Nr. 41/2013 vom 10.10.2013

Von Jürg Fischer und Karin HoffstenMail an AutorIn

Herrenlose

Eines der wirkungsvollsten Schimpfwörter ist «selbst ernannt». Wer es verpasst kriegt, dem wird die Legitimation streitig gemacht: Er oder sie gibt sich als etwas aus, was er oder sie nicht ist. Doch passt es in jedem Fall? Die NZZ schrieb: «Eine kleine Gruppe selbsternannter Anarchisten lieferte sich Scharmützel mit der Polizei, die Tränengas einsetzte.» Hat man schon einmal andere gesehen? «Sacco, Vanzetti, hiermit ernenne ich euch zu Anarchisten auf Lebenszeit.»

Funebre

«Von Einheit weit entfernt. Die Feierleichkeiten waren überschattet von Ausschreitungen.» Auch das entnehmen wir der NZZ. Ein Buchstabe zu viel, und schon fallen Ursache und Wirkung zusammen.

Fiese

Und noch einer zu viel, diesmal im «Tages-Anzeiger»: «Ins MCG passt Poggia nicht, weil sein ausgeglichenes Gemüt mit dem austeilenden, polternden Stil der Bürgerbewegung nichts gemeint hat.» War das so gemeint? Dann hats Poggia nicht so gemeint, aber jetzt merkt er es dann umso brutaler: So gemein!

Unrealistische

«In den vergangenen Jahren hat sich Knox ein neues Image zugelegt. ‹Engel mit Eisaugen› wurde sie während der letzten Prozesse genannt, als Femme fatale und sexbesessene Studentin beschrieben. Heute zelebriert sich die 26-Jährige als reflektiertes, unschuldig verurteiltes Opfer. Sie schrieb ein Buch, verfasste einen fiktiven Brief an die Eltern von Kercher, den sie wiederum nie abschickte» («Tages-Anzeiger»). Denn die Post wäre eh an ihre Grenzen gestossen: «Prioritaire bitte, hier ist ein fiktiver Franken.»

Übergrosse

«Alle Umfragen zeigen, dass die Tochter von Parteigründer Jean-Marie Le Pen beständig wächst in der Gunst der Franzosen», meldet ebenfalls der «Tages-Anzeiger». In der Gunst, wo bisher nur gestanden, gestiegen der gesunken wurde, findet nun also auch Wachstum statt. In Marine Le Pens Fall findet man bei der Vorstellung Trost, es verhalte sich bei ihr wie mit dem Michelin-Männchen: Wenn es zu sehr aufgeblasen ist, platzt es.

Geschwätzige

Halbseitig warb die «Weltwoche» letzte Woche für «Roger gegen Roger on Tour» auf Radio 1, also Schawinski, gegen Köppel. Und welches Zitat aus dem darüber abgedruckten Artikel wurde grafisch hervorgehoben? «Viele Frauen langweilen sich zu Tode, wenn Männer sich in den Boden reden.» Eigentor! Dem Vernehmen nach sind für die nächste Sendung noch Plätze frei.

Gefüllte

Unter «Bern/Region» meldete die Berner Ausgabe von «20 Minuten» kürzlich auf Seite 5, das Skigebiet Flims/Laax biete jetzt auf sämtlichen Pisten Gratis-WLAN an, Bern leider noch nicht. Auf Seite 9 lasen wir dann unter «Schweiz», dass das Skigebiet Flims/Laax jetzt auf allen Pisten Gratis-WLAN anbiete. Illustriert waren beide Beiträge mit demselben Bild samt identischer Legende: «Warteschlangen vor den Skilifts können verhindert werden.» Der Horror Vacui in Redaktionsräumen zum Glück meistens auch.

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