Nr. 18/2015 vom 30.04.2015

Ausstellung

Die Gnome und der Surrealismus

Eine besondere Stelle in der Gnomengeschichte nehmen die «Gnomes of Zurich» ein, wie 1964 ein englischer Politiker die Schweizer Banker bezeichnete, die illegitimes Geld in Bunkern in der Schweiz horteten. Wie die Geschichte doch keine Fortschritte macht. Zuvor schon hatte der Schriftsteller Otto Steiger im Roman «Die Reise ans Meer» (1960) anhand einer Fabrik für Gartenzwerge eine böse Satire auf das schweizerische (und kapitalistische) Wirtschaftswunder geschrieben.

Obwohl, Gnome sind ja nicht unbedingt Gartenzwerge. Besonders nicht bei Jürg U. Ernst. Der 1950 geborene Maler und Bildhauer hat vor fünfzehn Jahren im bernischen Schwarzenburg einen Gnomengarten geschaffen, und dieser öffnet dieses Jahr zum letzten Mal seine Tore, Höhlen und Brücken. Ernst hat seine Gestalten selbst betoniert und den Garten stetig erweitert und steht so in einer Tradition der hartnäckigen Obsession, nach berühmten Vorbildern – vom Palast des Postboten Ferdinand Cheval bis zu Niki de Saint Phalles Tarotgarten.

Ernsts Gnome sind nicht gerade furchterregend oder gar kriminell, eher skurril-treuherzig. Er verleiht allen Figuren eigene Geschichten, die er als Führer zum Besten gibt. Die letzte Saison des Gnomengartens wird es sein, weil in der Umgebung eine grössere Überbauung geplant ist.

In eine grössenmässig und künstlerisch andere Dimension gehört der Bruno-Weber-Park in Dietikon/Spreitenbach. Der 2011 verstorbene Künstler hat surreale Monumentalwerke geschaffen, die vegetative und mythische Formen aller Kulturen verbinden und zugleich funktional sind, etwa die hundert Meter langen begehbaren Flügelhunde. Dieses Gesamtkunstwerk samt Wassergarten, Teichen und vielfältigen Pfaden lässt die Frage nach Kitsch oder Kunst grandios hinter sich. Nach existenzbedrohenden Schwierigkeiten im vergangenen Herbst startet der Park jetzt gestärkt und hoffnungsfroh in eine neue Saison. Ein eindrückliches Erlebnis, nicht nur für und mit Kindern.

Gnomengarten in: Schwarzenburg, geöffnet jeweils am 2. und 4. Wochenende im Monat, 14–17 Uhr. www.gnomengarten.ch

Bruno Weber Park in: Spreitenbach, geöffnet Mi, Sa und So, 11–18 Uhr. 
www.brunoweberpark.ch

Stefan Howald

Kino

Kein gutes Ende

Auf ein Happy End kann im Mai nicht gehofft werden. Zumindest nicht im «Neuen Kino» in Basel. Dieses zeigt den ganzen Monat Filme, in denen es um organisierte Kriminalität geht, sei es durch Strassengangs, durch die Mafia, Familienclans oder die Polizei. Den Auftakt der Reihe macht «Nairobi Half Life» (2012) des kenianischen Regisseurs David «Tosh» Gitonga. Der Film, der vom deutschen Regisseur Tom Tykwer mitproduziert wurde, erzählt von einem jungen Schauspieler, der nach Nairobi kommt. Dort spielt er in einer Theatergruppe mit und macht parallel dazu Karriere in einer Strassengang. Der Film porträtiert fast dokumentarisch den brutalen Alltag der Gangs in der Grossstadt.

Den grossen Coup plant der sizilianische Clan Manalese, der in Paris als Tarnung für seine kriminellen Geschäfte eine Firma für elektronische Spielgeräte und Flipper betreibt. In «Le Clan des Siciliens» von Henri Verneuil aus dem Jahr 1969 sind zum ersten Mal die drei grossen französischen Schauspieler Jean Gabin, Lino Ventura und Alain Delon gemeinsam auf der Leinwand zu sehen. Die Musik stammt von Ennio Morricone, und das alleine reicht eigentlich schon, um den Film schauen zu gehen – auch wenn das Ganze wohl nicht gut enden wird.

«Die Welt gehört uns» in: Basel Neues Kino, «Nairobi Half Life» Do, 30. April 2015, und Fr, 1. Mai 2015, 21 Uhr; «Le Clan des Siciliens» Do/Fr, 14./15. Mai 2015, 21 Uhr. Weitere Filme zum Thema Gangster 
siehe www.neueskinobasel.ch.

Silvia Süess

Theater

Ein theatralischer Gegenschlag

Das Theater ist nicht erst seit Bertolt Brechts «Dreigroschenoper» eine gesellschaftskritische Darstellungsform. Selbst die höfische Komödie dürfte ihrem erlauchten, dezent kichernden Publikum schon, wenn auch subtil, das Silberspiegelchen vorgehalten haben. Und das Theater hat auch nie aufgehört, wichtiger Ort der Kritik zu sein. Das Auawirleben-Theaterfestival in Bern, das dieses Jahr mit dem Titel «Leave the Winning Team» in die 33. Runde geht, hat diesen Anspruch zum Credo erhoben.

Jede der vierzehn erlesenen Produktionen bietet frische, mutige und oft auch radikale Ansätze der theatralischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Realitäten. Stücke wie «boner» des Schweden Iggy Malmborg (ab achtzehn Jahren) oder «30 Minutes» der Gruppe Ingoodcompany holen mit ihrer Darstellung möglicher Realitäten nicht nur zum Gegenschlag gegen gesellschaftspolitische Missstände aus. Sie bringen auch das Medium Theater bis an seine Grenzen und darüber hinaus – samt Theaterpublikum, versteht sich. Viel zu lernen, zu testen, zu wollen, zu verabscheuen, zu bewundern und ein äusserst ansprechendes Rahmenprogramm wird es geben. Also: Trauen Sie sich!

Auawirleben Theaterfestival Bern in: Bern Tojo Theater Reitschule, Stadtgalerie, Schlachthaus Theater, Dampfzentrale, Heitere Fahne, 30. April bis 10. Mai 2015. www.auawirleben.ch

Stephanie Danner

Konzert

Der Pastor im Führerstand

Im Video zu «Rock ’n’ Roll Is Cold» schreitet er übers Wasser wie der Heiland, aber auf dem Cover seines neuen Albums «Fresh Blood» zeigt Matthew E. White schon mehr Bodenhaftung. Das wallende Jesushaar ausnahmsweise zusammengebunden, thront er an der Heimorgel hinter einem ausladenden Kitschsofa. In der Summe erinnert dieses häusliche Arrangement an einen Bulldozer von üppig gepolsterter Behaglichkeit mit Pastor White im Führerstand, und genau so klingt auch seine Musik: eine breite Front aus psychedelisch grundiertem weissem Gospel. Dabei hatte er als Gitarrist einst die recht freie Jazzcombo Fight the Big Bull gegründet, die er inzwischen zur Hausband seines Labels Spacebomb umfunktioniert hat.

White selber pflegt als Crooner eine raumgreifende, meist schleppende Geschmeidigkeit, die keine Ausrufezeichen kennt. Gehauchte Opulenz, die es selbst dort nicht verbläst, wo das Orchester mit Bläsern, Streichern, Chor auf tutti geht. Ach ja, mit «Tranquility» hat White auch ein herzergreifendes Abschiedslied für den verstorbenen Schauspieler Philip Seymour Hoffman geschrieben. Guter Mann.

Matthew E. White in: St. Gallen Palace, Fr, 1. Mai 2015, 21 Uhr (mit She Keeps Bees); Zürich Stall 6, Sa, 2. Mai 2015, 20.30 Uhr; Genf Usine, So, 3. Mai 2015, 20 Uhr.

Florian Keller

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