Nr. 25/2015 vom 18.06.2015

Theater

Fellini und Goebbels

Dem Produzenten geht die Luft aus. Er steht im Bademantel und mit Federn geschmückt auf dem Vordach des Eingangs zum Filmstudio und nimmt einen tiefen Atemzug aus seinem Sauerstoffgerät, bevor er weiterspricht. Im Studio wird ein Film gedreht, der Regisseur ist niemand Geringeres als Federico Fellini persönlich. Und, so die schöne Überraschung, die der keuchende Produzent (Mathis Künzler) verrät: Das Publikum darf heute bei den Dreharbeiten dabei sein.

Das ist die Ausgangslage des neuen Stücks der Berner Theatergruppe Vor Ort. Seit fünf Jahren produziert die Gruppe um Sonja Riesen, Mathis Künzler, Dominique Jann und Jonathan Loosli Theaterstücke an auserwählten Schauplätzen in Bern. Für «Fellinis ‹Totale Liebe›» erwecken sie das leer stehende Tramdepot zu neuem Leben. Schlicht grossartig, wie sie diese grosse, hohe Halle mit ihren Tramschienen und daruntergelegten Gängen, von denen aus die Tramwaggons repariert wurden, zu nutzen wissen!

Da wird Fellini mit dem Auto hineingefahren, Tramwaggons werden hineingestossen, mal auch ein Ruderboot, auf dem die verliebten ProtagonistInnen sitzen, und einmal hängt eine Schauspielerin in der Luft. Zum starken Spiel des Ensembles kommt die Musik von Moritz Alfons, die das Stück (geschrieben von Charles Lewinsky) zusammenhält und zu einem echten Spektakel macht – wenn auch der Inhalt manchmal etwas nebensächlich wird. Obwohl auch der spannend ist: Der Film, den Fellini (Dominik Gysin) dreht, handelt von der Liebe zwischen der jungen Schauspielerin Lida Baarová und Joseph Goebbels. Doch während Fellini mit der Inszenierung hadert und seine beiden ProtagonistInnen (Sonja Riesen und Dominique Jann) sich streiten, tritt die gealterte Baarová persönlich auf (Eleni Haupt) und erzählt, wie es wirklich war – was Fellini jedoch nicht interessiert. Denn: «Nichts wird so überschätzt wie die Wirklichkeit.»

«Fellinis ‹Totale Liebe›» in: Bern Tramdepot Burgernziel, Do–Sa, 18.–20. Juni 2015, Di, 23. Juni 2015, 
Do–Sa, 25.–27. Juni 2015, Do, 30. Juni 2015, jeweils 20.30 Uhr. Weitere Vorführungen: www.vorort.be.

Silvia Süess

Film

«The Punk Singer»

«Sie war wie ein Autounfall: Du konntest nicht wegschauen. Aber du weisst schon, was ich meine: Sie war ein guter Autounfall.» Der Mann, der so über seine Ehefrau spricht, ist Adam Horovitz von den Beastie Boys, und der Autounfall ist Kathleen Hanna, einst Frontfrau der feministischen Punkband Bikini Kill, später bei Le Tigre und jetzt Protagonistin des Dokumentarfilms «The Punk Singer» (2013).

Verflucht, da haben wirs wieder: Einer schreibt die Vorschau zu einem Film über eine Galionsfigur der Riot Grrrls, und wem erteilt er das erste Wort? Dem Ehemann, der in halbwegs lustigen Worten seine Frau taxieren darf. Und schon sind wir mittendrin in der alten paternalistisch-heteronormativen Scheisse, gegen die Bikini Kill & Co. einst unter vollem Körpereinsatz angetreten waren. Gar nichts gelernt aus dem Interview mit Laurie Penny (vgl. «Die alten Griechen kannten sieben Wörter für ‹Liebe› »), oder was?

Obiger Einstieg ist schon deshalb verkehrt, weil Kathleen Hanna die Regisseurin Sini Anderson eigentlich gebeten hatte, für «The Punk Singer» überhaupt keine männlichen Zeitzeugen zu befragen. «Ich wollte einfach nicht, dass irgendwelche männlichen Autoritäten den Leuten sagen, was gute Musik ist», erklärte sie in einem Interview mit der US-Zeitschrift «Rolling Stone». «Ich wollte nicht, dass Männer mich bewerten.» Bis auf ihren Beastie Boy sind es nun tatsächlich fast lauter Frauen, die Kathleen Hanna im Film würdigen. Zu Wort kommen Vorläuferinnen wie Joan Jett und Kim Gordon, aber auch Weggefährtinnen wie Corin Tucker und Carrie Brownstein von Sleater-Kinney. Letztere haben im Januar mit «No Cities to Love» ein allseits bejubeltes Comeback gefeiert, jetzt liefert das Zürcher Kino Xenix mit «The Punk Singer» sozusagen das filmische Bonusmaterial dazu. Hat da jemand Rrrrenaissance gesagt?

«The Punk Singer» in: Zürich, Kino Xenix, 
Do–Mi, 18.–24. Juni 2015, 17.15 Uhr. Weitere Filme 
der Reihe «Musikalische Lebensgefühle» siehe 
www.xenix.ch.

Florian Keller

Ausstellung

In der Zeitmaschine

Die Science-Fiction-Autoren haben sich in einem Skulpturenpark versammelt. Sie tragen Regenmäntel, rauchen Pfeife und verhandeln euphorisch die Zukunft: Die kommenden Drogen, den künftigen Sex und selbstverständlich Raumfähren. Dem Film «1984 and Beyond» des irischen Künstlers Gerard Byrne liegt ein Bericht des «Playboy»-Magazins aus dem Jahr 1963 zugrunde. Das Magazin hatte damals Science-Fiction-Schriftsteller zum Gespräch geladen. Sieht man den von Byrne bewusst überzeichneten Autoren zu, wie sie 1963 über die Zukunft nach 1984 diskutieren, die heute als längst vergangene Technikeuphorie erscheint, kommen die Zeiten ganz schön durcheinander.

Die Zeitebenen in Erzählungen sind denn auch das grosse Thema von Byrne. «Mich interessiert, wie in unserer Kultur die Idee von Gegenwart entsteht. Wie wird die Gegenwart dargestellt, und wie verändert sich diese im Lauf der Zeit», schreibt er zu seiner Ausstellung, die derzeit im Kunstmuseum in St. Gallen zu sehen ist. Die Werke in der aufwendigen Multimediaschau sind immer nur in Ausschnitten zu sehen, verteilt über die Museumsräume. Gespräche setzen sich nur bruchstückhaft zusammen: jenes der Surrealisten aus dem Jahr 1928 über Erotik etwa oder das Reenactment einer Werbung für einen Traumwagen mit Chrysler-Chef Lee Iacocca und Sänger Frank Sinatra – herrlich aufgenommen im abgewrackten New Yorker Stadtteil Long Island.

So wird nicht nur Zeit erfahrbar, auch andere Kategorien wie die Geschlechterrollen werden sichtbar. Mal wirkt das etwas didaktisch, dann wieder humorvoll, und ehe man sichs versieht, hat man viel mehr Zeit im Museum verbracht als geplant. Byrne, der Schelm, hat einem tatsächlich die Zeit gestohlen. Oder hat man sie gewonnen?

Gerard Byrne: «A Late Evening in the Future» 
in: St. Gallen Kunstmuseum, noch bis 13. September 2015. www.kunstmuseumsg.ch

Kaspar Surber

Performance

Am längsten Tag

Die Sonne wird aufgehen am 21. Juni. So wie sie das immer gemacht hat am längsten Tag des Jahres – sehr früh und den Morgentau kitzelnd. Aber im Zeughaushof in Zürich wird nichts so sein wie immer. «Der längste Tag» heisst der Performancemarathon, der sich vom Sonnenaufgang um 5.29 Uhr bis zum Sonnenuntergang um 21.26 Uhr erstrecken wird. Im Stundentakt werden sechzehn KünstlerInnen respektive Gruppen aus acht verschiedenen Ländern mit bildender Kunst, Musik, Tanz, Choreografie und Theater wilde Kompositionen erschaffen.

So entwickelt die Gruppe Cactus Collective (London) eine partizipative Choreografie, die Denkkategorien wie Zugehörigkeit und Identifikation in der gegenwärtigen globalen Wirklichkeit infrage stellt. Taufik Syed Riaz (Kalkutta) weist mit seiner Arbeit auf die Genderkonformität von Bekleidung (er nennt es «Genderising») und auf politische Codes hin, indem er als Mann im Sari auftritt, ohne sich typisch «weiblichen» Gesten und Handlungen verpflichtet zu fühlen. Abseits institutionalisierter Gefässe wie Festivals oder Ausstellungen entsteht hier eine Plattform, die PerformerInnen und Publikum in eine gemeinsame Sphäre im öffentlichen Raum katapultiert.

Also, liebe Sphärenreisende: Am längsten Tag früh aus den Federn und erst spät wieder rein in selbige!

«Der längste Tag» in: Zürich Zeughaushof, Performances So, 21. Juni 2015, 5.29 Uhr bis 21.26 Uhr, Concluding Day Mo, 22. Juni 2015, 10–15 Uhr. 
www.derlaengstetag.wordpress.com

Stephanie Danner

Konzert

Helvetia rockt

Musikerinnen in der Rockmusik sind selten. Zwar gibt es viele Sängerinnen, doch es fehlt an Gitarristinnen, Schlagzeugerinnen und Bassistinnen. Somit haben junge Frauen kaum Vorbilder, an denen sie sich für ihren musikalischen Werdegang orientieren können. Junge Musikerinnen unterstützen, sie vernetzen und fördern – das sind die Ziele der Schweizer Plattform und Koordinationsstelle Helvetiarockt.ch. Ein Nachwuchsförderprojekt von Helvetiarockt sind die Female-Bandworkshops: Seit Oktober proben und musizieren über fünfzig junge Frauen in zehn Kantonen und in vier Sprachen und tüfteln an ihren Songs. Am Sonntag haben sie im Progr in Bern ihren grossen Auftritt.

Abschlusskonzert der Female-Bandworkshops in: Bern Turnhalle im Progr, So, 21. Juni 2015, 11–16 Uhr. www.helvetiarockt.ch

Silvia Süess

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