Nr. 02/2020 vom 09.01.2020

Kühne Paarung

Wie holt man die Gesellschaft in die Kunst? Wie den Alltag und die Strasse? Eine Ausstellung im Kunstmuseum Luzern bringt zwei KünstlerInnen zusammen, die auf ganz unterschiedliche Antworten kommen. Giulia Piscitelli geht vom Alltag ihrer Heimatstadt Neapel aus und verknüpft dabei Sinnlichkeit mit Symbolik. In Luzern arrangiert sie etwa mit islamischen Gebetsteppichen bezogene katholische Beichtbänke im Raum und schafft so eine unheimliche Verschmelzung der beiden gemeinhin als gegensätzlich verstandenen Weltreligionen: eine Installation zwischen befreiender Ketzerei und kritischem Kommentar zur religiösen Vereinnahmung des öffentlichen Raums.

Der deutsche Filmer Clemens von Wedemeyer wiederum startet bei der Abstraktion, um aufs Konkrete zu kommen. Elias Canettis «Masse und Macht» dient ihm als analytischer Kompass, mit dem er die jüngere Geschichte nach Massenphänomenen abtastet. So landet er etwa bei den Leipziger Montagsdemonstrationen, die 1989 entscheidend zum Ende der DDR beigetragen haben. Wedemeyer lässt sie als digitale Simulation wiederauferstehen. Und in «Faux Terrain» schickt er ein verloren wirkendes Mädchen durch die Stadt – vom Bourbaki-Panorama über das Kunstmuseum bis in den grössten Zivilschutzbunker der Welt. Bis es am Ende dann doch wieder vom Bildschirm in seiner Hand verschlungen wird.

Giulia Piscitelli / Clemens von Wedemeyer: «Nella società, in Gesellschaft» in: Luzern Kunstmuseum. Bis 9. Februar 2020. www.kunstmuseumluzern.ch

Daniela Janser

Sprengen mit Lynch

Ende 2019 hat die Zürcher Experimentalformation Superterz ihr neues Album «Inland Empire» veröffentlicht. Inspiriert ist es von David Lynchs gleichnamigem Film – von der Herausforderung, ein Konventionen sprengendes und doch zusammenhängendes Werk zu schaffen. Aber auch die Musik von Superterz, die sich auch mit übergreifenden Genres wie Postelectronica oder Postrock nicht fassen lässt, kann wie der abgründige Psychotauchgang Lynchs wirken. Superterz um die Brüder Ravi und Marcel Vaid sind weniger eine Band als ein sich wandelnder Organismus. Bei ihren Performances sind die Instrumente in der Mitte angeordnet, das Publikum bewegt sich frei darum herum. Am besten also, man ist bei der achtteiligen Konzertreihe in der Zürcher Photobastei live vor Ort, jeden Abend mit anderen illustren Gästen: etwa dem Gitarristen Mauro Pawlowski, dem Trompeter Nils Petter Molvaer oder dem Technoproduzenten Olan Galactica.

Superterz mit «Inland Empire» in: Zürich Photobastei, Do, 9. Januar 2020, bis Sa, 18. Januar 2020, jeweils 21 Uhr. Ausführliches Programm mit allen Gästen unter www.photobastei.ch.

David Hunziker

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