Nr. 36/2016 vom 08.09.2016

Von Florian Keller

Syrien im Koma

Ein Land im Wachkoma: Der junge Syrer Taim wird an einem Checkpoint in Damaskus zusammengeschlagen und landet im Spital. An seinem Krankenbett versammeln sich nun seine Nächsten, während Taim im Koma zum stillen Beobachter seines Lebens und seiner Stadt wird. Mit «While I Was Waiting» haben die Syrer Mohammad al-Attar (Text) und Omar Abusaada (Regie) das diesjährige Zürcher Theaterspektakel eröffnet, jetzt wird das Stück noch dreimal in der Berner Dampfzentrale gespielt.

«While I Was Waiting» in: Bern Dampfzentrale, Do–Sa, 8.–10. September 2016, jeweils 20.30 Uhr (Arabisch mit deutschen Untertiteln).

Villeneuve im Stadtkino

Beim Filmfestival in Venedig hat er gerade Kontakt mit Ausserirdischen aufgenommen, mit seinem neuen Film «Arrival». Derweil ist im Stadtkino Basel nochmals das gesamte bisherige Schaffen von Denis Villeneuve zu sehen. Der Mann aus Québec ist ein grosser Stilist, der in keine Schublade passt und sich selber irgendwo zwischen Ingmar Bergman und Steven Spielberg sieht. «Maelström» (2000) war ein groteskes Märchen, erzählt von einem Fisch, «Incendies» (2010) eine existenzielle Spurensuche vor dem Hintergrund von Krieg und Migration. Und in der albtraumhaften Stilübung «Enemy» (2013) beschattet Jake Gyllenhaal als Geschichtsprofessor seinen eigenen Doppelgänger. Bezeichnend dagegen, dass Villeneuve dann ausgerechnet mit seinem überschätzten Selbstjustizthriller «Prisoners» den Durchbruch in Hollywood schaffte.

Derweil steht der 49-Jährige bereits wieder auf dem Set: In Ungarn dreht er gerade das Sequel zu «Blade Runner», mit Harrison Ford, Ryan Gosling – und der Schweizerin Carla Juri.

Denis Villeneuve in: Basel Stadtkino. Bis 30. September 2016. Genaue Spielzeiten siehe www.stadtkino.ch.

«Büzlä» mit Dachs

Es ist ein offenes Geheimnis: Das WOZ-Hauptquartier ist zu grossen Teilen in Ostschweizer Hand. Da ist es eigentlich unerklärlich beziehungsweise eine kleine Schande, dass in dieser Zeitung bislang noch keine Zeile zum St. Galler Popduo Dachs erschienen ist. Das mag daran liegen, dass sich hier kaum jemand so richtig für den blitzblanken Mundartsoul erwärmen mag, wie ihn Sänger und Gitarrist Basil Kehl und Elektroniker Lukas Senn zusammen pflegen. Grosser Fehler!

Zwar klingt alles irgendwie nach keimfreiem Neobiedermeier, was die beiden anrichten, mit Säuselstimme über sorgsam wattierten Beats. Aber wenn sie ihren derart gepützelten Pop programmatisch überhöhen, entsteht schon mal eine schwerelose Hymne über den Zwang zum Putzen, die gerade deshalb saukomisch ist, weil sie so ironiefrei daherkommt. «Büzlä» heisst dieser mikrofasergereinigte Track über unsere nationale Alltagsneurose, und fürs dazugehörige Musikvideo haben Dachs folgerichtig Max Rüdlinger aufgeboten: Der ewige Hauswart des Schweizer Films steuert darin einen alten Fiat durch eine Waschanlage – und erlebt dort die schiere Ekstase.

Darüber schwebt die Kopfstimme von Basil Kehl, der auf Schüfeli und Bäseli allen Ernstes «C’est la vie» reimt. Und der Refrain ist dann so plakativ bildhaft, dass es einem schwerfällt, das Ganze nicht als politischen Kommentar zu verstehen: «Büzle vor de eigete Hütte / Mir tüend de Dräck i d’Wält use schüttle.» Nein, ein schärferer, träferer Popsong zum Geist des Landes ist derzeit nicht zu haben.

Dachs in: Winterthur Kraftfeld, Do, 8. September 2016, 21 Uhr; St. Gallen Tankstell, Sa, 10. September 2016, 20 Uhr. Zürich Amboss Rampe, 19.30 Uhr. Di, 13. September 2016, 19.30 Uhr.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch