Nr. 42/2013 vom 17.10.2013

Sex, Crime oder doch eher verwackelte Konzerte?

Handyfilme dienen als Medien des Selbstausdrucks und der Selbstdokumentation – da ist es auch egal, wenn Konzertaufnahmen per Smartphone miserabel ausfallen.

Von Christian Ritter, Ute Holfelder und Thomas Hengartner

Im Juni 2005 berichtete das TV-Nachrichtenmagazin «10 vor 10» vom «ersten Schweizer ‹Happy Slapping›-Fall»: Am Bahnhof von Winterthur schlugen vier Jugendliche einen Velofahrer brutal zusammen und filmten die Tat mit einer Handykamera. Moderator Stephan Klapproth bezeichnete dieses aus englischen Städten aufs europäische Festland wandernde Phänomen als «brutal-absurde Perversion» – und nahm damit die Richtung vorweg, in die sich die öffentliche Diskussion zum Thema «Handyfilme» bis heute bewegt. Während die Presse wiederkehrend von Straftaten berichtete, bei denen jugendliche Täter physische, psychische oder sexuelle Übergriffe mit dem Handy dokumentierten, wurden Handyfilme zugleich zu einem wichtigen Thema in der Medienpädagogik.

Die Omnipräsenz des Technischen

Acht Jahre später sind Handys mit integrierter Kamera in der Schweiz praktisch flächendeckend verbreitet. Zeit also, die Assoziation der mittlerweile gar nicht mehr so neuen Medientechnik mit «Sex and Crime» kritisch infrage zu stellen: So besagt die 2012 von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften durchgeführte Studie zur Mediennutzung von Schweizer Jugendlichen, dass nur ein kleiner Teil von HandynutzerInnen Bilder und Filme mit sogenannten problematischen Inhalten (gemeint sind Schlägereien oder sexuelle Handlungen) produziert und verschickt.

Zu einem ähnlichen Befund kommt auch ein derzeit an der Universität Zürich und an der Zürcher Hochschule der Künste durchgeführtes Forschungsprojekt, das die Bedeutung von Handyfilmen im Alltag von Jugendlichen untersucht: Filme von oder gar für Filme angezettelte Schlägereien seien out, sagen Jugendliche im Interview, und auch sexuelle Inhalte würden auf dem Handy eigentlich nur dann konsumiert, wenn innerhalb des Gruppenchats auf Whatsapp-Gruppen besonders komische oder schräge Filme kursierten. Die Medien, so der Tenor bei den Jugendlichen, würden eben immer alles verallgemeinern und «ein bisschen schlimm» darstellen.

Dass die Einführung neuer Medientechniken von gesellschaftlichen Ressentiments begleitet wird, ist nichts Neues: In den Anfängen von Buchdruck und Telefon, von Fernsehen wie von Internet prognostizierten FortschrittsoptimistInnen neue Freiheiten und Horizonterweiterungen, während KulturpessimistInnen Fantasie und Individualität verkümmern sahen. Es ist darum wenig überraschend, dass sich das Unbehagen gegenüber der vom Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger diagnostizierten «unauffälligen Omnipräsenz des Technischen» im Alltag an Ereignissen artikuliert, wo die soziale Einbettung der Technik als negative Erfahrungen sicht- und hörbar wird – in den seltenen, aber bedeutsamen Bildern der Ohnmacht und der Gewalt.

Der Charme des Flüchtigen

Die Ergebnisse des erwähnten Forschungsprojekts der Universität Zürich zeigen jedoch, dass das Filmen mit dem Handy längst seinen Weg in den Medienalltag (nicht nur) von Jugendlichen gefunden und sich als unauffällige, oft auch unspektakuläre Möglichkeit des Selbstausdrucks und der Selbstdokumentation etabliert hat. Weil Smartphones mit integrierter Kamera heute stets verfügbar sind, kann beinahe jeder als «besonders» erachtete Moment im Alltag gefilmt werden – auch wenn dessen Wert für Aussenstehende nicht immer nachvollziehbar ist. Kameraaufnahmen sind nicht mehr an traditionelle Anlässe und Orte wie Familienfeste, Ausflüge oder Feierlichkeiten gebunden, zu deren Dokumentation früher fotografische Ausrüstung extra mitgeführt werden musste. Gefilmt wird in Innenräumen und im Freien, aber auch in Transiträumen wie der S-Bahn, im Schulflur, im Wohnzimmer, beim Friseur, im Club und wiederum ganz klassisch in den Ferien. Dafür werden oft «Minidramaturgien» für die Handykamera inszeniert, deren Präsenz zur Erkundung des Selbst einlädt.

Massenhaft sind die Handykameras bei Popkonzerten im Einsatz. Die hochgehaltenen Smartphones sind heute aus einem Livekonzert fast nicht mehr wegzudenken. Und das, obwohl KonzertbesucherInnen unisono erklären, ihre Mitschnitte seien miserabel, sowohl bezüglich der Bild- als auch der Tonqualität. Für sie steht im Vordergrund, die «spezielle Atmosphäre» eines Konzerts einzufangen, das Lieblingslied festzuhalten sowie besondere Showeffekte zu dokumentieren. Dafür bietet die Filmkamera nun eine neue Technologie an, die so rege genutzt wird, dass KünstlerInnen sich schon Gedanken über ein Filmverbot bei ihren Auftritten machen.

Interviewt man KonzertbesucherInnen zu ihren Gründen, an Konzerten zu filmen, so hört man in der Regel als Erstes, sie filmten, um sich später an den Event zu erinnern. Fragt man aber genauer nach, dann bekommt man Antworten wie die eines jungen Mannes: «Ich filme meistens, schaue es dann einen oder zwei Tage später noch mal an und denke, wow, das war megacool, und zeigs den Kollegen. Oder lade es auf Facebook. Und nachher verstaubt es.» Solche Aussagen lassen vermuten, dass die Konzertfilme eine kurze Halbwertszeit haben und man in erster Linie zeitnah dokumentieren will. Man ist «dabei gewesen» und verschafft sich innerhalb einer Gemeinschaft einen Status. Die Aufnahme dient dabei als Materialisierung der Sinnlichkeit der aussergewöhnlichen Konzertatmosphäre und überwindet, ähnlich wie ein Autogramm, die Distanz zum bewunderten Star und stellt so eine fiktive Nähe her. Seine materialisierte Spur kann in Bild und Ton quasi in der Hosentasche mitgeführt werden.

Ersatz fürs Feuerzeug

Ein Verbot bei Konzerten wäre für viele Fans eine Beschneidung. Die hochgestreckten Arme mit den bunt leuchtenden Displays – so wird behauptet – ersetzen heute das Feuerzeug. Sie machen die Konzertatmosphäre erst aus. Mit der Handykamera wird nicht nur ein Ambiente festgehalten und dokumentiert, es wird damit hergestellt und inszeniert. Exemplarisch veranschaulichen die Konzertfilme, dass Handyfilme die vielfältigen Möglichkeiten der Technik und des Mediums in den meisten Fällen nicht destruktiv, sondern kreativ für die Konstruktion von Identität, zur Narration und Formung des Alltags nutzen. So werden sie zu Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse und dienen der Herstellung und der Pflege von sozialen Beziehungen.