Nr. 28/2014 vom 10.07.2014

Von Jürg Fischer und Karin Hoffsten

Deduktiefe

Wann ergeben Wörter, die es nicht gibt, trotzdem Sinn? In der WOZ zum Beispiel, die über den Meisterdetektiv Sherlock Holmes wusste: «Sein Erfinder Arthur Conan Doyle beschreibt ihn so: Holmes hat medizinische Vorlesungen besucht, ‹kennt sich gut aus in Anatomie und ist ein erstklassischer Chemiker›.» Die zweite Klasse konnte er überspringen: Klassischer gehts nicht.

Fachärztliche

Auch «Tages-Anzeiger Online» operierte neologistisch: «Operationssaal im Kantonsspital Olten. Die Uhr zeigt 13 Minuten vor drei an. Ein Chururg posiert für ein Bild, die Arbeitskleider samt Mundschutz mit Blut verschmiert, hinter ihm operiert eine Person einen Patienten.» Wir hätten eher gedacht, der Arbeitsplatz des Chururgen sei das Tierspital.

Unterpopulistische

Ebenfalls im «Tages-Anzeiger» trieb wieder einmal das mittelamerikanische Paradox sein Unwesen: «In Costa Rica herrscht der emotionale Ausnahmezustand, was die Fussballer aus dem zentralamerikanischen Land gegenwärtig leisten, lässt keinen der fünf Einwohner unberührt.» Ja, wer sonst schafft es mit der Aufstellung 5–0–0–0 in den WM-Viertelfinal?

Akzelerierte

Wenn alles immer schneller gehen muss, drückt sich das auch in der Sprache der Berichterstattung aus: «Möglich gemacht habe der rasche Fortschritt, so heisst es auf einer Schautafel, ein eigentlicher ‹Blitzkrieg›», schrieb die NZZ. Opfer des Fortschritts war der vierte Fall. Auch der «Bund» kann bei der Geschwindigkeit kaum mithalten: «Ein Blitzstart am Blitzturnier bringt der erste Sieg seit 2009.» Vermutlich wurde da das K.-o.-System praktiziert.

Absturzgefährdete I

WOZ-Leserin R. fürchtet übrigens, das Korrektorat des «Bunds» sei einem Massaker zum Opfer gefallen, doch wir vermuten bloss eine vorübergehende Akkusativamnesie. Dass ihr in erster Linie VertreterInnen von Kultur und Sprache zum Opfer fallen, gibt aber auch uns zu denken. Zum Beispiel der Berner Erziehungsdirektor: «Der Abgang im Amt für Kultur nahm er ebenso auf seine Schultern wie fast jede aufgedrückte Korrektur an seinen politischen Plänen.» Den Mann hat sich das Korrektorat wohl zum Vorbild genommen, denn er sagt: «Ich muss nicht recht haben.» Unter den Leidtragenden befindet sich weiter ein deutscher Schriftsteller in Begleitung von GermanistikstudentInnen: «Ein vertikaler Ausflug unternahm die Seminargruppe (...)». Eine Studentin gelangt in einem Essay zum Fazit: «Die Insel Dacht-errasse, für die einen ein Höhepunkt, für die anderen ein Tiefpunkt. Schlussstrich. Aussichtslos.» Es kann nur noch aufwärtsgehen!

Absturzgefährdete II

Im «Bund» stand auch: «Biologen, Politologen und Kunsthistoriker macht die Jobsuche am meisten Mühe.» Zum Glück traf es diesmal keine GermanistInnen. Die Animosität gegenüber dem Buchstaben n zeigte sich auch im «Tages-Anzeiger»: «Den Veranstalter (…) kam zwar auch kein besseres Datum in den Sinn.» Und der «Tatort» auf ORF wurde wie folgt angekündigt: «Zwei Mitarbeiter der Firma Intercomp (…) werden von als Müllmänner verkleideten Mörder hingerichtet.» Unter den Toten waren sicher auch DeutschlehrerInnen.

woznews@woz.ch

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch