Nr. 51+52/2016 vom 22.12.2016

Weisse Männer

«Reaktion auf die US-Wahl: Empörung reicht nicht», WOZ Nr. 45/2016, und «Ein Besuch bei Emmanuel Todd: Von ‹Charlie› zu Le Pen», WOZ Nr. 48/2016

Die WOZ-Berichterstattung fand ich mittelmässig. Ich hoffe, dass die Tendenz, den Rassismus sozialromantisch zu verbrämen, nicht noch mehr Schule macht. Obwohl Emmanuel Todd ein Buch über den Niedergang des «American Empire» geschrieben hat, ist sein Verständnis der US-Gesellschaft mehr als oberflächlich.

Um Todds Aussagen einzuordnen, muss man sich daran erinnern, dass er Amerika mal als «Land der kastrierenden Frauen» bezeichnet hat. Klar hat er da Verständnis für die Sorgen und Nöte der weissen Männer, die massenhaft Trump gewählt haben. Diese weissen Männer, die sich sehnlichst in die fünfziger Jahre zurückwünschen, fühlen sich zurückgesetzt, benachteiligt (weil sie nicht mehr das Mass aller Dinge sind) und in ihrer Identität (die auf sozialer Hierarchie beruht) bedroht. Gewiss muss man dies als soziales Phänomen ernst nehmen und analysieren. Romantisieren muss man es aber nicht, und davor kapitulieren erst recht nicht. Die Interpretation als Klassenkonflikt ist nicht plausibel. Es ist nicht der Fall, dass die Wenigverdiener Trump und die Reichen Clinton gewählt haben, wie Todd behauptet – es ist tendenziell umgekehrt, wobei die Bedeutung des Geldbeutels bei der Wahlentscheidung zurückgeht. Stattdessen sind die entscheidenden Variablen heute Hautfarbe, Geschlecht und Urbanität. Eine traditionelle ökonomische Erklärung greift da zu kurz.

Im Übrigen sind nicht nur ländliche Weisse «Globalisierungsopfer». Die am schlimmsten gebeutelten Städte wie Detroit und Flint sind überwiegend schwarz und demokratisch und werden von der republikanischen Staatsregierung behandelt wie der letzte Dreck – und deren weisse WählerInnen finden das gut so. So viel zum Thema «Aufstand der Benachteiligten gegen das ‹Establishment›».

Toni Menninger, Bern

Richtige Zertifikate

«E-Voting: Bestraft wird der Rechercheur», WOZ Nr. 49/2016

Das einseitige Schlechtmachen von E-Voting enttäuscht mich. Beim aktuellen Fall, bei dem der Journalist Joël Boissard die Abstimmungsunterlagen doppelt erhalten hat, besteht kein direkter Zusammenhang mit dem E-Voting-System von Genf. Die Genfer Staatskanzlei wies früh darauf hin, dass nicht das E-Voting, sondern die Stimmregisterführung das Problem war.

Auch kann E-Voting nicht als «generell problematisch» bezeichnet werden. Ein wesentliches Problem ist die noch fehlende Transparenz, welche zum Beispiel durch die Veröffentlichung von Erklärungen, Konzepten und dem Programmcode geschaffen werden könnte. Auch die Authentisierung könnte durch die Verwendung eines qualifizierten elektronischen Zertifikats, von welchem der Bund wie bei der physischen ID pro Person gleichzeitig nur eines ausstellt, verbessert werden. Dadurch wäre eine doppelte Stimmabgabe nicht mehr möglich.

Dass Joël Boissard auf diese Problematik hingewiesen hat, muss gewürdigt und nicht bestraft werden.

Marco Fritschi, Winterthur

Kein Leben ohne Tiere

«Durch den Monat mit Anet Spengler: Töten Sie Tiere? Dürfen wir das?», WOZ Nr. 50/2016

Dass sich dieses Gespräch in solch eklatante Widersprüche verstrickt, ist erstaunlich. So wird argumentiert, dass es bei jungen Hähnen nicht in Ordnung sei, deren potenzielles Leben frühzeitig auszulöschen. Gleichzeitig sei es bei eigenen Lämmern aber legitim und gerechtfertigt, das Leben nach ein paar Monaten zu beenden. Weiter wird argumentiert, dass Töten notwendig sei, da es ansonsten bald von Tieren wimmle. Doch Frau Spengler ist diesem Kreislauf nicht schutzlos ausgeliefert, sondern erhält ihn durch die Nachzucht aktiv am Laufen.

Schliesslich ist es ja nicht so, dass wir Menschen mit anderen Tieren bloss in Nutzungsverhältnissen zusammenleben können. Schon heute gibt es viele Projekte, wo Menschen mit Tieren in einem gemeinschaftlichen Verhältnis leben, ohne die Tiere dabei für ihr Fell, ihre Milch oder ihr Fleisch auszubeuten. Ein Leben ohne Nutztierhaltung ist nicht automatisch ein Leben ohne Tiere.

Florian Wüstholz, per E-Mail

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch