Nr. 34/2015 vom 20.08.2015

Die Forschung nicht den Konzernen überlassen

Von Bettina Dyttrich

Das Wetter hat nicht mitgespielt: Der Freisetzungsversuch mit gentechnisch veränderten Kartoffeln in der staatlichen Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz bei Zürich hat keine brauchbaren Resultate gebracht. Pilzkrankheiten mögen es feuchtwarm – dieser Sommer war zu trocken, um die Resistenz der Gentechkartoffeln gegen Kraut- und Knollenfäule zu testen.

Die Erwartungen sind enorm. Seit Jahren heisst es, Kartoffeln mit dieser Resistenz seien bald marktreif; der Schweizerische Bauernverband führt sie öfter mal als Pro-Gentech-Argument an. Er wird enttäuscht werden: Die geprüfte Kartoffel enthält eine Kombination von Genen, die resistent waren, aber die Krankheit hat sich weiterentwickelt und die Resistenzen durchbrochen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch die Kombination unwirksam wird.

Ein Bündnis von BiobäuerInnen und gentechkritischen Organisationen ruft diesen Samstag zu einer Demo gegen die Gentechversuche auf (vgl. Politour-Rubrik). Das ist gut so. Bei wenigen Themen zeigt sich so deutlich, dass ausserparlamentarischer Protest etwas bringen kann wie bei der Gentechnik. Trotz der enormen Werbeoffensive der Biotechindustrie findet sie bei Europas Bauern und Konsumentinnen keinen Anklang.

Im Demoaufruf wird das Reckenholz zum «Schreckenholz»: Agroscope stehe «im Dienste der industriellen Landwirtschaft». Es stimmt: In den letzten Jahrzehnten war ein grosser Teil der Agrarforschung reduktionistisch und einseitig auf Ertragssteigerung ausgerichtet. Der Gentechkartoffelversuch steht für diese Tradition. Trotzdem leistet Agroscope in vielen Bereichen wichtige Arbeit: beim Bodenschutz oder bei der Erforschung neuer Schädlinge wie der Kirschessigfliege, die vielen Winzerinnen und Beerenpflanzern die Ernte verdirbt. Solche Forschung kommt auch ökologischen Betrieben zugute. Und Agroscope will, wie letzte Woche angekündigt, enger mit dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (Fibl) in Frick kooperieren.

Agroscope ist eine staatliche Institution mit öffentlichem Auftrag, die demokratisch beeinflusst werden kann. Sie muss ökologischer werden, aber es ist falsch, sie als Ganzes infrage zu stellen. Überlassen wir die Agrarforschung nicht den Konzernen.

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