Nr. 36/2013 vom 05.09.2013

Von Karin Hoffsten

Verendete

Und wieder erkennen wir den Trend zur eleganten Endung, dem anscheinend vor allem der «Tages-Anzeiger» huldigt: Dort hiess es über Michael Jacksons Tochter: «Die 15-Jährige hatte (…) eine grosse Mengen Schmerzmittel geschluckt.» Und Hugo Stamm berichtete in der gleichen Zeitung über eine Publikation zum Thema «Sekten»: «Die Hunderten esoterischen Grüppchen und Zentren bezeichnet er als Mini-Sekten, die in einer hermetisch abgeriegelten Wirklichkeitsblase lebten.» Wobei der Satz rein inhaltlich Lust auf mehr macht.

Verendete II

Auch die der russischen Opernsängerin Anna Netrebko in den Mund gelegte Formulierung – «Ich treffen mich mit meinen Freundinnen» – hat der «Tages-Anzeiger» selbst erschaffen, denn im Original («Die Bunte») spricht Frau Netrebko korrekt. Vielleicht sollte sich das «Tagi»-Korrektorat ihren Tipp zu Herzen nehmen: «Ich stelle eine Flasche Wodka auf den Tisch. Trinken, reden, weinen, Probleme auf den Tisch. Gleich fühlst du dich besser.»

Gefällte

Weil wir uns immer und überall schützend vor den Akkusativ stellen, müssen wir leider auch folgenden Fall aus dem «Tages-Anzeiger» aufgreifen: «Ein – wenn auch schwacher – Lichtblick in der ganzen Problematik häuslicher Gewalt gibt es (…).» Zum Glück können wir dem geschwächten Fall eine Kompensation aus der «Schweizer Illustrierten» anbieten: «Ein Vorwurf beschäftigt sie besonders: den des Rassismus.» Der Nominativ wirds verkraften.

Historische

Über die Hauptfigur in einem Film wusste der «Züri-Tipp», dass diese einiges «mit dem griechischen Philosophen Diogenes verbindet, der in einem Schlaf zu nächtigen pflegte». WOZ-Leser M. fragte sich nach der Bedeutung dessen: Endlich nachts ohne Unterbrechung durchschlafen können? Was im alten Athen sicher einfacher war als in unserer Zeit. Vielleicht habe es aber auch «mit einem Schaf nächtigen» heissen sollen. Bis heute also bleibt der Philosoph ein grosser Unbekannter.

Botanische

Offenbar gilt das Gleiche in unserem Fall für die Mangrove, die wir in der letzten WOZ so beschrieben: «eher unscheinbar, eher klein, mit dicken ledernen Blättern und Luftwurzeln». Das veranlasste Leser S. «mit linnéschem Gruss» zum Hinweis, dass ein Mangrovenbaum auch völlig anders aussehen könne. «Mangrove» sei keine botanische Artbezeichnung, «sondern der Fachbegriff für besondere Küsten-Ökosysteme. Deren Grundlage bilden Bäume und Sträucher, die in Brack- und Salzwasser gedeihen, grosse Wasserstandsschwankungen überstehen und Brandungskräften trotzen können», wozu etwa ein Dutzend Pflanzenfamilien gehörten. Wir danken aufrichtig für die Aufklärung!

Platzierte

Auf «20 Minuten Online» kündigte die Migros ihre aktuelle Aktion «Minimania» an, die sicher wieder alle Elternherzen höherschlagen lassen wird, auch «der Marketingexperte ist begeistert». Uns haben besonders die «Videos zum Thema» angesprochen: «Millionen falsche Bio-Eier verkauft», «Teenager erschiesst fünf Menschen» und «Blutiger Sonntag im Irak».

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