Nr. 24/2013 vom 13.06.2013

«Ich wäre im Moment gern in Istanbul»

Sein Studium musste Ali Binay aufgeben, als er aus der Türkei floh. Heute versorgt er das St. Galler Partyvolk mit Speis und Trank. Die aktuellen Ereignisse in seinem Heimatland verfolgt er mit grossem Interesse.

Von Corinne Riedener (Text) und Urs Bucher (Foto)

Ali Binay: «Der soziale Zusammenhalt im ‹Kränzlin› ist mir wichtig. Er hilft gegen mein Heimweh.»

«Ich war immer ein Nachtvogel», sagt Ali Binay und lacht. «Bevor ich mit meinem jetzigen Job angefangen habe, war ich zehn Jahre lang Anlagenführer in einer Grossbäckerei. Immer in der Nachtschicht.» Seit zwei Jahren arbeitet er im «Kränzlin», einem kurdischen Restaurant im Zentrum von St. Gallen.

An diesem Freitag beginnt Binays Schicht kurz vor 22 Uhr. Es ist eine laue Sommernacht, weshalb die vorwiegend jungen Gäste alle in der überfüllten Gartenlounge sitzen. Einige geniessen die letzten Happen ihres Nachtessens, andere ernähren sich ausschliesslich flüssig und sind bereits in Partylaune. «Zweimal Kebab mit allem und zwei Gin Tonic», ruft ein junger Mann. «Vier Bier, bitte», tönt es aus der gegenüberliegenden Sofaecke. «So läuft das hier meistens am Wochenende», sagt Binay, während er die Bestellungen weiterleitet.

«Bei uns wird die ganze Nacht gegessen und getrunken. Vor allem zwischen zwei und vier Uhr morgens.» Einfach sei dieser Job nicht immer. Wo Alkohol fliesse, könne es schnell hitzig zu- und hergehen. «Gerangel und Schlägereien gehören in unserer Branche dazu. Aber damit muss man klarkommen. Einen kühlen Kopf bewahren und Ruhe in die Situation bringen.» Vor einigen Wochen habe ein Betrunkener im Restaurant eine Scheibe eingeschlagen, erzählt Binay. Am nächsten Morgen habe er sich jedoch reumütig entschuldigt. «Wir haben darum keine Anzeige erstattet.» Der alkoholbedingte sporadische Kontrollverlust seiner Gäste ist das Einzige, was dem 39-jährigen Serviceangestellten von Zeit zu Zeit Mühe bereitet, ansonsten mag er seine Arbeit. «Vor allem der soziale Zusammenhalt hier ist mir wichtig. Er hilft gegen mein Heimweh.»

Ein tolles Land

Ali Binay kam 1998 in die Schweiz. Aufgewachsen ist er in Erzincan, einer Stadt im Osten der Türkei. Dort studierte Binay Bibliothekswissenschaften. Beenden konnte er sein Studium allerdings nicht. Wie viele andere KurdInnen musste auch er seine Heimat aus politischen Gründen verlassen. «Ich war schon früh politisch aktiv und habe mich für die Rechte meines Volks eingesetzt. Beispielsweise im kurdischen Jugendklub. Und bei der PKK-Jugend.» Über seine Flucht will er keine Details verraten, nur dass er verschiedene Fortbewegungsmittel und Schleichwege benutzt hat. Er sei zwar allein gekommen, habe aber Hilfe gehabt. Legal ausreisen wäre auch gar nicht möglich gewesen. «Ich wurde staatlich überwacht, und mein Pass war blockiert, darum musste ich meine Spuren, so gut ich konnte, verwischen.»

Drei seiner Brüder leben mittlerweile ebenfalls in der Schweiz. Zwei wohnen in Zürich, mit dem dritten teilt er sich eine Wohnung in St. Gallen. Seine restliche Familie, darunter vier Schwestern, musste Binay zurücklassen. Ausser seiner Mutter, die ihn manchmal besucht, hat er seine Verwandten in der Türkei seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen. «Das ist hart. Ich vermisse sie.» Er sei hier zwar gut integriert, das Heimweh plage ihn aber trotzdem. Die Schweiz sei ein tolles Land – vor allem habe sie eine funktionierende Demokratie. Seit einiger Zeit überlegt er, sich einbürgern zu lassen. «Damit ich auch mitbestimmen kann. Ich habe ja kaum eine Wahl. Weil mir in der Türkei Gefängnis droht, kann ich bis heute nicht zurück.»

Kein «richtiger» Diktator

Zurück. Das würde Ali Binay eigentlich gerne, vor allem jetzt. Um den Protesten beizuwohnen. «Ich habe Kontakt mit einigen Bekannten aus Istanbul», sagt er und wirft einen Blick auf die Gartenterrasse. Jetzt, kurz vor 3 Uhr morgens, sitzt nur noch eine Handvoll Gäste draussen beim vorgezogenen Katerfrühstück. «Es heisst, dass die Stimmung auf dem Taksimplatz sehr positiv war und dass ein Gemeinschaftsgefühl herrschte. Alle möglichen Gruppierungen haben zusammengespannt, sogar verfeindete Fussballfans.» Die Situation in der Türkei sei aber nicht mit jener in Ägypten vor zwei Jahren zu vergleichen. «Erdogan ist ja kein ‹richtiger› Diktator, wie Mubarak einer war», findet Binay. «Aber wenn er nicht auf die Wünsche des Volks eingeht, könnte das der Anfang von seinem Ende sein.»

Binay betont, dass er kein Problem mit dem Islam habe, bezeichnet sich aber selbst als Atheist. «Glauben ist Privatsache», sagt er. «Dieses Islambild, das Erdogan propagiert, passt nicht zu Anatolien. Ich hoffe auf eine echte Demokratie für die Türkei.» Binay träumt von einer Demokratie nach dem Vorbild der Schweiz. Eine, in der nicht die meisten Zeitungen dem Sohn des Regierungschefs gehören. «Damit ich mir die Informationen nicht ständig über Twitter und Facebook besorgen muss.»

Nach Feierabend steht er auf der Terrasse, bläst Zigarettenrauch zum Sternenhimmel. «Schade, dass ich die Entwicklungen in meiner Heimat von hier aus mitverfolgen muss», meint er. «Ich wäre gerne dabei. Diese Proteste sind wichtig, denn die Türkei ist atemberaubend und könnte ein echtes Powerland sein.» Da ist es wieder, das Heimweh.

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