Nr. 20/2015 vom 14.05.2015

Der gute Fascho

Von Florian Keller

«Gewalt ist keine Lösung», sagt seine Freundin auf dem Sofa, als im Fernsehen wieder mal die neusten Opfer des lokalen Bandenkriegs gezählt werden. Und neben ihr hockt der Mann, der doch mit jeder Faser das Gegenteil verkörpert: Gewalt als Lösung. Das heisst, solange sie im Rahmen der Fairness ausgeübt wird.

Der Mann ist Yvan Sorel, Kampfsportler aus Marseille und der Protagonist im neuen Dokumentarfilm des Westschweizer Regisseurs Nicolas Wadimoff («Opération Libertad», «Clandestins»). In seinem Quartier im armen Norden der Stadt ist der 24-Jährige zur Integrationsfigur geworden mit der kleinen Kampfsportschule, die er hier betreibt – ohne eigenes Lokal, dafür mit umso härterer Disziplin. «Spartaner!», brüllt er in die Runde, ein Schlachtruf, den er dem martialischen Blockbuster «300» von Regisseur Zack Snyder entlehnt hat.

Nicolas Wadimoff präsentiert Yvan Sorel als Zuchtmeister mit sozialem Gewissen. Seine Schützlinge will er mit harter Hand auf den Pfad von Respekt und Anstand bringen. Dabei zeigt sich: Respekt führt bei Sorel nur über Autorität und Einschüchterung, durch starke Worte oder die blosse Faust. Einmal macht er einen jugendlichen Taugenichts fertig, und danach ist der Bub so fleissig, dass die Mutter aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Zu seinen Schützlingen redet Sorel wie ein Held aus einem schlechten Actionfilm: «Wenn ich euch verliere, verliere ich alles.» Und als seine besten Jungs bei einem regionalen Turnier fast alle Kämpfe verlieren, gibt es nur ein Fazit für ihn: «Ich war zu nett mit euch.» Zur Strafe traktiert er sie reihum wie Sandsäcke. Aber als er vom Tod seiner Mutter erzählt, bricht der Trainer in Tränen aus, «wie eine Schwuchtel». Der Krieger, das wandelnde Klischee.

Mag sein: Wo die Gewalt in den Strassen das stärkste Identifikationsangebot bietet, hilft nur die reglementierte Gegengewalt des Kampfsports. Das scheint die These von Wadimoffs Film zu sein, mit allen Ambivalenzen, die das mit sich bringt. Am Ende sehen wir Sorel, wie er vor einer Schar von Kindern zur grossen antirassistischen Predigt ausholt. Klingt gut. Aber das Ethos, das er in die Köpfe hämmert, bleibt das des Kriegers.

Ab 14. Mai 2015 im Kino.

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