Kultour :

Nr.  15 –

Ausstellung

Fotoarchiv Afghanistan

Najibullah Musafer nennt sein Foto hoffnungsvoll «Flug nach dem Krieg». Der afghanische Fotograf hat vor sechs Jahren in Kabul zusammen mit Basir Seerat, Reza Sahel und Reza Yemak die Fotoagentur 3rd Eye Photojournalism Center gegründet. In einem Zeitraum von zehn Jahren haben sie gegen 10 000 Fotos in den 24 Provinzen ihrer seit Jahrzehnten durch Krieg gepeinigten Heimat aufgenommen. Die 3rd-Eye-Agentur engagiert sich aber auch stark in der Nachwuchsförderung, und inzwischen arbeiten über zwanzig FotografInnen unter ihrem Dach. Sie unterhalten ein grosses Archiv mit Pressebildern und Kunstfotografie, produzieren Fotobücher und Dokumentarfilme.
Vierzehn junge afghanische FotografInnen aus verschiedenen Regionen und aus unterschiedlichen Ethnien zeigen nun ihre Arbeiten unter dem Titel «EinBlick Afghanistan» in der Offenen Kirche St. Jakob am Zürcher Stauffacher. Die Wanderausstellung, die seit 2011 unterwegs ist und in Kabul und neun weiteren Provinzen zu sehen war, hat die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) ermöglicht.
Fredi Bosshard

«EinBlick Afghanistan – junge afghanische Fotografie» in: Zürich Kirche am Stauffacher, 
Do, 11., bis So, 28. April 2013. Täglich 11–19 Uhr. 
www.artlink.ch / www.offener-st-jakob.ch

Fotoarchiv DDR

Zu DDR-Zeiten war die Internationale Leipziger Messe der wichtigste Handelsplatz zwischen Ost und West. Der Fotograf Reinhard Mende dokumentierte zwischen 1967 und 1990 im Auftrag der DDR-Kombinate die Produktionssituation in den Volkseigenen Betrieben (VEB) und inszenierte die in ihnen hergestellten Produkte. In seinen rund 20 000 Aufnahmen trafen sozialistische Produktion und kapitalistische Konsumgüterpräsentation aufeinander.
Das transdisziplinäre Forschungsunternehmen «Doppelte Ökonomie» an der Zürcher ETH Hönggerberg nahm dieses Archiv als Ausgangspunkt für eine zeitgenössische künstlerische und theoretische Analyse. Dabei stand die Frage nach den Widersprüchen und Verflechtungen zwischen sozialistischen und kapitalistischen Artikulationsformen im Zentrum.
Fredi Bosshard

«Doppelte Ökonomien. Vom Lesen eines Fotoarchivs aus der DDR (1967–1990)» in: 
Zürich Archena und Architekturfoyer der ETH Hönggerberg, 11. April bis 23. Mai 2013. Mo–Fr, 
8–22 Uhr.

Film

Die Schweiz ist keine Insel

Sie waren im letzten Sommer ein grosses Thema in den Medien: die BettlerInnen in den Schweizer Städten. Von «Bettlerbanden aus dem Ostblock» war zu lesen, die mit Autos einreisten und Kinder dabeihatten, die nicht ihnen gehörten – und die aggressiv um Geld bettelten.
BettlerInnen sind in den herausgeputzten Schweizer Städten nicht gern gesehen, da sie das Stadtbild stören und zahlungswillige KundInnen von Läden fernhalten. Und sie bleiben sowohl in der Medienberichterstattung wie in unseren Köpfen meist anonym.
Die österreichische Künstlerin Ulli Gladik verleiht in ihrem Film «Natasha» einer Bettlerin eine Stimme. Natasha lebt in einer kleinen Stadt in der Nähe der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Um ihre Familie zu ernähren, fährt sie seit Jahren mehrmals jährlich nach Österreich, um zu betteln. Gladik begleitete sie und ihre Familie während fast zwei Jahren: «BettlerInnen erzeugen Scham und machen Angst. Man will sie nicht sehen, weicht aus und hat alle möglichen Vorurteile. BettlerInnen sind die Unberührbaren unserer Gesellschaft. Mit dem Film wollte ich einen Menschen aus dieser Anonymität herausholen», so die Filmemacherin.
«Natasha» ist im Rahmen der Ausstellung «Die Schweiz ist keine Insel» zu sehen, in der auch Markus Imhoofs «Das Boot ist voll» (1981) gezeigt wird.
Silvia Süess

«Die Schweiz ist keine Insel» in: Zürich Rote Fabrik, Shedhalle, bis Ende Mai. «Natasha»: Fr, 12. April 2013, 
19 Uhr. www.shedhalle.ch

Festival

Basler Dokumentartage

Unter dem Titel «It’s the Real Thing» lädt die Kaserne Basel zum ersten Mal zu den «Basler Dokumentartagen» ein. Das Projekt des Regisseurs Boris Nikitin bringt eine Reihe von KünstlerInnen an den Rhein, die mit Grenzen zwischen dem Echten und dem Fiktionalen spielen.
Zu sehen sind während fünf Tagen Produktionen von KünstlerInnen aus der Theater- und Tanzszene, die für Aufsehen gesorgt haben: So tritt der Choreograf Jérôme Bel in «Pichet Klunchun and Myself» gemeinsam mit dem thailändischen Star des Khon-Tanzes, Pichet Klunchun, auf. Ohne viel voneinander zu wissen, entwickelten die beiden einen Dialog über den Tanz und das Choreografieren, über Religion und Tod, Eurozentrismus und Globalisierung.
In «Schubladen» der Berliner Gruppe She She Pop durchleben westsozialisierte Performerinnen und ihre ostsozialisierten Gegenspielerinnen noch einmal die deutsch-deutsche Wiedervereinigung. Rabih Mroué, einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler des Libanon, zeigt in «The Pixelated Revolution» Bilder von Menschen, die kurz vor ihrem Tod im syrischen Bürgerkrieg mit ihren Handykameras ihre Mörder aufgenommen haben.
Weitere Gäste: Milo Rau mit «Breiviks Erklärung», einer szenischen Lesung, basierend auf der Rede des Massenmörders Anders B. Breivik vor dem Osloer Amtsgericht, und die spanische Regisseurin Cuqui Jerez mit «The Rehearsal», einem hintersinnigen «Wirklichkeits-Verwirrspiel».
Das Festival wird ergänzt durch ein Symposium – mit TeilnehmerInnen wie dem Soziologen Dirk Baecker, Gregor Gysi und der Philosophin Stefanie Wenner.
Adrian Riklin

«It’s the Real Thing – Basler Dokumentartage» in: Basel Kaserne und Birsfelden Theater Roxy, Stadthaus, Mi–So, 17.—21. April 2013. Programm: 
www.itstherealthing.ch

Diskussion

Demokratie und Ökonomie

Was geschieht derzeit mit den Demokratien in Europa? Werden wir zwischen einer «katastrophenkapitalistischen Schockstrategie» (Naomi Klein) und «Postdemokratie» (Colin Crouch) zerrieben?
Ausgehend von Milton Friedmans These, wonach ein heftiger wirtschaftlicher Schock günstig sei, um neoliberale Massnahmen einzuführen, Sozialstaaten abzubauen und Privatisierungen voranzutreiben, haben die SchriftstellerInnen Isolde Schaad, Ruth Schweikert, Johanna Lier und Roland Merk eine weitere Runde im Rahmen ihrer Reihe «Demokratie – ein Kurs» lanciert. Als Gäste auf dem Podium diskutieren diesmal der Schriftsteller und Ökonom Rolf Niederhauser, die Philosophin und Präsidentin der Schweizer Demokratie-Stiftung, Suzann-Viola Renninger, der Ökonom und WOZ-Autor Gian Trepp, Peter Streckeisen, Soziologe und Beirat von Attac, sowie Daniel Vischer, Nationalrat der Grünen.
Die Diskussion wird gespiegelt und reflektiert durch literarische Interventionen von Schaad und Schweikert.
Adrian Riklin

«Demokratie Kurs 3: Demokratie & Ökonomie – zwischen Schockstrategie und Postdemokratie?» in: Zürich Theater Neumarkt, Mi, 17. April 2013, 20 Uhr. www.theaterneumarkt.ch

Wissenschaft live

Studien und Statistiken: Nichts erweckt bei den Menschen mehr Glaubwürdigkeit, als wenn die Wissenschaft «harte Fakten» liefert. Doch Vorsicht – schon in der ersten Statistikstunde an der Uni wird gelehrt: Eine Statistik lesen ist Interpretationssache. Dasselbe gilt für Studien: Sie liefern nicht einfach evidente Befunde, sondern werden interpretiert. Problematisch wird es dort, wo AkteurInnen im Forschungsbetrieb den Interpretationsspielraum für ihre eigenen Zwecke nutzen.
Der Journalist Roland Fischer, der sich auch in der WOZ immer wieder kritisch mit der Wissenschaft auseinandersetzt, macht gemeinsam mit dem Wirtschaftshistoriker Kaspar Staub und dem Epidemiologen Peter Jüni die Wissenschaft erlebbar: «Zu Wirkungen und Nebenwirkungen» heisst der Abend, an dem das Publikum zur Versuchsperson wird. Zwei Placebos werden gegeneinander antreten, und das Publikum entscheidet, welches der beiden wirkungslosen Präparate besser wirkt; nebenbei ist auch einiges über die «Tricks of the Trade» zu erfahren – und wie unabhängige Forschung diese Tricks zu durchschauen versucht.
Silvia Süess

«Zu Wirkungen und Nebenwirkungen. Wissenschaft erleben: eine Live-Studie» in: Bern Stadttheater, Mansarde, Do, 18. April 2013, 20 Uhr. www.livestudie.ch