglückten und missglückten binationalen Ehen.

Rosatis gesammelte Geschichten werden von der Truppe SEM als Theater auf die Bühne gebracht. SEM bietet seit zwölf Jahren Migrantinnen und Schweizerinnen eine künstlerische Plattform. «In dubio pro amore» (Im Zweifelsfall für die Liebe) ist der Titel des Stücks, in dem fünf Frauen ihr Hochzeitsfest vorbereiten. In Auftrag gegeben hat das Stück die Kommission für die Gleichstellung von Frau und Mann der Stadt Zürich. Zu sehen ist es in der Halle des Zürcher Stadthauses, gleich unter dem Zivilstandsamt – wo sich tagein tagaus Paare mit der Hoffnung auf ein ewiges Beisammensein das Jawort geben.

«In dubio pro amore» in: Zürich Stadthaus, Do, 
15. November, 20 Uhr. Weitere Vorstellungen in Zürich, Boulevard, Do/Fr, 29./30. November, 20 Uhr.

Silvia Süess

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