Nr. 02/2013 vom 10.01.2013

Suggestive

«Was steckt hinter dem König im Kuchen?», fragte, relevant wie immer, das Gratislokalblatt «regio» mit Verbreitungsgebiet Zürcher Oberland. Während wir bisher meinten, es handle sich um Zopfteig, Rosinen, Hagelzucker und Mandelblättchen, vermuten wir nun eine royalistische Subversion mittels Zugabe von genveränderten E-Nummern oder sonst irgendeine Gehirnwäsche. In diesem Sinne: Mögen Sie auch den Rest des Jahres vorsichtig und bewusst kauen!
Jürg Fischer

Zeitlose

Das Thema «Personenfreizügigkeit» und die damit zwangsläufig verbundene Globalisierung unserer Sprache müssen uns weiterhin beschäftigen, wie eine Passage aus der NZZ noch im alten Jahr belegte – oder ist es bloss, weil jetzt die ersten Frühenglisch-Absolvierenden in die Redaktionsstuben gelangen? «Das bisher höchste Alter eines Menschen, das je dokumentiert wurde, erreichte die Französin Calment of France (1875–1997), die mit 122 Jahren starb.» Damit war sie älter als Victoria of Britain, aber jünger als Alte Tante of Falkenstrasse.
Jürg Fischer

Architektonische

«Blick am Abend» schrieb in Bezug auf das Baudebakel am neuen Berliner Flughafen: «Ja, liebe Deutsche, wir können nicht nur gut im Boden, sondern auch überirdisch bauen.» Zum Beispiel Luftschlösser und Wolkenkuckucksheime? Macht ja nichts, wenn dafür die Sätze eher holprig gezimmert werden.
Jürg Fischer

Ursologische

Der «Tages-Anzeiger» meldet aus Braugünden, äh, Graubünden: «Irgendwo im Puschlav liegt er im Winterschlaf, der ob seines flegelhaften Verhaltens bekannte Jungbär M13. Gegen Verbrämungsaktionen zeigt er sich ebenso resistent wie gegen vergiftete Köder oder eine Lokomotive der Rhätischen Bahn.» Dabei merkt der schlafende Egoist nicht mal, dass er schon längst zum Freiheitshelden verbrämt worden ist.
Jürg Fischer

Explosive

«Mahnungs- und Kündigungsverfahren sind ein Mienenfeld», befand das Gratisbatt «Biel Bienne». Das wird sich auch künftig nicht ändern: martialische Sprache, relativiert durch eigenmächtige Rechtschreibung. Da können wir Tüpflischeisser Grimassen schneiden, wie wir wollen.
Jürg Fischer

Ungelehrige

Mit der oben genannten Eigenschaft befinden wir uns offenbar in bester Gesellschaft. So kams im Münchner «Tatort» zwischen den Kommissaren zum Jahresende am Pissoir zu folgendem Dialog. Batic: «Sie kannte ihren Mörder nicht – das macht ja Sinn!» Leitmayr: «‹Macht Sinn› ist kein Deutsch. Sinn wird nicht gemacht, wie man hier sein Geschäft macht. Eine Sache hat Sinn oder ergibt Sinn. ‹Sinn machen› ist ein …» – das zugehörige Adjektiv ging bedauerlicherweise in Batics gebrülltem «Hör auf mit deinen Klugscheissereien!» unter – «… Anglizismus!» Dem ist nichts hinzuzufügen.
Der TV-Kritikerin von «Tages-Anzeiger Online» scheint Leitmayrs sprachlicher Feinsinn auch in anderem Falle fremd zu sein: «Als interessanter Kontrast dazu setzen die ‹Tatort›-Macher auf wiederholende, betont ereignisarme Aufnahmen: Leitmayr und Batic beim Pinkeln» – gehört hat sies also! Doch kurz darauf folgt: «Sein Verhalten macht auf einmal Sinn.» Wir aber fürchten: Keine Klugscheisserei macht hier noch Sinn.
Karin Hoffsten

woznews@woz.ch

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