Nr. 51/2017 vom 21.12.2017

Was geschah im Sudan?

Wie Rahel Dawit, Mediensprecherin des Eritreischen Medienbunds, einst um ein Haar in der sudanesischen Wüste zurückgelassen worden wäre, wieso sie in der Schweiz eine Weile bei einer Pflegefamilie lebte und wie sie rassistische Sprüche an der Bushaltestelle kontert.

von Laura Cassani (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Rahel Dawit: «Die Beamten in der Wüste liessen alle wieder einsteigen, ausser mich.»

WOZ: Rahel Dawit, sprechen Sie oft über Ihre Flucht aus Eritrea?
Rahel Dawit: Ich habe bis jetzt noch nie wirklich mit Freundinnen oder Bekannten darüber geredet.

Weil Sie nicht gefragt werden?
Einerseits das. Andererseits spreche ich auch nicht sehr gern darüber, obwohl ich es eigentlich wichtig fände. Vor kurzem mussten wir in der Schule unseren Lebenslauf aufschreiben. Ich habe sehr viel Energie gebraucht, um meine Geschichte dann meinen Mitschülern vorzustellen. Sie waren neugierig – verständlicherweise. Ihnen war aber wohl nicht bewusst, dass sie mit ihren Fragen starke Emotionen bei mir auslösten.

Auch ich würde gerne mehr über Ihre Flucht erfahren.
Ich war dreizehn, als meine Mutter entschied, dass wir aus Eritrea weggehen. Mein kleiner Bruder und ich wussten nichts davon. Sie sagte: «Wir gehen an eine Hochzeit von Verwandten.» Und dann sind wir illegal über die Grenze in den Sudan gelangt. Ich konnte mich von niemandem verabschieden, das war krass.

Wo war Ihr Vater?
In der Schweiz. Er ist einige Jahre vor uns durch Libyen und übers Mittelmeer geflüchtet, davor war er im Militär. Wir hörten lange nichts von ihm, wussten nicht, ob er noch lebt. Wir erfuhren nur, wenn wieder Hunderte Leute ertrunken waren.

Fehlte Ihr Vater?
Ja, sehr. Ich musste viel Verantwortung übernehmen. Ich musste arbeiten und meiner Mutter helfen, unser Leben zu finanzieren.

Was geschah dann im Sudan?
Wir sind dort in ein Flüchtlingscamp gekommen. Nach einigen Monaten durften wir in die Hauptstadt Khartum weiterreisen. Mein Vater hatte den Familiennachzug in die Schweiz vorbereitet. Auf dem Weg durch die sudanesische Wüste wurde unser Bus von eritreischen Beamten aufgehalten, wir Eritreerinnen und Eritreer wurden kontrolliert. Die Beamten liessen alle wieder einsteigen, ausser mich.

Wieso?
Sie behaupteten, ich hätte keine gültigen Papiere. Sie wollten mich bei sich behalten und sagten dem Buschauffeur, er solle weiterfahren. Mitten in der Wüste. Dann – ich kann das Gefühl kaum beschreiben – sagte ich einfach ganz frech: «Nein, ich gehe nicht mit!» Und der Busfahrer ist auch nicht weitergefahren. Die anderen Passagiere haben Geld gesammelt, um die Beamten zu bestechen, und ich durfte wieder einsteigen. Wir konnten dann von Khartum in die Schweiz fliegen.

Wie war es, mitten in der Pubertät an einem neuen Ort anfangen zu müssen?
Ich habe mich zwar sehr gefreut, meinen Vater wiederzusehen. Aber es war schwierig, mich an all das Neue zu gewöhnen. Und für meine Eltern war es schwierig zu akzeptieren, wie schnell ich mich an die Kultur hier anpasste. Sie hatten Angst, dass ich die eritreische Kultur verliere. Ich wurde ihnen fremd.

Im Alter von sechzehn bis zwanzig haben Sie dann in einer Pflegefamilie gelebt.
Ich wollte auf keinen Fall in ein Heim, weil ich wusste: Mit den Jugendlichen dort würde ich abstürzen. Mit meiner Pflegefamilie hatte ich grosses Glück. Ich war kein einfaches Pflegekind, habe Grenzen ausgetestet, aber sie haben mich trotz allem behalten. Das war eine wichtige Erfahrung. Sie wussten, wie das Schweizer System funktioniert, genau das habe ich damals gebraucht. Ich denke, es wäre auch für diejenigen eritreischen Jugendlichen, die alleine in die Schweiz geflüchtet sind, gut, wenn sie nicht in einem Heim leben würden, sondern in Kontakt mit Schweizer Familien kämen.

Sie hatten Schwierigkeiten, eine Lehrstelle zu finden. Wieso?
Ich glaube, es spielte eine Rolle, dass ich geflüchtet bin. Und ich glaube, einige wollten auch keine dunkelhäutige Lernende. Ich habe trotz meiner guten Noten so wenige Chancen bekommen, das war schon auffällig.

Erleben Sie im Alltag viel Rassismus?
Ja, wirklich viel. Meistens sind es ältere Menschen, die richtig böse Sachen sagen. Zum Beispiel an der Bushaltestelle. Einmal habe ich mich neben eine Frau auf eine Bank gesetzt und sie sagte: «Verdammte Flüchtlinge! Scheiss Schwarze, fragen nicht einmal, bevor sie sich hinsetzen.» Ich fragte: «Wie bitte? Gehört die Bank Ihnen? Ich glaube, jeder darf hier sitzen.» Da hat sie nichts mehr gesagt und ihre Tasche an sich gedrückt. Das passiert mir oft. Haben die wirklich das Gefühl, ich klaue ihnen etwas?

Sie wirken sehr stark. In unserem ersten Gespräch haben Sie gesagt, dass viele Eritreerinnen ihr Selbstbewusstsein völlig verloren hätten. Wieso sind Sie anders?
Natürlich sind nicht alle eritreischen Frauen schwach, aber sie sind öffentlich weniger sichtbar. Woher mein Selbstbewusstsein kommt? Ich habe fast die Hälfte meines Lebens hier in der Schweiz verbracht. Jetzt habe ich beide Mentalitäten in mir.

Rahel Dawit (22) feiert in der Nacht vom 6. auf den 7. Januar Weihnachten in ihrer eritreisch-orthodoxen Gemeinde in Zürich Wollishofen. Sie wird dann einen weissen Schleier und weisse Kleidung tragen, als Zeichen für Reinheit. Ihre weissgrauen Extensions sind aber kein religiöses, sondern ein modisches Statement.

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