Nr. 06/2014 vom 06.02.2014

Ausstellung

Menschenaffen und Rockys Schweiss

Während mehrerer Jahre hat der in Lausanne lebende Künstler Guillaume Pilet im Rahmen seiner Studie «Learning from Aping» allerlei zur Primatenforschung gesammelt. Aus Verhaltensforschung, Literatur und Alltagsobjekten hat er sich ein grosses Archiv angelegt. Das gesammelte Material verarbeitete er dann unter dem Titel «Learning to Love» zu Kunstwerken.

Im Kunsthaus Glarus werden nun einige seiner Werke ausgestellt. Die grossformatigen Cage-Paintings erwecken im Museumssaal den Eindruck einer Gefängniszelle und hinterfragen so das Kunstsystem. Im Experimentalfilm «I Ape Therefore I Am» behandelt Pilet anhand der Beziehung zwischen Mensch und Affe Themen wie Freiheit und Gefangenschaft, Natur und Kultur, Liebe und Domination.

Mit Gegensätzen setzt sich auch die aus dem dänischen Aarhus stammende Nina Beier in der gleichzeitig eröffneten Ausstellung «Rocky» auseinander. Sie beschäftigt sich darin unter anderem mit ungewöhnlichen und überraschenden Konstellationen von Objekten, zum Beispiel wenn sie Echthaarperücken aus China und handgeknüpfte orientalische Teppiche nebeneinanderstellt. Beiers Fotoserie «Sweat no Sweat no Sweat no Sweat no Sweat» setzt sich aus verschiedenen Nahaufnahmen aus den «Rocky»-Filmen zusammen. Alle Fotos zeigen einen anderen Ausschnitt des Oberkörpers der Titelfigur Rocky Balboa im schweissbefleckten Shirt. Die Bilder thematisieren den menschlichen Körper und halten die sonst flüchtigen Körperabsonderungen als Abbild fest.

Guillaume Pilet «Learning to Love» und Nina Beier «Rocky» in: Glarus Kunsthaus Glarus, Sa, 8. Februar 2014, 18 Uhr Eröffnung. Di–Fr, 14–18 Uhr; Sa/So, 
11–17 Uhr. Bis 4. Mai 2014. www.kunsthausglarus.ch

Anina Ritscher

Japanische Plakatkunst

Japan und die Schweiz nahmen vor 150 Jahren diplomatische Beziehungen auf. Aus diesem Anlass zeigt das Zürcher Museum für Gestaltung die Ausstellung «Japanische Plakatkünstler. Kirschblüte und Askese». Sie versammelt 300 Plakate aus der Zeit von 1950 bis heute.

In Japan ist nach dem Zweiten Weltkrieg eine eigenständige Plakatkultur entstanden, in der subtile Poesie neben einer leuchtenden Farbigkeit vorkommt. Für westliche Augen erscheint der Bildaufbau gelegentlich als Provokation, und die Regeln der visuellen Kommunikation scheinen aufgehoben. Die Sujets dienen der Vermittlung sozialer, politischer und kultureller Botschaften. Von der Drucktechnik her sind sie oft näher beim Kunstmarkt angesiedelt als bei der Werbung.

Parallel zu einer kulturellen Öffnung kam es auch zu einem verstärkten Austausch mit der übrigen Welt. Gleichzeitig fand aber auch eine Rückbesinnung auf die eigene reiche Tradition statt. Motive, die eng mit der philosophischen und religiösen Geschichte verbunden sind, wurden aufgenommen und variiert. Einfachheit und Abstraktion – oft als zweidimensionale Flächenkunst – stehen bunten Wimmelbildern gegenüber.

Die Arbeiten der drei Altmeister Shigeo Fukuda, Kazumasa Nagai und Ikko Tanaka stehen in engem Dialog mit den Werken der europäischen Moderne. Bei den neueren Arbeiten ist gut sichtbar, wie die japanische Ästhetik auch bei uns ihre Spuren hinterlassen hat. Neben den ausgestellten Plakaten sind auch Projektionen von Strassenszenen aus Japan zu sehen, damit man einen Eindruck erhält, in welchem Umfeld die Plakate dort zu sehen sind.

«Japanische Plakatkünstler. Kirschblüte und Askese» in: Zürich Museum für Gestaltung, 
Di, 11. Februar 2014, 19 Uhr Vernissage. 
Di–So, 10–17 Uhr; Mi, 10–20 Uhr. Bis 25. Mai 2014. 
www.museum-gestaltung.ch

Fredi Bosshard

Momente des Zerfalls

In Bertold Stallmachs Animationsvideos und Installationen passieren eigenartige Dinge mit seltsamer Beiläufigkeit. So bewegen sich in sorgfältig gearbeiteten architektonischen Modelllandschaften Rattenknäuel durch eine Welt, in der ein Maulwurf die Entscheidungen trifft.

Muriel Baumgartner hat, als Anspielung auf die wohnlichen Räume des Kunsthauses Langenthal, subtile installative Eingriffe im «Hinterzimmer der Behaglichkeit» vorgenommen. Mit feinem Gespür für Ort und Atmosphäre lässt sie Erinnerungssplitter zu irritierenden Momenten von Zerfall und Absenz werden.

Bertold Stallmach «Der Ziele sind gar viele» 
und Muriel Baumgartner «Hinterzimmer der Behaglichkeit» in: Langenthal Kunsthaus, 
Mi, 12. Februar 2014, 19 Uhr Vernissage. 
Mi–Fr, 14–17 Uhr; Sa/So, 10–17 Uhr. Bis 13. April 2014. 
www.kunsthauslangenthal.ch

Fredi Bosshard

Theater

Was heisst Freiheit?

«Entweder wäre ich im Krieg gestorben, oder ich würde ein Sklavendasein beim Militär fristen.» Dies antwortete der eritreische Schriftsteller und Oppositionelle Zekarias Kebraeb vor zwei Jahren in einem Interview auf die Frage, wo er heute wäre, wenn er sein Land nicht verlassen hätte. Kebraeb lebt seit mehreren Jahren mit seiner Familie in Deutschland. Viele seiner Landsleute leben in der Schweiz, und die EritreerInnen bilden hier inzwischen eine der grössten Flüchtlingsgruppen.

Auch Seid Nur, Getachew, Solomon Tesfay, Tesfa Hiwet und Solomon Negash wohnen hier. Nach einer Odyssee versuchen sie, Fuss zu fassen und ein freies Leben zu führen. Doch was heisst «frei» oder «Freiheit»? Und wo findet man diese? Liegt sie auf den Strassen von Asmara oder doch eher beim Bahnhof in Aarau? Mit diesen Fragen setzen sich die eritreischen Schauspieler im Stück «What We Can Build Together» auseinander.

Das Projekt entstand als Zusammenarbeit der Gruppe für aktuelles Theaterschaffen Szenart und der eritreischen Community in Aarau. Die eritreischen Darsteller befinden sich im Spannungsfeld ihrer Fluchterfahrung aus dem Heimatland und einem neuen Leben in der Schweiz. Welche Schwierigkeiten und Hürden sie dabei nehmen und wie sie diese meistern, erzählt «What We Can Build Together».

«What We Can Build Together» in: Bern Tojo in der Reitschule, Do–Sa , 6.–8. Februar 2014, jeweils 20.30 Uhr. www.tojo.ch

Silvia Süess

Novecento

Für «Ich Biene – ergo summ» wird Jürg Kienberger am 10. April in Thun der diesjährige Schweizer Kleinkunstpreis verliehen. Kienberger ist ein liebenswerter, immer etwas schrulliger Künstler, der sich in seinem Universum mit ungeheurer Leichtigkeit bewegt und trotzdem das Gefühl vermittelt, er könnte jeden Moment abstürzen. Er ist Multiinstrumentalist, spielt Glasorgel, Klavier, Handorgel, Claviola und anderes. Als Schauspieler überzeugt er genauso wie als Sänger, bedient sich gerne der Falsettstimme – nicht nur, wenn er die Frauen besingt. Er ist ein Bricoleur des Musiktheaters, der diese leichten Bilder schafft, die an Buster Keaton erinnern – ein Naturtheatertalent eben.

Kienberger ist im Hotel Waldhaus von Sils Maria aufgewachsen. Dort hat er gerne den Pianisten zugehört, die unaufdringlich zum Nachmittagstee aufspielen und deren Fehlen man erst bemerkt, wenn die Musik verstummt. Mit «Novecento. Die Legende des Ozeanpianisten» erzählt er zusammen mit der Bündner Theatertruppe Ressort k die legendenumrankte Geschichte von Novecento.

Am Neujahrsmorgen 1900 wird auf dem Ozeandampfer Virginian ein Säugling gefunden, der den Namen Novecento, also Neunzehnhundert, erhält. Der Heizer Danny Boodman nimmt sich seiner an und versteckt ihn im Maschinenraum. Nach Boodmans Tod beginnt der inzwischen Achtjährige, im Ballsaal der ersten Klasse nachts heimlich Piano zu spielen. Er verlässt das Schiff nie, bleibt als «blinder Passagier zwischen Bug und Heck». Nicht einmal die Liebe zu einer ungarischen Emigrantin kann ihn vom Schiff weglocken.

Novecentos Talent als Musiker wird erkannt, und er spielt immer häufiger mit der Schiffskapelle. Sein Ruhm als Jazzpianist entfaltet sich aber erst über die Reling der «Virginian» hinaus, als er ein «Klavierduell» gegen den berühmten Jelly Roll Morton gewinnt.

Es ist eine Legende, die Alessandro Baricco für Jürg Kienberger aufgeschrieben haben könnte – so scheint es zumindest. Zusammen mit dem Atlantic Jazz Orchester, das aus Daniel Sailer, Marco Schädler und Peter Conradin Zumthor besteht, bringt Kienberger das Musiktheater unter der Regie von Manfred Ferrari auf die Bühne.

Ressort k: «Novecento. Die Legende 
des Ozeanpianisten» in: Zürich Schauspielhaus 
Pfauen, Di/Mi, 11./12. Februar 2014, 20 Uhr. 
www.schauspielhaus.ch

Fredi Bosshard

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