Nr. 46/2014 vom 13.11.2014

Vernissage

Transmenschen

Der freischaffende Berner Fotograf Martin Bichsel hat während acht Jahren elf Transmenschen auf der ganzen Welt begleitet. Sein Fotobildband «Trans*Visit» erscheint dieser Tage und zeigt Porträts von Menschen aus Albanien, Griechenland, Russland, Irland, Japan, Tunesien, Spanien, Deutschland, der Türkei, der Ukraine und der Schweiz. Die von Bichsel fotografisch festgehaltenen Menschen erzählen ganz unterschiedliche Schicksale, ihre Geschichten sind mal traurig, mal brutal und dann wieder optimistisch.

An der Buchvernissage in Zürich wird neben dem Fotografen auch der Transmensch und Autor Liam Klenk anwesend sein sowie Alecs Recher, der Kopräsident von Transgender Europa. Recher hat sich 2008 entschieden, von Anja Recher zu Alecs Recher zu werden. Damals sagte er in der WOZ: «Ich werde nicht zum Mann, ich bin schon ein Mann.» Er hatte Glück: Sein Entscheid wurde von seinem Umfeld durchweg positiv aufgenommen. Wie es anderen Transmenschen ergeht, davon erzählt Bichsels Buch.

«Trans*Visit», Buchvernissage in: Zürich Karl der Grosse, Erkerzimmer, Do, 20. November 2014, 
19.30 Uhr; in: Bern Progr, Sa, 22. November 2014, 
18 Uhr. www.karldergrosse.ch, www.progr.ch

Silvia Süess

Ausstellung

Popmusik in der Schweiz

Die Imitation war schon immer ein Grundgesetz der Popmusik: «That’s All Right, Mama», sang Elvis 1954 und löste damit die Poprevolution aus. Den Song hatte er allerdings vom schwarzen Bluessänger Arthur Crudup geklaut. Bis Crudup irgendwelche Tantiemen sah, sollten zehn Jahre verstreichen. Die Imitation stand auch am Anfang der Popmusik in der Schweiz, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg kulturell noch immer im Réduit befand: Les Sauterelles ahmten die Beatles nach und stürmten damit die Hitparade. Trotz der Nachahmung hatte der Pop auch hier handfeste Auswirkungen. Nach den Konzerten der Rolling Stones und von Jimi Hendrix im Hallenstadion in Oerlikon kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Polizei. Darauf folgte 1968 der Globuskrawall 
als Auseinandersetzung um eine zwanglosere Gesellschaft.

Eine Ausstellung im Museum für Kommunikation in Bern spürt nun der Geschichte der Popmusik in der Schweiz seit den fünfziger Jahren nach. Dabei geht es nicht um einzelne lokale Szenen, sondern vielmehr um den Widerhall der Welt in der Schweiz. Als Reiseleiter durch die Zeit wirkt François «FM» Mürner, der für «Sounds!» auf DRS 3 über die neusten Trends aus London berichtete. Auch die Bewegungen im Untergrund, beispielsweise die Musik des Berner Beat-Man, werden gewürdigt. Wenn der Pop nun ins Museum kommt, gibt es zwar einige Devotionalien zu besichtigen wie etwa ein Bühnenoutfit von DJ Bobo. Mit vierzig aktuellen Videoclips findet aber auch eine Beschäftigung mit der Gegenwart statt. Zur Eröffnung spielt Manuel Stahlberger.

«Oh yeah! Popmusik in der Schweiz» in: 
Bern Museum für Kommunikation, Eröffnung 
am Donnerstag, 13. November 2014, 18 Uhr. 
Bis 19. Juli 2015. www.mfk.ch

Kaspar Surber

«Geld: Jenseits von Gut und Böse»

Jugendliche seien im Umgang mit Geld oft überfordert, warnt die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen in ihrem neusten Bericht. Nur Jugendliche? Ach wo! Schon Aristoteles stritt sich im antiken Griechenland mit andern Denkern über den richtigen Umgang mit Geld. Und dass die Investmentbanker den Umgang nicht beherrschen, weiss man spätestens seit der Finanzkrise vor fünf Jahren.

Im himmlischen Jenseits im Zeughaus Lenzburg fliesst tatsächlich Geld statt Milch und Honig – doch macht Geld wirklich glücklich? Das Stapferhaus lädt mit seiner neusten Ausstellung «Geld: Jenseits von Gut und Böse» ein, sich mit Fragen rund ums Geld auseinanderzusetzen, von philosophischen bis zu ganz materiellen. An verschiedenen Installationen kann man Antworten ergründen, etwa zum Verhältnis von Preis und Wert einer Ware: Wie viel kostet ein Quadratmeter Autobahn, eine Flasche Bordeaux, ein Paar Nike-Turnschuhe – und warum? Oder sich aktiv an Debatten beteiligen: Was ist genug Geld? Was ist eine gerechte Verteilung? Nebst Führungen und Workshops zur Vertiefung solcher Fragen hält das Stapferhaus auch spezielle Angebote für Schulklassen und Familien bereit.

«Geld: Jenseits von Gut und Böse» in: Lenzburg Zeughaus, ab 15. November 2014. www.stapferhaus.ch

Franziska Meister

Theater

Vom «söilifressenden» Menschen

Der Berner Autor Michael Fehr hat dieses Jahr beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettlesen für Überraschung gesorgt: Er gewann mit seinem Text «Simeliberg» den zweiten Preis. Fehr, der nur Schemen erkennen kann, hat eine ganz eigene Arbeitsweise: Er schreibt seine Texte nicht auf, sondern diktiert sie in einen Computer. Trägt er seine Texte vor, liest er diese zuerst in den Computer ein und hört per iPod den von sich selber gelesenen Text, den er dann laut repetiert.

Seine Arbeitsweise des «sprechenden Aufschreibens» passe zum Märchenstoff, der auch über lange Zeit nur durch die mündliche Wiedergabe erhalten wurde, fand die Theatergruppe Eiger Mönch & Jungfrau, und sie fragte den Autor an, einen Theatertext zu schreiben. Ausgangspunkt des Stücks «Die drü Söili (mit Ingwer)» ist das englische Märchen «The Three Little Pigs», das 1933 mit der Verfilmung von Walt Disney bekannt und seither in den unterschiedlichsten Formen wiedergegeben wurde.

Ist in der Originalfassung des Märchens der Wolf die grosse Gefahr für die Schweinchen, so ist es in Fehrs Version der Mensch: genauer ein Samurai, der Schweinefleisch liebt und sich mit seinem Hund auf den Weg macht, die letzten Söili zu finden. Diese leben (noch) vergnügt auf einer Insel, wo sie singen, spielen und ihre Häuslein bauen. Im Stück «Die drü Söili (mit Ingwer)», das für Kinder ab sechs Jahren ist, spielen und singen Andrea Brunner, Julius Griesenberg, Daniel Rothenbühler und Brigitta Weber. Inszeniert hat es Antonia Brix, die Lieder (Musik und Texte) kommen von Resli Burri, der seit mehreren Jahren mit der Comedytruppe «Les trois Suisses» durchs Land tourt und zurzeit auch mit der «Begräbnisband» The Dead Brothers unterwegs ist.

«Die drü Söili (mit Ingwer)» in: Bern Schlachthaustheater, Premiere: Mi, 19. November 2014, 18 Uhr, Sa/So, 22./23. November 2014, und 
Sa/So, 29./30. November 2014, jeweils 16 Uhr. 
www.schlachthaus.ch

Silvia Süess

Kabarett

Kernspaltung mit den Birkenmeiers

«Kleines Land braucht kleine Witze?» Das war zwar nur als Frage formuliert, nicht als Befund, und Namen nannte sie auch keine. Aber es war trotzdem klar, wen die Kabarettistin Sibylle Birkenmeier in ihrem Gastbeitrag für die «Schweiz am Sonntag», erschienen zum Tod von Dieter Hildebrandt vor genau einem Jahr, damit ins Visier nahm. Es war eine diskrete Majestätsbeleidigung, gemünzt nicht zuletzt auf Viktor Giacobbo, der mit seiner TV-Sendung «Giacobbo/Müller» dazu beitrage, dass die Schweiz zu einer «satirefreien Zone» geworden sei. Alles Comedy, oder was? Darauf angesprochen, gab Giacobbo zurück, das literarisch-musikalische Kabarett von Sibylle Birkenmeier und ihrem Bruder Michael passe halt einfach nicht in seine Late-Night-Show. Das wiederum dürfen die beiden gerne auch als Kompliment verstehen, auch wenns sicher nicht so gemeint war.

Dabei sind sich die Basler Geschwister mit ihrem neuen Programm «Dings 14» keineswegs zu schade für vordergründig politische Kalauer, wie sie auch am Sonntagabend zur Primetime gut aufgehoben wären. «O Snowden!» heisst es etwa in ihrer Ode an den Whistleblower im russischen Exil: «Du hast deine Pfoten / direkt an die Hoden / eines World Wide Machtapparats gelegt.» Aber in der Tendenz bevorzugen die Birkenmeiers auf der Bühne die unzeitgemässe Betrachtung, die sich ungeniert in den Kopf bohrt, um dort weiterzuwuchern. Dann etwa, wenn Sibylle Birkenmeier via Sigmund Freud und die Kernspaltung auf den sogenannt gesunden Menschenverstand kommt: «Common Sense ist das Beil, das unsere Eltern schon so gespalten hat, dass sie Teil der Gesellschaft werden konnten.» Tückisch, nicht? Ein Abend über die Demokratie, diese «amtlich verordnete Beziehungsstörung», über den Klassenkampf, der ja schon in der Schule nicht zum Aushalten war, aber auch über Psychopharmaka und andere Krankheiten unserer Zeit.

Und wer immer noch meint, das Kabarett sei tot, müsste vielleicht mal die Fernbedienung weglegen.

Sibylle und Michael Birkenmeier mit «Dings 14» 
in: Zürich Miller’s Studio, 15./21./29. November 2014; 
in: Zollikofen Tropisches Gewächshaus HAFL, 
19. November 2014; in: Neuhausen, Trottentheater, 
22. November 2014; in: Biel, Le Carré Noir, 
30. November 2014. Weitere Termine siehe 
www.theaterkabarett.ch.

Florian Keller

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