Nr. 49/2013 vom 05.12.2013

Bitte, Big Brother, beschütz mich!

Immer mehr Videokameras werden in der Öffentlichkeit installiert. Sind wir auf dem Weg in den totalen Überwachungsstaat – oder steigert eine flächendeckende Videoüberwachung auch die Sicherheit im öffentlichen Raum?

Von Karin Hoffsten

«Gegen den Kopf» hiess ein Berliner TV-«Tatort», der nicht nur im Titel auf einen vor wenigen Jahren real geschehenen Totschlag in einem Münchner S-Bahnhof anspielte. Im Fernsehkrimi mischt sich ein Mann ein, als zwei Jugendliche in der U-Bahn jemanden belästigen; als der Mann aussteigt, prügeln ihn die beiden auf dem Bahnsteig zu Tode. Der Film entwickelt einen packenden Sog, bis die minutiöse Analyse der Videoaufnahmen vom U-Bahn-Perron schliesslich zur Verhaftung der Täter führt. So erfahren die Angehörigen, das Ermittlungsteam und das TV-Publikum zwar eine gewisse Genugtuung, doch dem Opfer hilft das nichts mehr. Der Mann bleibt tot.

Durch seine Realitätsnähe löste der Film bei mir die Frage aus: Sind Videokameras im öffentlichen Raum wirklich nur ein Angriff auf unsere Privatsphäre und Persönlichkeitsrechte, oder schaffen sie nicht doch auch mehr Sicherheit? Denn das ungute Gefühl in der Nacht in einem leeren Zug, an einsamen städtischen Orten oder dort, wo ein Konflikt zu eskalieren droht, kennen nicht nur Frauen.

Eine Firma für Objektsicherheit schreibt auf ihrer Website: «Videoüberwachung (…) schreckt potentielle Täter ab und trägt so zum präventiven Schutz von Personen und Sachwerten bei. Kommt es dennoch zu einem Vorfall, behalten Sie die Kontrolle und können Täter per Bildbeweis eindeutig identifizieren und überführen.» Wohl dem, der nach «einem Vorfall» dazu noch in der Lage ist!

Schlüssel zwischen den Fingern

Eine nicht repräsentative Umfrage unter Freundinnen ergibt: Keine fürchtet sich dort, wo nachts Menschen unterwegs sind, jede geht auch morgens um vier noch unbekümmert durch die Zürcher Langstrasse. Aber keine durchquert nachts allein einen Park, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Dieses Verhalten wurde mir schon als jungem Mädchen beigebracht, weshalb ich, wie von meiner Mutter empfohlen, auf dem Heimweg durchs dunkle, aber unumgängliche Kirchenpfädchen meine Schlüssel immer zwischen gespreizten Fingern eingeklemmt hielt – deutsche Schlüssel enden gezackt –, was immerhin zeigt, dass ich mich einem Angreifer nicht kampflos ergeben hätte.

Das ist jetzt lange her, und in Parks hängen noch immer keine Überwachungskameras. Doch das Problem scheint unvermindert aktuell, denn die Universität Zürich empfiehlt Studierenden, die sich auf dem Gebiet ihrer Enklave beim Zürcher Irchelpark aufhalten: «Sicher durch den Irchelpark – so können Sie sich selbst zusätzlich schützen: Benutzen Sie die beleuchteten, offiziellen Verbindungswege zwischen Gebäuden und Tramhaltestellen. Gehen Sie wenn immer möglich in der Dunkelheit nicht allein durch den Park. Bitte beachten Sie diese einfachen Massnahmen und helfen Sie so mit, allfällige Risiken zu vermeiden.» Doch mal angenommen, an den Parkbäumen hingen tatsächlich Kameras und diese nähmen sogar auf, wie ich mit schreckgeweiteten Augen ins Objektiv starre, während mir Gewalt geschieht – gäbe es denn dann jemanden, der in diesem Moment auf den Monitor schaut und herbeieilt, mich zu retten?

Überwachungskameras befinden sich in erster Linie dort, wo viele Menschen unterwegs sind, auf dem Gebiet des Zürcher Hauptbahnhofs etwa. Die Website bigbrotherawards.ch benennt die dortige Kameradichte – «Über 100 Kameras beobachten KundInnen und Angestellte von Bahn und Shopping» – und zeigt deren Lage auf einer Karte. Auch am Eingang vieler Geschäfte kann man sich längst selbst dabei betrachten, wie man den Laden betritt. Man mag zwar den eigenen Anblick nicht immer als erhebend empfinden, doch bedroht fühlt man sich dort wohl kaum. Also dienen auch diese Kameras anderen Zwecken.

Keine Ahnung in der Migros

In je einer Filiale von Coop und Migros mit Bildschirm im Eingangsbereich frage ich nach, was mit den Aufnahmen geschieht, wer sie anschaut und wann sie wieder gelöscht werden. An beiden Orten heisst es, man habe keine Ahnung, weder von der Kamera noch von den aufgenommenen Videos, das machten «andere», man dürfe auch gar nichts dazu sagen, darum kümmere sich die Zentrale. Man ist sichtlich erleichtert, als ich mich damit zufriedengebe. Meine Nachfrage beim Hauptsitz der Grossverteiler ergibt nur wenig mehr: Die Aufnahmen dienen der Diebstahlbekämpfung, ohne «Ereignis» werden sie nach einer kurzen Frist wieder gelöscht, über deren Dauer aus Sicherheitsgründen keine Auskunft erteilt werden kann.

Aber wen schützen Überwachungskameras denn nun eigentlich? Junge Männer etwa, die ja, wie man heute weiss, von Gewalt im öffentlichen Raum am stärksten betroffen sind? Leider nein. Denn auch die Kameras in und vor Clubs verhindern nichts, sondern zeichnen nur auf, wie sich die meist alkoholisierten Testosteronbündel in Gockelkämpfe verwickeln lassen.

Übrigens: Auch jede «vorgetäuschte Überwachung stellt (…) einen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der betroffenen Person dar. Das Gefühl des Überwachtwerdens und eine mögliche Änderung der Verhaltensweise sind denkbare Folgen», sagt der Datenschutzbeauftragte des Kantons Zürich. Bedenken Sie das, bevor Sie im Internet eine Kameraattrappe bestellen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch