Nr. 34/2015 vom 20.08.2015

Konzert

Musikfestwochen mit Calexico

Es gibt Bands, die in ihrer Musik Grenzen überschreiten. Und dann sind da Calexico, deren Musik ständig auf der Grenze spielt. Das begann schon mit dem Namen, den Joey Burns und John Convertino auswählten, als sie sich 1997 von der alternativen Countrygruppe von Howe Gelb abspalteten: Calexico, ein Zusammenzug von Kalifornien und Mexiko, existiert als Grenzort tatsächlich. Der grösste Hit der Band, «Crystal Frontier», handelt von verlorenen Gestalten, die an einer unsichtbaren Grenze vom besseren Leben träumen: «Beide Seiten halten scharf Ausschau nach einer Unterbrechung der Linie», heisst es dort. Schliesslich suchten sich Burns und Convertino stets internationale Mitmusiker, mexikanische Mariachi- und deutsche Akkordeonspieler prägten den Sound mit seinen atmosphärischen Hymnen und seinen Stolperfallen. Unberechenbare Musik, dem Flimmern in der Nachmittagshitze ähnlich – man weiss nie: Liegt da nur ein Ast, oder ists doch eine Schlange?

Über die Jahre wurden Calexico konformer, schien sich ihre Vermengung von Folk und Latin ein wenig erschöpft zu haben. Das neue, siebte Album «Edge of the Sun» wirkt wieder inspirierter, frischer. Mit der «Cumbia de Donde» enthält es erneut eine tanzbare Aufforderung zum Unterwegssein und internationale Kollaborationen wie mit der griechischen Band Takim. Diesen Samstag treten Calexico an den 40.Winterthurer Musikfestwochen auf – der auffordernde Gitarrenschlag von Burns und die anfeuernden Bläser sind live stets ein Erlebnis.

Calexico in: Winterthur Musikfestwochen. 
Sa, 22. August 2015. Mit Seasick Steve und Kitty, 
Daisy & Lewis.

Kaspar Surber

Film

Reisender Schocher

«So schmöckts dä Winter i de Schwiiz.» Mit diesem Slogan tourte er im Winter 1979/80 durchs Land, der Handelsreisende Krieger, im Koffer das neue Parfüm aus der Blue-Eye-Kollektion. Er landete nicht gerade an den schönsten Flecken, aber den grauen Geruch der Schweiz jener Jahre fing niemand so präzise ein wie der moderne Odysseus der Kosmetikbranche in Christian Schochers Roadmovie «Reisender Krieger».

Wie es diesen Winter riechen wird? Schwer zu sagen, aber der Spätsommer riecht schon mal schwer nach Schocher. Nicht nur, dass der Director’s Cut des «Kriegers» nun endlich auch auf DVD erschienen ist. In Bern, Luzern, St. Gallen und Zürich wird der Engadiner dieser Tage zudem mit Retrospektiven geehrt, die seine vier wichtigsten Werke versammeln, darunter der Dokumentarfilm «Die Kinder von Furna» und der an den Solothurner Filmtagen einst verschmähte Alpenwestern «Das Blut an den Lippen des Liebenden». Und gewissermassen als Bonusmaterial von Nachgeborenen läuft «Christian Schocher, Filmemacher», eine dokumentarische Hommage von Marcel Bächtiger und Andreas Mueller.

Retrospektive zu Christian Schocher und Dokumentarfilm «Christian Schocher, Filmemacher» in: Bern Kino Kunstmuseum; 
in: Luzern Stattkino; in: St. Gallen Kinok; 
in: Zürich Filmpodium.

Florian Keller

Ausstellung

Staumauerbau im Bergell

Als bekannt wurde, dass die Stadt Zürich im Bergell ein Wasserkraftwerk bauen wollte, läuteten 1955 im Tal die Kirchenglocken. Und mit dem Bau der Albigna-Staumauer folgten für das Bergell denn auch goldene Jahrzehnte (vgl. «Stirbt das Bergell in Schönheit?»). Für den Bau trafen nicht nur Hunderte ArbeiterInnen und Ingenieure aus der Schweiz und aus Italien ein, auch Künstler und Fotografen reisten an, um die Baustelle zu dokumentieren. Zu ihnen gehörten der Holzstecher, Zeichner und Illustrator Emil Zbinden sowie der Fotograf Urs Beyeler. Zbinden quartierte sich in den Baracken an der Staumauerbaustelle ein, um die Arbeiten möglichst präzis festzuhalten. In seinem Werkzyklus wird die Mauer zur Metapher für den industriellen Wandel in der Schweiz. Wie Zbinden war auch Beyeler an den Arbeitsbedingungen interessiert. Seine Fotoreportage zeigt die Menschen bei der Arbeit im Hochgebirge.

Die Darstellungen von Zbinden und von Beyeler sind nun in zwei Ausstellungen im Bergell zu sehen – ihrem Interesse an den ArbeiterInnen folgend, ergänzt um Stimmen von ZeitzeugInnen. Die JournalistInnen und HistorikerInnen Paola Beltrame und Andrea Tognina haben rund dreissig Interviews geführt, um die Ereignisse zu rekonstruieren. Die Gespräche machen hörbar, dass es sich beim Bau der Staumauer um eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit handelte: zwischen Stadt und Alpen, zwischen der Schweiz und Italien.

«L’Albigna di Emil Zbinden» in: Stampa Museo Ciäsa Granda. «Una giornata sull’Albigna» 
von Urs Beyeler in: Castasegna Galleria Il Salice. Beide Ausstellungen dauern bis 20. Oktober 2015.

Kaspar Surber

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