Kultour :

Nr.  46 –

Ausstellung

Auf dem Holzweg

Hermann Blumer, der am 20. November seinen 70. Geburtstag feiert, ist schwer zu fassen. Ist er nun Erfinder, Künstler, Berater, Mentor, Koordinator oder gar alles zusammen? Was sicher ist: Alles dreht sich bei ihm ums Holz, und das seit über fünfzig Jahren. Mit der Ausstellung «Leidenschaftlich auf dem Holzweg. Hermann Blumer erfindet Holz in Waldstatt» wird nun in Teufen sein Lebenswerk geehrt. Blumers Werdegang wird mit zahlreichen Fotos und Plänen aus seinem Privatarchiv dokumentiert. Technische Erfindungen, die im Holzbau in aller Welt Spuren hinterlassen haben, lassen sich so nachvollziehen. So stand Blumer dem renommierten japanischen Architekten Shigeru Ban, der den neuen Erweiterungsbau des «Tages-Anzeigers» in Zürich entworfen hat, als Berater für weit gespannte Holzkonstruktionen zur Seite. Exemplarische ältere Arbeiten werden mit Plänen, Skizzen, Modellen und Fotos dargestellt. Das in den siebziger Jahren entworfene Eisstadion von Davos ist nicht über das Modell herausgekommen. Katalin Deér und Roland Bernath haben für die Ausstellung fotografiert, und eine ganze Reihe von KünstlerInnen, darunter Gabriela Brühweiler und Pascal Lampert, zeigen «eingeholzte Objekte». Sie lassen so das Zeughaus Teufen zum Zeighaus werden.

Parallel zur Ausstellung erscheint im Appenzeller Verlag das Buch «Holz kann die Welt verändern» von Ralph Brühweiler, das unter anderem auch darstellt, wie Blumer dem Werkstoff Holz zu neuem Wachstum verholfen hat.

«Leidenschaftlich auf dem Holzweg» in: Teufen Zeughaus, So, 17. November 2013, 14 Uhr, Vernissage. Mi–Sa, 14–17 Uhr; Do, 14–19 Uhr; So, 12–17 Uhr. Bis 8. März 2014. www.zeughausteufen.ch

Fredi Bosshard

Klosterfrauenverbot

Hat jetzt auch eine Klosterfrau zu gewärtigen, verhaftet zu werden, wenn sie in das Tessin reist? Schleier und Verhüllungen sind ja nicht nur dem Islam vorbehalten. Mit dem Burkaverbot allerdings sind die bislang eher kulturell ausgetragenen Geplänkel um Kleidungen und Entkleidungen politisch geworden. Den einen gilt die Burka als patriarchal verordnete Verleugnung der Frau, den anderen als selbstbestimmter Entscheid zugunsten öffentlicher Dezenz. Die westliche Öffentlichkeit aber gerät ins Heucheln: Wenn sich die einen nicht verschleiern dürfen, obwohl sie es möchten, wollen sich andere enthüllen, zum Beispiel im Fernsehen, obwohl wir sie so gar nicht sehen möchten. Der Skandal ist die Kehrseite des Verbots.

Solche Fragen thematisiert eine Ausstellung in der Pädagogischen Hochschule Zürich. Sie wurde ursprünglich in Neuenburg konzipiert und zeigt die Geschichte des Schleiers und der Entschleierung in sieben Kapiteln.

Zur Ausstellung gibt es ein Rahmenprogramm, in dem unter anderem die deutsche Kulturhistorikerin Christina von Braun auftritt und der Film «Virgin Tales» von Mirjam von Arx gezeigt wird; ferner wird an zwei Abenden über das Kopftuch in der Schule beziehungsweise religiöse Kleidung generell diskutiert.

«Schleier und Entschleierung» in: Zürich Pädagogische Hochschule, Di, 19. November 2013, 
18.30 Uhr, Vernissage. Mo–Fr, 7–22 Uhr; 
Sa, 7–17 Uhr. Bis 14. Dezember 2013.
 www.phzh.ch/schleier

Stefan Howald

Lachende Würste

In den dreissiger Jahren eroberten zunehmend Markenartikel die Regale der Lebensmittelgeschäfte und Dorfläden. Sie verdrängten die anonyme Stapelware. 1945, nach Kriegsende, folgten die ersten Selbstbedienungsläden. Die KundInnen mussten sich selbst über Produkte informieren. Damit sie dabei die Orientierung nicht verloren, wurde mit Werbung etwas nachgeholfen.

Der französische humoristische Zeichner Marius Rossillon alias O’Galop entwarf mit Bibendum bereits 1898 eine Figur, die menschenähnliche Züge aufwies und für Autopneus warb. Jahre später verlor Bibendum seinen Namen und wurde als Michelin-Männchen weltbekannt. Die Idee der «beseelten Produkte» wurde in den dreissiger Jahren wieder aufgenommen, und Bibendum feierte in vielerlei Gestalt Auferstehung. Als roter Wollstrang warb ein Torwart für Schaffhauser Wolle. Er angelte sich mit Schiebermütze auf dem Kopf den Ball, der ein Wollknäuel war.

Der bekannte Grafiker Herbert Leupin schuf 1949 die lachende Wurst, die auf die Produkte der Metzgerei Ruff aufmerksam machte. Ein abenteuerliches Teigwarenmännchen balancierte einen dampfenden Teller Spaghetti für die Firma Wenger, und das Akkordeon spielende Blasenmännchen machte auf Persil aufmerksam: «die strahlende Symphonie moderner Wäschepflege». Die Vermenschlichung der beworbenen Produkte hatte zwischen 1930 und 1950 ihre beste Zeit. Sie entführte in eine kindliche Welt, liess Märchen und Fabeln anklingen und geriet dann Ende der fünfziger Jahre wieder ausser Mode.

«Lachende Würste, fussballspielende Wollknäuel» in: Zürich Schweizer Nationalbank, Schaufenster an der Fraumünsterstrasse/Stadthausquai, 
Eröffnung Mi, 13. November 2013, 17.30 Uhr, 
Bis 10. März 2014.

Fredi Bosshard

Vintage

«I wear your granddad’s clothes, I look incredible» (Ich trage die Kleider deines Grossvaters, ich sehe unglaublich aus), rappt der US-amerikanische Musiker Macklemore in «Thrift Shop», was eine Art Brockenhaus bezeichnet. Der Erfolg dieses Lieds hat deutlich gezeigt, dass der Trend des Alten und Gebrauchten inzwischen im Mainstream angekommen ist. Es gilt als modisch, die alten Lederschuhe des Grossvaters oder eine Sonnenbrille aus den siebziger Jahren zu tragen. Secondhandläden wählen ihre Produkte heute sorgfältiger aus und präsentieren sie ansprechend. Die etwas verstaubten Wühlgeschäfte sind edlen Boutiquen gewichen.

Das Wort «Vintage» stammt ebenfalls aus dem Englischen und steht für «alt» oder «erlesen». Es ist eine Mode der jüngeren Generation, die sich dem Konsumwahn der letzten Jahrzehnte entgegensetzt. Gleichzeitig nutzen ihn Mode- und MöbelherstellerInnen, indem sie ihren Produkten den Anschein eines gebrauchten Gegenstands geben. Das Museum für Gestaltung in Zürich greift diesen Trend mit der Ausstellung «Vintage. Design mit bewegter Vergangenheit» auf. Ausgestellt werden Möbel und Kleider, die den Wunsch nach Gegenständen aus der Vergangenheit und den Reiz des Gebrauchten ausstrahlen. Am Beispiel der mit Sandstrahlern bearbeiteten Jeans betont die Ausstellung aber auch die Ambivalenz des Vintage-Trends und hinterfragt unsere Sehnsucht nach natürlich und künstlich gealterten Objekten.

«Vintage. Design mit bewegter Vergangenheit» in: Zürich Museum für Gestaltung, Vernissage 
Mi, 12. November, 19 Uhr. Bis 6. April 2014. 
www.museum-gestaltung.ch

Anina Ritscher

Festival

Lateinamerikanischer Film

Von Nicaragua über Kolumbien bis nach Argentinien reicht das Angebot des diesjährigen Pantalla-Latina-Festivals, wobei «Pantalla» für Leinwand steht. Zum fünften Mal feiert das Festival in St. Gallen den lateinamerikanischen Film und bietet bekannten und weniger bekannten FilmemacherInnen eine Plattform.

«Princesas rojas» spielt in den achtziger Jahren in Nicaragua und erzählt die Geschichte der elfjährigen Claudia. Ihre Eltern sind sandinistische AktivistInnen, und die Familie flüchtet während der Revolution nach Costa Rica. Von dort unterstützen sie die RevolutionärInnen aber weiterhin. Der Film zeigt die nicaraguanische Revolution durch die Augen eines Mädchens, das mit einer harten politischen Realität konfrontiert wird.

Im Dokumentarfilm «Piel marcada. El rastro de las maras» («Die Gewalt unter der Haut») reisen die RegisseurInnen Christian Wyss und Franziska Engelhardt auf den Spuren der kriminellen Maras-Jugendbanden (siehe WOZ Nr. 32/13 ) durch Guatemala, Honduras und El Salvador. Auf Patrouille mit der Polizei und in Gesprächen mit Mitgliedern der Maras im Gefängnis wollen sie herausfinden, wer diese jungen Leute sind und was sie dazu getrieben hat, einer Bande beizutreten. Der Film gewährt einen seltenen Einblick in die Lebensumstände der Mareros und ihrer Umgebung.

Ebenso vielfältig wie die Langspielfilme sind auch die diversen Kurzfilme, die am Festival gezeigt werden. «La hora señalada» etwa handelt vom kleinen Schuljungen Figuero, der sich um Punkt zwölf Uhr Mittags mit dem grössten und stärksten seiner Schulkameraden prügeln soll, nachdem er ihn auf dem Spielplatz versehentlich geschubst hat.

Im Animationsfilm «Zombierama» wird Buenos Aires von einer Zombieplage heimgesucht, und das am 24. März 1976, dem Tag, an dem die argentinische Militärdiktatur ihren Anfang nimmt.

Filmfestival Pantalla Latina in: St. Gallen Kino Storchen, Mi–So, 20.–24. November 2013. 
www.pantallalatina.ch

Anina Ritscher

Tage für Neue Musik

Eine riesige Musikperformance eröffnet die Zürcher Tage für Neue Musik, die dieses Jahr vom Komponisten und Cellisten Moritz Müllenbach kuratiert werden. Im Seebecken beim Bürkliplatz versammeln sich vierzehn Schiffe, die über eine lautstarke Sammlung von Hörnern und Sirenen verfügen. Auf einem Schiff spielt Ted Miltons legendäre Band Blurt, auf einem anderen die Brassband Mönchhof, und die Brassband Zürich lässt sich vom Ufer aus vernehmen. Alvin Lucier, der US-amerikanische Komponist und Poet der elektronischen Musik, steuert diese Uraufführung seiner «Maritime Rites Zürich» vom Keyboard aus.

Das nomadisierende Festival spielt dieses Jahr mit den Gegensätzen der alten europäischen und der neuen US-amerikanischen Welt. Neben der Tonhalle werden auch die Räume der Roten Fabrik, das Theater Rigiblick sowie der Kunstraum Walcheturm bespielt. Besonders reizvoll dürfte es werden, wenn Benjamin Kobler auf dem Chromelodeon die «Yankee Doodle Fantasy» von Harry Partch spielt. Der Komponist hat für seine mikrotonalen Systeme, die in andere Klangwelten entführen, auch gleich die passenden Instrumente erfunden. Die musikalische Reise der Tage für Neue Musik führt von den WegbereiterInnen der US-amerikanischen Moderne wie Charles Ives zum aktuellen Schaffen von Clint Haycraft, Katharina Rosenberger, Sam Pluta, David Dramm, Virgil Moorefield und anderen.

Tage für Neue Musik in: Zürich Seebecken, Tonhalle, Rote Fabrik, Theater Rigiblick, 
Kunsthaus Walcheturm, Do–So, 14.–17. November 2013. 
www.tfnm.ch

Fredi Bosshard

Pink Panorama

«Was heisst LGBT?», fragte kürzlich ein Kollege in der Redaktionssitzung. Zwar wurde diese Abkürzung in den USA bereits in den neunziger Jahren kreiert, doch hier in der Schweiz ist sie erst seit ein paar Jahren verbreitet und noch immer vielen Menschen nicht geläufig. LGBT steht für Lesbian, Gay, Bisexual und Trans.

Das «T» steht am diesjährigen Pink Panorama im Zentrum. Die 12. Ausgabe des lesbisch-schwulen Filmfestivals präsentiert einen Schwerpunkt mit Filmen von, mit und über Transmenschen. Zu sehen ist unter anderen der erste iranische Spielfilm mit einem Transmenschen in der Hauptrolle: «Facing Mirrors» von Negar Azarbayjani befasst sich mit der Situation zweier völlig unterschiedlicher Frauen, die aus entgegengesetzten sozialen und religiösen Welten kommen. «Melting Away» von Doron Eran erzählt eine Familiengeschichte aus Israel, in der der verstossene Sohn als Krankenpflegerin des todkranken Vaters zurückkehrt. Ebenfalls um einen schwerkranken Vater und um eine Rückkehr eines erwachsen gewordenen Kindes geht es in «Fliehkraft» des deutschen Regisseurs Benjamin Teske. Die Transsexuelle Leonie kehrt als Mann in die Welt ihrer Kindheit zurück, um Frieden mit ihrem Vater zu schliessen.

Neben weiteren Filmprojektionen gibt es auch Podiumsgespräche, unter anderem zum Thema «Transgender» unter dem Titel: «In meinem Kopf bin ich mich».

Filmfestival Pink Panorama in: 
Luzern Stattkino, Do–Mo, 14.–18. November 2013. 
www.pinkpanorama.ch

Silvia Süess

Film

Valzeina – «Life in Paradise»

Seit 2007 betreibt der Kanton Graubünden im 140-Seelen-Dorf Valzeina im Prättigau ein Asylausreisezentrum. Ganz oben am Hang leben dort abgewiesene AsylbewerberInnen in einem Vakuum zwischen verweigerter Aufnahme und drohender Ausschaffung im alten Ferienheim Flüeli. Die WOZ hat in den letzten Jahren immer wieder über Valzeina berichtet, über die Solidaritätsbewegung im Dorf und die Skrupellosigkeit der Bündner Behörden.

Nun hat der Filmemacher Roman Vital aus Arosa einen Dokumentarfilm über Valzeina und sein Flüchtlingsheim gedreht. «Life in Paradise» heisst er und stellt tatsächlich paradiesisch anmutende Landschaftsbilder eindringlichen Gesprächen mit Einheimischen, Behörden und Asylsuchenden gegenüber. Vital zeigt die Wut, die Trauer und die Ratlosigkeit in der Solidaritätsgruppe Miteinander Valzeina, als eine Flüchtlingsfamilie ohne Vorankündigung im «Flüeli» abgeholt und in ein Ausschaffungsgefängnis gesteckt wird. Er redet mit den DorfbewohnerInnen über die praktischen Auswirkungen der Asylpolitik vor der eigenen Haustür, schaut dem Zentrumsleiter über die Schulter, wenn er einem «Flüeli»-Bewohner die Hausregeln darlegt, und hört den Asylsuchenden zu, wenn sie den Staat analysieren, der nicht ihr Gastland sein will. Auffällig dabei: Mit den Einheimischen redet Vital direkt, die Fremden beobachtet er beim Miteinander-Sprechen.

«Life in Paradise» in: Zürich Kino Xenix, 
So, 17., 24. November 2013, 12 Uhr; 
Davos Kino Arkaden, So, 1. Dezember 2013, 18 Uhr, 
Mi, 4. Dezember 2013, 20.30 Uhr; Liestal Kino Sputnik, So, 8. Dezember 2013, 11 Uhr.

Dominik Gross

Theater

Die unsichtbare Stadt

Die Stadt Zürich, die offene Stadt, die unsichtbare Stadt, die Stadt, die es so noch nicht gibt: Die Stadt als Summe aller Erlebnisse und aller Menschen, die sie betreten, wird diese Saison gleich von zwei Theatern thematisiert.

Das Theater Neumarkt widmet das erste Drittel seines Programms dem Thema mit der Plattform «Offene Stadt». In der Serie «Arrivals» wird die Stadt als Ankunftsort dargestellt, und das Stück «Hundeherz», nach der Erzählung von Michail Bulgakow, dreht sich um eine Figur am Rand der städtischen Gesellschaft.

Die Gessnerallee rückt die Stadt Zürich als Lebens- und Erlebnisraum in den Fokus. Bis zum 15. Dezember 2013 verwandelt das «sozial-artistische Stadtlabor zURBS» die Bühne unter dem Namen «invisible Zürichs» in ein Stadtreisebüro. Neben Lesungen und Darbietungen veranstaltet das Kollektiv jeden Samstag einen sogenannten «Walkshop». Die TeilnehmerInnen wandeln jeweils durch einen Stadtteil. Die Idee ist inspiriert vom Text «Die unsichtbaren Städte» von Italo Calvino. In Zürich, so die Annahme, liegen viele «unsichtbare Zürichs» verborgen, die erkundet und belebt werden wollen. Es werden spontane Tanzvorführungen veranstaltet und Fremde auf der Strasse in Gespräche verwickelt. Von den «Walkshops» bleiben Fundstücke, Ideen und Bilder übrig, die in einem Stadtarchiv in der Gessnerallee ausgestellt werden. InteressentInnen können sich für einen der «Walkshops» anmelden.

«Offene Stadt» in: Zürich Theater Neumarkt, 
bis Ende Dezember.
«invisible Zürichs» in: Zürich Gessnerallee, 
bis zum 14. Dezember 2013, «Walkshop» jeden Samstag, Teilnahme gratis, Anmeldung via E-Mail 
(tickets@gessnerallee.ch). www.invisible-zurichs.ch

Anina Ritscher