Nr. 32/2015 vom 06.08.2015

Festival

Zeichnende Automaten

Sie waren Kult: die Fotoautomaten, die früher an den Bahnhöfen standen und in denen man für einen Franken vier Schwarzweissfotos machen konnte. Leider gibt es sie kaum noch. Abhilfe schafft der Zeichnungsautomat des Berner ooox-Kollektivs: Wer sich in den Automaten setzt (oder stellt), erhält vier wunderbar gezeichnete Porträts. Der Zeichnungsautomat ist einer von mehreren Automaten, die am Una-Festival in Bern kreativ unterwegs sind.

Doch nicht nur Automaten sind an dem von einer kleinen Gruppe Kulturschaffender gegründeten Festival kreativ, sondern auch die KünstlerInnen, die Theaterstücke, Butohtanz, Musikinstallationen, Feuerperformances und vieles mehr präsentieren. Kreativ können auch die BesucherInnen selber sein: an Workshops zum Kompostieren ohne Garten oder um das musikalische Tier in sich zu finden – oder beim Plattenhören: Ganz gegen den digitalen Trend kann man sich mit anderen in voller Länge ein Musikalbum anhören. Jeder Tag wird mit einem Konzert abgerundet, etwa von Pamela Méndez, Fai Baba und The Siegfrieds & Toys. Am Eröffnungswochenende gibts auch noch einen Rave.

Neben den Automaten gehen seltsame Wesen am Festival um: Nachts stehen kostümierte Menschen an ungewöhnlichen Schauplätzen für ZeichnerInnen Modell.

Una Festival in Bern Grosse Halle der Reitschule, Schützenmatte, Café Kairo, Heitere Fahne und weitere Orte. Bis 23. August 2015. www.unafestival.ch

Silvia Süess

Theater

Allende auf der Landiwiese

Santiago de Chile, 11. September 1973: Während die Truppen von General Augusto Pinochet putschen, verschanzt sich der demokratisch gewählte Staatschef Salvador Allende im Präsidentenpalast und bereitet seine letzte Rede vor. Am Nachmittag wird er sich erschiessen, und Pinochet wird das Land in eine autokratische Finsternis stürzen, die fast zwei Jahrzehnte andauern sollte. Kann man das bitte zurückspulen?

Machen wir, sagt sich der 37-jährige Regisseur Marco Layera, der mit seinem Teatro La Re-sentida am Zürcher Theaterspektakel gastiert. «La imaginación del futuro» heisst das szenische Gedankenspiel, in dem die chilenische Truppe in die Vergangenheit reist, um sich eine andere Zukunft für ihr Land zu erträumen. Der leicht trottelige Allende, dem wir dabei begegnen, ist umgeben von einer Garde von Spin Doctors, die versuchen, dem Lauf der Geschichte eine andere Richtung zu geben und die finstere Ära der Diktatur zu verhindern. Die Kritik reagiert bislang gespalten auf diese historische Groteske: Der Mann von der NZZ sah in dem verrückten Abend einen der Höhepunkte der diesjährigen Wiener Festwochen, für den Kollegen vom Theaterportal «Nachtkritik» war das vor allem brachial, hysterisch und zynisch.

Wer es lieber nicht so überdreht hat, dürfte bei Milo Rau besser aufgehoben sein, der «The Civil Wars» zeigt, den zweiten Teil seiner Europa-Trilogie (siehe WOZ 16/2015). Die Firma für Zwischenbereiche wiederum ergründet anhand zweier realer Biografien das Leben der tamilischen Community in der Schweiz. «The Camouflage Project» heisst diese Performance von Ute Sengebusch und Jessica Huber: Was passiert mit meiner kulturellen Identität, wenn ich mich bis zur Unsichtbarkeit assimiliere?

Zürcher Theater Spektakel in: Zürich Landiwiese, 6.–23. August 2015. Genaues Programm siehe 
www.theaterspektakel.ch.

Florian Keller

Literatur

Die Welt im Seetal

Der Seetaler Poesiesommer bezeichnet sich als das längste Literaturfestival der Schweiz. Das stimmt nicht nur im zeitlichen Sinn, sondern auch im geografischen: Eröffnet wurde das Festival im Juni in London, beendet wird es im August und September mit Besuchen in Stockholm, Triest und Mulhouse. Dazwischen gastiert es zu Hause im Luzerner Seetal. Wobei auch hier Fernweh aufkommen dürfte: Am Hochdorfer Poesietag treffen sich LyrikerInnen aus der ganzen Welt zu einem Fest der Muttersprachen: Andrea Moroni aus Argentinien, Jenisbel Alvarez aus Kuba, Chikho Ghada aus Syrien, Kela Dominges aus dem Kongo und Samir Sánchez und Orlando de J. Muñoz aus Kolumbien.

Auch aus der Schweiz werden Gedichte vorgetragen – vom Rätoromanischen ins Französische oder vom Schweizerdeutschen ins Englische übersetzt, drängen auch sie in die Welt hinaus. Zum Schluss präsentiert Literaturprofessorin Hildegard Keller Gedichte der schweizerisch-argentinischen Dichterin Alfonsina Storni (1892–1938). Mit ihren feministischen Gedanken hat Storni die lateinamerikanische Literatur mitgeprägt. «Manchmal strecken wir die Flügel aus, oft bloss eine Feder» heisst der Abend.

Seetaler Poesiesommer in: Hochdorf 8. August 2015. Die weiteren Stationen: www.heidegg.ch.

Kaspar Surber

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