Nr. 52/2015 vom 24.12.2015

Stalinismus im Mittelalter

Wie treibt man die Überdosis von Andacht und Besinnlichkeit aus, die sich über die Festtage so anstaut? Am gründlichsten geht das im Zürcher Filmpodium, wo man mit Schmutz und Rotz und anderen Sekreten der irdischen Existenz ins neue Jahr einsteigt. Wobei, sind wir hier überhaupt in irdischen Gefilden? Nein, der letzte Film des russischen Regisseurs Aleksei German (1938–2013) spielt auf einem fernen Planeten, wo die menschliche Zivilisation in einem ewigen Mittelalter stecken geblieben ist, weil Renaissance und Humanismus unterdrückt wurden.

«Es ist schwer, ein Gott zu sein» (2013) heisst dieses gottverlassene Ungetüm von einem Film, nach dem gleichnamigen Roman der Gebrüder Strugatzki. Man muss sich das ungefähr so vorstellen, als hätten Terry Gilliam und Andrei Tarkowski gemeinsam die infernalischen Wimmelbilder des Hieronymus Bosch verfilmt. Die Dreharbeiten zogen sich über sieben Jahre hin, danach sass Regisseur German weitere sieben Jahre im Schnittraum, und nach seinem Tod brachten seine Witwe und sein Sohn das dreistündige Werk zu Ende. Entstanden ist ein monumentales Tableau der Verworfenheit, so visionär wie aufreibend – und eine drastische Allegorie auf den Stalinismus im Gewand des tiefsten Mittelalters.

«Es ist schwer, ein Gott zu sein» in: Zürich Filmpodium, ab Fr, 1. Januar 2016. Spielzeiten siehe www.filmpodium.ch.

Florian Keller

Zurück in die Zukunft

Von Los Angeles bis Bern wird zurzeit das Erbe des Schweizer Ausstellungsmachers Harald Szeemann (1933–2005) aufgearbeitet. Seine Bibliothek und sein umfangreiches Archiv werden im Getty-Institut an der US-Westküste gesichtet und geordnet. In der Kunsthalle Bern, die Szeemann während der sechziger Jahre leitete, haben nun Studierende des Instituts für Kunstgeschichte der Universität Bern verschiedene Aspekte seiner legendären Ausstellung «Science Fiction» von 1967 neu ausgelegt.

Die so entstandene Schau führt uns direkt zurück in die Zukunftsvorstellungen der damaligen Zeit. Anhand von aufbewahrten Presse- und Publikumsreaktionen und anderen Archivmaterialien aus den Beständen der Kunsthalle ergeben sich so nicht zuletzt Einblicke in die Arbeitsweise des legendären Kurators.

«Science Fiction. Spuren aus dem Archiv» in: Bern Kunsthalle, bis am 24. Januar 2016. www.kunsthalle-bern.ch

Daniela Janser

Grell und greller im Keller

Offen gestanden: Wir können keine Haftung übernehmen für das, was passiert beim «Grellen Keller». Was muss man sich darunter vorstellen? Eine Neondisco im Untergrund des guten Geschmacks? Ein entstaubter Gottfried Keller im Gewand eines postmodernen Updates? Nun, mit dem Keller ist einfach der Ort des Geschehens im Berner Schlachthaus gemeint. Dieser Keller will eine Bühne sein für künstlerische Auswüchse aller Arten und Abarten, die grellen Gastgeberinnen heissen Johanna Dähler, Ernestyna Orlowska und Daniela Ruocco. Angekündigt sind so fragwürdige Ausdrucksformen wie Klangterror und Hasstiraden, dazu grauenhafte Lyrik, eine Technohypnose (was auch immer das ist) und die Einfrauband Permanent Vacation mit ihrem satanischen Schlager. Kurzum: Viel Trash, wenig Ambition. Könnte lustig werden. Oder sauschlecht. Oder aber auch so schlecht, dass es schon wieder gut ist.

«Greller Keller» in: Bern Schlachthaus, Mo, 28. Dezember 2015, 20.15 Uhr. www.schlachthaus.ch

Florian Keller

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